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Ein Mitarbeiter zieht eine Folie mit dem Porträt von Leroy Sane von der Außenwand des Fußballmuseums in Dortmund ab.

DFB-Team

Überraschung beim Check-Out

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Joachim Löw lässt neben Bernd Leno, Nils Petersen und Jonathan Tah auch Jungstar Leroy Sané zu Hause - der Bundestrainer ist unzufrieden mit dessen Entwicklung.

Um kurz vor zehn Uhr morgens steuert Mario Gomez einen weißen Mercedes aus der Team-Herberge. Es dauert nicht lange, bis diese Nachricht im nahe gelegenen Pressezelt angekommen war. Gomez von Löw aussortiert? Kann der Bundestrainer das dem Mittelstürmer antun, den er vor zwei Jahren zu dessen großer Enttäuschung gar nicht erst nominiert hatte? Nein, das kann Joachim Löw natürlich nicht. Falscher Alarm: Mario Gomez befand sich lediglich auf dem Weg zu Frau und Baby, die ganz in der Nähe des Mannschaftshotels Quartier bezogen hatten. Auch Co-Trainer Thomas Schneider fuhr mit dem Fahrrad nicht nach Hause, als er um 10.48 Uhr das Hotel verließ, sondern bloß durch die umliegenden Weinberge. Es ist amtlich: Schneider bei der WM dabei, Hansi Flick nicht nachnominiert.

Selbst die Tatsache, dass Marvin Plattenhardt um 10.59 Uhr in einem Geländewagen hinter der Sichtschutzwand hervor chauffiert wurde, wurde zunächst fehlinterpretiert. Der Linksverteidiger nutzte offenkundig nur den vom Bundestrainer nach dem anstrengenden Abend mit der Bundeskanzlerin genehmigten freien Tag zu einem Ausflug, der keineswegs erst in der Heimatstadt Berlin endete. Und, klar, der erst tags zuvor angereiste Toni Kroos fuhr um 11.09 Uhr natürlich nicht gleich wieder nach Hause, sondern gemeinsam mit Miroslav Klose bloß zu einer individuellen Trainingseinheit ins Fitnesszelt.

Auch eine kurzfristige, laut Reglement sogar mögliche Nachnominierung von Lukas Podolski zu Stimmungsaufhellung ist nicht geplant, hört man aus gut informierten DFB-Kreisen. Podolski selbst bestätigte das am Montag dem „Kölner Stadtanzeiger“ und kündigte gar an, er werde die WM in seiner japanischen Wahlheimat weitgehend verpassen: „Wenn die Spiele in der Nacht angepfiffen werden, schlafe ich.“ Insoweit: kein weiterer Klärungsbedarf.

Um 11.29 Uhr erreichte eine Mitarbeiterin des Südtiroler Orga-Teams mit einem frischen Espresso das Podium des Pressezelts. Die Tasse wurde um 11.34 Uhr ausgetauscht. Der Herr Löw, dem Anlass entsprechend ganz in schwarz, sollte keinen lauwarmen Espresso trinken müssen bei der Bekanntgabe seiner abschließenden Kadernominierung für die Fußball-WM 2018. Zwei Minuten später war die Tasse praktisch leer. Löw hatte zur Begrüßung einen großen Schluck genommen; Espresso als Nervennahrung nach einem schwierigen Morgen. Löw sprach zwölf Minuten lang. Und er ließ sich fast die halbe Zeit, ehe er die Namen der vier Aussortierten offenbarte: Bernd Leno, der Torwart, Jonathan Tah, der Innenverteidiger, Mittelstürmer Nils Petersen und Linksaußen Leroy Sané.

Löw äußerte Mitgefühl mit den tief enttäuschten Spielern: „Es ist so, als ob du am Check-In-Schalter nach Moskau stehst und dann nicht einsteigen darfst.“ Gut, dass die Fifa die Check-Out-Frist für Montag, zwölf Uhr gesetzt hatte, acht Tage vor dem Abflug. Löw berichtet, die Entscheidungen seien „wahnsinnig knapp“ gewesen, ohnehin gäbe es „sicherlich schönere Tage im Leben eines Bundestrainers“. Er und sein Trainerteam hätten sorgsam darauf achten müssen, „dass alle Positionen doppelt besetzt sind, so dass wir ins Russland auf alle Eventualitäten gefasst sind“.

Dass sich Löw und seine Mitarbeiter die Entscheidung nicht leicht gemacht haben, bestätigte Kapitän Manuel Neuer ausdrücklich: „Fast immer, wenn ich am Trainerzimmer vorbeigelaufen bin, saßen sie dort zu Meetings zusammen.“ Bis dort am Montagmorgen weißer Rauch aufstieg. Die heimgeschickten Spieler, ergänzte der Torwart, hätten sich allesamt im internen Team-Chat verabschiedet und den Kameraden alles Gute für die WM gewünscht. Brav so.

Löw hatte ursprünglich darauf verzichten wollen, weitere Erklärungen zu einzelnen Personalien abzugeben. Die Vorgabe des DFB-Sprechers für die Pressekonferenz lautete: keine Nachfragen. Draußen vor der Tür ließ sich Löw dann aber doch auf einige Erklärungen ein. Zwischen Sané und Julian Brandt sei es eine extrem enge Entscheidung gewesen. Brandt habe unter anderem den Vorteil, dass er schon beim Confederations Cup vor einem Jahr dabei gewesen sei. Sané hatte seinerzeit wegen einer Nasen-Operation abgesagt. Löw war nicht begeistert über den OP-Termin gewesen, genauso wenig wie über die Leistung des jüngst zum besten Jungprofi der Premier League gewählten 22-Jährigen im Länderspiel im März gegen Brasilien. Danach hatte Führungskraft Toni Kroos verlautbart: „Einige hatten die Chance sich zu zeigen, nicht genutzt.“ Kroos meinte Sané. Dessen sichtlich große Bemühungen am Samstag gegen Österreich mündeten in einem wirren Auftritt, der dem schnellsten Spieler im Kader die letzte Chance kostete.

Im Angriff, so der Bundestrainer, habe er sich zwischen Nils Petersen und Mario Gomez zu entscheiden gehabt: „Wir konnten nicht auf der Verteidigerposition noch einen wegnehmen, um offensiv einen Spieler mehr zu haben.“ Gomez habe „körperlich sehr präsent gewirkt“, für Petersen sei „die Zeit relativ knapp“ geworden. Das war allerdings vorher klar.

Innenverteidiger Jonathan Tah sei als Backup für den wiedergenesenen Jerome Boateng im Vorbereitungscamp dabei gewesen, Boateng wird Dienstag zurück ins Mannschaftstraining kehren. Tah könnte nun den Urlaub am Miami Beach nachholen, den er vor zwei Jahren wegen seiner Nachnominierung zur EM kurzfristig streichen musste. Möglicherweise eine überlegenswerte Alternative zur DFB-Kaserne in der russischen Trabantenstadt Watutinki vor den Toren von Moskau.

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