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Gab’s schon 2014: England gegen Deutschland vor vollen Rängen, hier Lena Goeßling (links).

Umdenken

Auf der Überholspur

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Der englische Verband setzt neue Maßstäbe im Frauenfußball - und Siegfried Dietrich regt zum Umdenken an.

Die Nachricht versandte die Football Association (FA) am Mittwochabend via Twitter. „Wir können final bekannt geben: Das Wembleystadion ist ausverkauft.“ Großbuchstaben und Ausrufezeichen fehlten bei der Erfolgsmeldung für die englische Frauen-Nationalmannschaft nicht, die für alle Anhänger der „Three Lionesses“ noch mit der zarten Bitte unterlegt war: Jetzt liege es an den 90 000 Karteninhabern, aus dem Länderspiel gegen Deutschland am 9. November (18.30 Uhr MESZ) ein historisches Ereignis zu machen: die bisherige Bestmarke von 45 619 Zuschauern aus einem Duell gegen denselben Gegner vor fünf Jahren mal fast zu verdoppeln.

Würde das Publikum ein bisschen zusammenrücken, könnten auch die 90 185 Besucher aus dem Finale der Frauen-WM 1999 zwischen USA und China in der Rose Bowl von Pasadena übertrumpft werden. Aber Sue Campbell, der FA-Direktorin Frauenfußball, reicht „ein großartiger Beleg für die Unterstützung, aber auch die Entwicklung der englischen Mannschaft.“ Ein Freundschaftsspiel der Frauen in der Ruhmeshalle Wembley übt mehr Anziehungskraft aus als ein EM-Qualifikationsspiel der Männer, die gegen Montenegro am 14. November nicht vor vollen Rängen antreten.

Die vorläufige Krönung einer Entwicklung, bei der sich Verband, Vereine, Sponsoren und Medien gegenseitig als Treiber befruchten. Vieles erinnert mit Englands Ausrichtung der Frauen-EM 2021 an den Hype, der in Deutschland vor der Heim-WM 2011 herrschte. Um das Interesse zu befeuern, haben die Karten für Jugendliche unter 16 Jahren nur ein Pfund (1,16 Euro) gekostet, ansonsten waren die Tickets zwischen sieben und 20 Pfund teuer.

Die ähnliche Preisspanne gilt bei Frauen-Länderspielen in Deutschland. Doch der Zuspruch stagniert: Zu den letzten beiden EM-Qualifikationspartien kamen 6275 Anhänger ins Kasseler Auestadion und 5504 auf den Aachener Tivoli. Der VfL Wolfsburg, der nun zum Auswärtsspiel beim 1.FFC Frankfurt (Sonntag 14 Uhr) reist, trat am Mittwoch in der Champions League gegen Twente Enschede vor 1543 Besuchern an. Die Frauen-Bundesliga hat den Schnitt bislang von 800 auf knapp mehr als 1000 gesteigert, aber auch hier hat die Women’s Super League (WSL) viel, viel mehr zu bieten.

Zur Saisoneröffnung mit dem Derby zwischen Manchester City und United strömten 31 213 Besucher, die Chelsea Ladies trugen ihr erstes Heimspiel vor 24 546 Interessierten aus, Aufsteiger West Ham lockte mit stark vergünstigten Preisen für Vereinsmitglieder 24 790 Neugierige.

Siegfried Dietrich, Vorsitzender DFB-Ausschuss Frauen-Bundesligen, sieht mit dem ausverkauften Wembleystadion „eine Signalwirkung für ganz Europa“, wenn auch der langjährige Manager des 1. FFC Frankfurt die Frauen-Bundesliga nach wie vor als „stärkste Frauenfußball-Liga Europas“ begreift. Er will die früheren Erfolge mit „frischen Gesichtern und gemeinsamen Aktivitäten der Nationalmannschaft und Vereine“ wiederbeleben und erinnert an frühere Highlights wie das Endspiel in der weiblichen Königsklasse zwischen den 1. FFC Frankfurt und dem Seriensieger Olympique Lyon 2012, als mehr als 50 000 Menschen in das altehrwürdige Münchner Olympiastadion strömten.

Gerne würde der neue DFB-Präsident Fritz Keller verstärkt die Männer-Lizenzvereine in die Pflicht nehmen und sich mehr Klubs wie Eintracht Frankfurt wünschen, die zur nächsten Saison 2020/21 bekanntlich das Spielrecht des FFC übernehmen. Klubs wie Borussia Dortmund oder FC Schalke 04 weigern sich hartnäckig, Angebote im weiblichen Bereich zu machen.

Anreize schaffen

Interessant: Auf einem am Donnerstag auf dfb.de sorgsam platzierten Interview schlug Dietrich als führende Kraft des 13-köpfigen Ausschusses vor, Anreize zu schaffen: „So könnten im Zuge der Lizenzierung wie auch im Nachwuchsbereich Summen aus der TV-Vermarktung für ein gezieltes Engagement im Frauenfußball ausgelobt werden.“ Man könne zwar niemand zwingen, „den Frauenfußball im Portfolio aufzunehmen“, aber allmählich müssten doch die Vereinsbosse selbst einsehen, „dass durch die auf der Hand liegenden Mehrwerte ein Sog aus logischer Überzeugung entstehen kann.“

DFB-Direktorin Heike Ullrich als mächtigste Funktionärin im operativen Geschäft sprach England „Gratulation und Anerkennung“ aus: Man spüre, dass das Thema Frauen- und Mädchenfußball dort gesellschaftspolitisch angekommen sei: „Das wünsche ich mir auch für Deutschland: Diese selbstverständliche Begeisterung für den Fußball als Ganzes, bei der kein Unterschied zwischen Männer- und Frauenfußball gemacht wird.“

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