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Stuart Pearce und Paul Gascoigne
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Stuart Pearce und Paul Gascoigne

Glosse

Tumbheit, List und Tücke

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Vor dem Achtelfinale zwischen Deutschland und England ist auch klar, dass führende englische und deutsche Boulevardmedien keine dicken Freunde mehr werden.

Die ganz dicken Freunde werden führende englische und deutsche Boulevardmedien nicht mehr. Kaum war klar, dass Deutschland am Dienstag in England spielen würde, titelte „Bild“: „Hello Wembley, da sind wir wieder!“ Dazu ein Protzbild von Andy Möller nach dessen verwandeltem entscheidenden Elfmeter im EM-Halbfinale vor 25 Jahren. Darüber, deutlich kleiner, ein Foto des berühmten Wembleytors im WM-Finale 1966 von Geoff Hurst. Der fliegende deutsche Torwart Hans Tilkowski und der Ball, der von der Linie springt, aber ein halbes Jahrhundert vor Erfindung der Tortechnologie als Treffer gewertet wird. „Bild“ weiß: „Immer wieder Rache für das Tor, das keines war.“

Die englische „Yellow Press“ ist traditionell auch nicht zimperlich, wenngleich die scharfe Weltkriegs-Tonalität aus dem vergangenen Jahrhundert heute nicht mehr zu finden ist. 1996 war das noch anders. Da gab es noch die tumbe Kriegsrhetorik in ausgewählten Hauptstadtmedien. Schlagzeile im „Daily Mirror“ zum Ausschneiden für die geneigte Leserschaft: „Achtung! Surrender!“ (Gebt auf, ihr Deutschen). Dazu Fotomontagen der englischen Nationalspieler Stuart Pearce und Paul Gascoigne mit Stahlhelm auf den Köpfen.

Der damalige „Mirror“-Chefredakteur Piers Morgan berichtete jetzt dem Fußballmagazin „FourFourTwo“, sein Blatt habe ursprünglich geplant, Deutschland den Fußballkrieg nicht nur in Worten zu erklären, sondern einen Panzer ins Springer-Haus fahren zu lassen. Damit nicht genug: Sogar ein Spitfire-Flugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg sollte nach den Plänen der Redaktion im Sturzflug über den Trainingsplatz der deutschen Mannschaft hinabgehen und „Mirror“-Titelseiten vom Himmel regnen lassen. Der Flieger sei schon startbereit gewesen, als irgendjemand aufgrund tausender Leserproteste gegen den Plan dann doch Skrupel bekam und den Start absagte. Auch die Panzer-Idee wurde verworfen.

Weniger geschmacklos, aber umso listiger begab es sich im Oktober 2001 vorm WM-Qualifikationsspiel in München. Damals hatten sich die Engländer um Superstar David Beckham in einer Nobelherberge unweit des Hofbräuhauses eingemietet. Die Nachtruhe wurde empfindlich durch deutsche Gelegenheitstrinker gestört. Die englischen Blätter waren außer sich. Der Vorwurf: Wettbewerbsverzerrung wegen übernächtigter englischer Spieler.

Der berüchtigte Fleet-Street-Boulevard reagierte. Nachts um vier fuhr ein roter Doppeldeckerbus mit offenem Verdeck vor dem abgelegenen DFB-Quartier am Starnberger See vor. Oben drauf hockte ein Vier-Mann-Kapelle und machte ordentlich Täterätätä.

Harald Stenger, seinerzeit DFB-Mediendirektor, wurde aus dem Schlaf gerissen, noch ehe Teamchef Rudi Völler erwachte. Stenger stolperte mit einer eilig angezogenen Jogginghose über dem Schlafanzug aus dem Haupteingang des Hotels Schloss Berg an und vertrieb Bus mitsamt Live-Band humorlos. Die deutschen Spieler schauten verschlafen aus den Hotelfenstern zu. Deutschland verlor am selben Abend 1:5.

20 Jahre später sieht es verdächtig danach aus, als hätte das Königreich zumindest, was List und Tücke angeht, wieder die Nase vorn. Der DFB hört sich beleidigt an, weil die Mannschaft ihr Abschlusstraining nicht im Wembley-Stadion absolvieren darf. Angeblich muss der Rasen geschont werden. Sagt die Uefa. Und die hat bekanntlich immer Recht.

Joachim Löw findet das nicht lustig, er hätte mit seinen Spielern gern Gras gerochen und Atmosphäre inhaliert. Die Engländer lässt es unberührt. Sie kennen Wembley wie ihren Vorgarten.

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