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Können auch austeilen: Der Spanier und ehemalige Frankfurter Jesús Vallejo foult Luca Waldschmidt und sieht nur Gelb.

U21

Die Kraft der zweiten Reihe

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Bei der verdienten 1:2-Finalniederlage gegen Spanien haben sich einige deutsche U21-Talente in den Fokus gespielt – und Grenzen aufgezeigt bekommen.

Und plötzlich stand Thomas Schaaf auf dem Podium. In der Hand hielt der ehemalige Bundesligatrainer von Werder Bremen, Eintracht Frankfurt und Hannover 96 den „Goldenen Schuh“, die Auszeichnung für den Torschützenkönig der U21-EM 2019 in Italien. Schaaf, im Hauptberuf Technischer Direktor beim SV Werder, beobachtet schon lange Spiele bei Großereignissen für die Uefa. Sonntagnacht überreichte der 58-Jährige in feinem Anzug und Krawatte Luca Waldschmidt die Trophäe des besten Torschützen. Ein großer Trost für den Stürmer, der mit seinem Team gerade das EM-Finale mit Deutschland gegen Spanien mit 1:2 verloren hatte. Sieben Tore hat der Freiburger in fünf Spielen geschossen, kein Spieler hatte auf dieser Talenteschau je zuvor mehr Tore gefeiert. Waldschmidt bedankte sich artig und drückte Schaaf fest die Hand.

Die beiden kennen sich gut, Schaaf hat dem quirligen Lockenkopf im April 2015 zu seinem Bundesligadebüt bei der Eintracht verholfen, ihn bei einem Spiel in Dortmund für Sonny Kittel eingewechselt. Den Durchbruch in der Bundesliga schaffte Waldschmidt aber erst in der vergangenen Runde in Freiburg. Und hätte Deutschland das Finale zum zweiten Mal nacheinander gewonnen und Waldschmidt ein Tor geschossen, dann wäre wohl er und nicht der Spanier Fabian Ruiz zum „Spieler des Turniers“ gewählt worden. Aber den Spaniern gelang nicht nur verdient die Revanche für die Finalpleite vor zwei Jahren in Polen, auch Mittelfeldstratege Fabian, beim SSC Neapel unter Vertrag, wurde verdient mit dem Lorbeer der besten Turnierkraft bedacht.

So ein Nachwuchsturnier bietet ja immer auch eine Bestandsaufnahme über den Zustand des Talentepools im Land. Trainer Stefan Kuntz war „sehr stolz“ auf seine Mannschaft, die Spieler hätten ein „Riesenpaket an Erfahrungen“ gemacht. „Wir wollten alle einen Schritt weiter machen bei dieser EM, die meisten meiner Spieler haben mehrere nächste Schritte gemacht“, lobte Kuntz.

Die Frage wird sein, ob die Spieler an diesen Erfahrungen wachsen werden. Torwart Alexander Nübel beispielsweise wurde in den zwei Turnierwochen mit allem konfrontiert, was Profis im Verein sonst über eine ganze Saison erleben: Erstmals stand er voll im Fokus der Öffentlichkeit und erregte mit einem Interview in der „Bild“-Zeitung, in dem er seine Ambitionen für die A-Elf unterstrich, ambivalente Reaktionen. Dann hielt er die Mannschaft mit Weltklasseparaden im letzten Gruppenspiel gegen Österreich (1:1) und im Halbfinale gegen Rumänien (4:2) im Turnier, bevor er im Finale krass patzte: Vor dem entscheidenden 0:2 durch Dani Olmos Abstauber ließ er einen Schuss von Fabian abprallen (69.). Stefan Kuntz sagt: „Das wird auch für Alex ein Schritt sein, den er für den Rest seiner Karriere irgendwann gebrauchen kann. Wenn er jetzt eine Karriere wie Oliver Kahn macht, dann hat der Fehler seinen Zweck erfüllt.“

Aber nicht jedes Großtalent legt eine Weltkarriere hin wie Oliver Kahn. Die deutsche U21 hat sich dieser Tage in Italien als Mannschaft präsentiert, die mit einem vom Trainer geschickt geförderten Teamgeist das Publikum begeisterte. Relativierend muss allerdings gesagt werden, dass die Gegner bis ins Finale – Dänemark (3:1), Serbien (6:1), Österreich und Rumänien – nicht zu den stärksten gehörten. Die Deutschen wurden von ihrem Teamgeist und ihrer Wettkampfhärte getragen, die aber in den filigraneren und talentierteren Spaniern ihre Grenzen fanden.

Die ganz großen Talente der spielberechtigten Jahrgänge 1996 bis 1999 haben sich schon in der A-Elf festgespielt: Leroy Sané, Julian Brandt, Kai Havertz, Timo Werner und Thilo Kehrer. Auch Kapitän Jonathan Tah und Rechtsverteidiger Lukas Klostermann können bereits Einsätze in der A-Nationalmannschaft vorweisen. Dem Schalker Torwart Alexander Nübel ist eine Karriere in der Nationalmannschaft zuzutrauen. Starke Spieler wie Mahmoud Dahoud, Maximilian Eggestein, Nadiem Amiri oder Florian Neuhaus haben das Problem, dass auf ihren Positionen in der A-Elf die Konkurrenz riesig ist. Und wie die Perspektive beispielsweise von Waldschmidt aussieht, ist eine spannende Frage.

Internationale Vereine wie Lazio Rom zeigen Interesse. Sein Erfolg in Italien, so der Freiburger, sei das Ergebnis einer Entwicklung über ein ganzes Jahr im Verein. Und dennoch: Waldschmidt katapultierte sich auf der EM-Bühne in zwei Wochen von einem Nebendarsteller in der Bundesliga zu einem europaweit beachteten Talent. Nun wird sich zeigen, wie er mit den Verlockungen der großen Fußballwelt umgeht. Neben einzelnen Spielern hat sich auch der Trainer interessant gemacht. Bundestrainer Joachim Löw, der das Finale in Udine auf der Tribüne verfolgte, lobte: „Auch, wenn es am Ende nicht für den Titel reichte, hat die Mannschaft ein tolles Turnier gespielt und eine sehr gute Visitenkarte abgegeben. Das gilt auch für Stefan Kuntz, der einen super Job gemacht hat. Er hält eine sehr gute Ansprache und hat ein sehr gutes Verhältnis zu den Spielern.“ Für Kuntz gibt es schon länger Angebote aus dem Profifußball. Er hat nach dem jähen Ende seiner Funktionärskarriere in Kaiserslautern seine Trainerkarriere im zweiten Anlauf vitalisiert. Der Boulevard brachte ihn schon als Nachfolger von Löw in Stellung, sollte dieser irgendwann einmal nicht mehr Bundestrainer sein.

In Kürze ist ein „Zukunftsgespräch“ zwischen Kuntz und DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius sowie DFB-Direktor Oliver Bierhoff geplant. Kuntz‘ Vertrag läuft nur noch ein Jahr. Bierhoff sagte, der Verband wolle Kuntz nicht abgeben. Die Olympischen Spiele in Tokio im nächsten Jahr dürften Kuntz als Anreiz zum Verbleib dienen. Auch dort kann man sich als Spieler und auch als Trainer weiter für höhere Aufgaben empfehlen. So wie das beispielsweise Serge Gnabry und Niklas Süle bei Olympia 2014 in Rio gelungen ist. Beide sind nun Stammspieler beim FC Bayern und in der A-Nationalmannschaft.

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