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Wieder einmal erlebt die Türkei eine Niederlage bei der Bewerbung um die Fußball-EM.

EM-Entscheidung für Deutschland

Die Türkei trauert und wütet gegen die Uefa

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In der Türkei herrscht großer Frust über die erneute Niederlage bei der Bewerbung um die Fußball-Europameisterschaft 2024.

Wieso haben wir die EM nicht bekommen? Diese Frage trieb die türkischen Sportjournalisten kurz nach der Bekanntgabe der Vergabe für das Kontinentalturnier 2024 an Deutschland um. „Das Leben ist wie ein Theater. Die schlechtesten Menschen sitzen auf den besten Plätzen. So ist es bei der Uefa“, schrieb der 71-jährige Journalist Sansal Büyüka und fuhr dann schwere Geschütze auf: „Haben wir meinen Bruder Mesut (Özil; Anm. d. Red.) gelyncht? Haben wir Häuser angezündet, in denen Türken leben?“ Gemeint war wohl der Nazi-Brandanschlag auf ein Haus in Solingen 1993, bei dem fünf Menschen starben.

Die Causa Özil und seine Rassismusvorwürfe gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB) wurden auch im Vorfeld der Uefa-Entscheidung in Nyon immer wieder als Argument gegen Deutschland in der türkischen Presse angeführt. Genauso wie die Proteste in den deutschen Stadien gegen den DFB als Zeichen gewertet wurden, dass die Deutschen das Turnier gar nicht wollen. Am Ende gewann Deutschland die Abstimmung deutlich mit 12:4 Stimmen.

„Gibt es ein Land, dass dieses Turnier seit 20 Jahren so sehr will, wie wir?“, fragte Büyüka. Die Türkei bemüht sich in der Tat seit Jahren um die EM-Ausrichtung. 2012 wurde die Bewerbung noch nicht als ausreichend bewertet. 2016 verlor die Türkei mit nur einer Stimme 6:7 gegen Frankreich. Für die EM 2020 galt das Land auf europäischem und asiatischem Boden als aussichtsreichster Kandidat, bis der damalige Uefa-Präsident Michel Platini mit der Idee um die Ecke kam, die EM in vielen verschiedenen Ländern auszutragen. Nun sollte es also 2024 werden. Die Stadien dafür sind neu gebaut oder in Planung. Die türkische Regierung will zudem weiter in die Infrastruktur investieren, vor allem ins Schienennetz. Das sei „traurig“ für die Uefa und die Europameisterschaft, sagte Sportminister Mehmet Muharrem Kasapoglu nach der Entscheidung des Uefa-Komitees am Donnerstag vor türkischen Medien. Die Türkei habe eine starke Bewerbung vorgelegt und besitze neue Stadien. „Wir haben als Land nichts verloren.“

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan verfolgte die Entscheidung in Berlin, wo er noch bis Samstag zu Gast ist, vor dem Fernseher. Verbandspräsident Yildirim Demirören gab nach der Enttäuschung bis zum späten Abend kein Statement ab. Auch auf der Webseite des türkischen Fußballverbands TFF stand kein Wort über die verlorene EM-Vergabe.

„Für mich ist es keine Überraschung“, sagte der ehemalige Fußballprofi und bekannte TV-Experte Ridvan Dilmen beim Sender NTV am Telefon. Er hatte schon bei der Veröffentlichung des „ungerechten“ Uefa-Reports vergangene Woche gesagt, dass nur noch fehle, das Deutschland schon vorab als Sieger erklärt werde. Grund dafür: die angesprochene Menschenrechtssituation in der Türkei. „Wenn das aber so ist, warum geben sie dann das Finale des Supercups 2019 und das Finale der Champions League 2020 nach Istanbul?“, fragt Dilmen. Zudem verwies er darauf, dass der Umgang in Deutschland mit Mesut Özil und Ilkay Gündogan in deren Bewertung überhaupt nicht thematisiert wurde.

Uefa-Präsident Alexander Ceferin: Türkische Bewerbung mit Risiken

Die Stimmung in den Expertenrunden schwankte zwischen Resignation nach dem Motto: Europa will die Türkei sowieso nicht, und Trotz, es wieder zu versuchen. „Die Uefa wird die nächste EM dann an ein weiteres Nachbarland von Deutschland geben und immer so weiter“, ärgerten sich einige Journalisten.

Gleichzeitig waren sich alle einig, dass die Türkei es wieder versuchen müsse. Ein Hauch der Kritik unter den Journalisten, dass tatsächlich die politische Situation im eigenen Land bei vielen der Uefa-Delegierten für Bauchschmerzen sorgte, kam niemanden in dem Sinn.

Die Reaktion auf einen Tweet vom ehemaligen Chefredakteur der „Cumhuriyet“, Can Dündar, der mittlerweile in Deutschland lebt, sagt über die Lage im Land alles aus. „Wer keine Demokratie hat, dem geben sie nicht einmal den Ball“, hatte Dündar nach der EM-Vergabe getwittert. Die regierungstreue Zeitung „Sabah“ titelte daraufhin wütend: „Niederträchtige Mitteilung des Vaterlandsverräters“. In der Türkei sind nach aktuellen Zahlen 171 Journalisten im Gefängnis.

Uefa-Präsident Alexander Ceferin erklärte, dass die türkische Bewerbung einige Risiken aufwies: „Die Türkei hatte keinen Aktionsplan für Menschenrechte, die Hotelzahl war limitiert und bei einigen Städten gab es Bedenken, bezüglich der Infrastruktur“, begründete Ceferin.

Tatsächlich gibt es keine Zweifel, dass die Türkei die nötigen Bauprojekte um jeden Preis vorangetrieben hätte. In Zeiten der schweren Wirtschaftslage und dem Verfall der Lira gegenüber Dollar und Euro würde sich die Regierung aber massiv verschulden. Wie dramatisch die aktuelle Situation ist, zeigte auch ein Beschluss der Klubvereinigung der türkischen Süperlig am gestrigen Abend. Neue Verträge mit einheimischen Spielern, Trainern und Managern müssen in Lira und nicht mehr in Dollar und Euro abgeschlossen werden. Auf Geheiß von Erdogan. „Ab dem 18. September müssen alle Verträge in Lira gemacht werden. Das sagt das Gesetz“, sagte Fikret Orman, Präsident von Besiktas Istanbul und der Klubvereinigung. Was er davon hält, behielt er für sich.

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