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Die Welt ist schön: Julian Nagelsmann in Lissabon.

Champions League

Tuchels Nagelprobe gegen Nagelsmann

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Das deutsch-deutsche Trainerduell hat eine Vorgeschichte, die vor zwölf Jahren in der zweiten Mannschaft des FC Augsburg in der Landesliga begonnen hat

Das hat sich Thomas Tuchel selbst eingebrockt. Zwölfeinhalb Jahre ist es her, als der damalige Trainer der zweiten Mannschaft des FC Augsburg seinen verletzten Spieler Julian Nagelsmann zur Gegnerbeobachtung des Landesligisten TSV Gersthofen schickt. Der 20-Jährige nimmt den Job sehr ernst. Mit Freundin, die die Handkamera führt, Notizblock und Stift, schaut er sich fortan die nächsten Gegner an. „Das war echt spannend für mich, weil ich mir bis dahin überhaupt keine Gedanken gemacht habe, wie ein Trainer denkt“, berichtet Julian Nagelsmann im sehr lesenswerten Buch „Thomas Tuchel - die Biografie“. „Nachdem ich ein paarmal die Gegner gescoutet hatte, sagte Thomas zu mir, ich solle doch Trainer werden. Er glaube, ich sei talentiert dafür durch die Art und Weise, wie ich ticke und wie ich spreche.“ Er selbst habe dieses Talent „überhaupt nicht gespürt in mir, mich aber sehr gefreut, dass Thomas das so sieht.“ Man könne schon sagen, Tuchel habe ihn zum Trainerberuf gebracht, so der fast 14 Jahre jüngere Nagelsmann.

So kommt es, dass am heutigen Dienstagabend im Halbfinale der Champions League in Lissabon (21 Uhr) die beiden größten deutschen Trainertalente mit ihren Mannschaften Paris Saint-Germain und RB Leipzig aufeinandertreffen. Zwei Lebenswege begegnen sich an einer bedeutenden Kreuzung wieder.

Tuchel, fast 47, und Nagelsmann, gerade 33, verbindet einiges: Sie sind nur 53 Kilometer entfernt voneinander geboren, Tuchel in Krumbach, bayerisches Schwaben, Nagelsmann in Landsberg am Lech, Oberbayern. Sie haben beide ihre aktiven Karrieren wegen Knorpelschäden im Knie aufgeben müssen und sind deshalb in jungen Jahren schon Trainer geworden, sie haben beide studiert (Tuchel Sportwissenschaften und Anglistik bis zur Zwischenprüfung, BWL bis zum Diplom, Nagelsmann BWL bis zum Vordiplom, später Bachelor of Arts in Sport und angewandter Trainingslehre), sie haben jeweils als Nachwuchstrainer mit ihren Mannschaften (Tuchel: Mainz 05, Nagelsmann: TSG Hoffenheim) gleich im ersten Jahr die deutsche A-Jugend-Meisterschaft gewonnen, sie trainieren extrem abwechslungsreich und überfordern ihre Spieler dabei gezielt, sie sind beide stattliche 1,90 Meter groß und rhetorisch sehr begabt. Beide Alphatiere waren zu Beginn ihrer Trainerkarriere Draufgänger, die konsequent offensiv dachten. Der eine bei Mainz 05, der andere bei der TSG Hoffenheim, wo sie in aller Kürze eine Ära prägten. Beide denken inzwischen ballbesitzorientierter und weniger überfallartig über erfolgreichen Fußball. Und beide sind nun in investorengesteuerten Klubs angestellt, die ihnen finanziell und sportlich weit überdurchschnittliche Möglichkeiten verschaffen.

Tuchel, der Asket, der stolz darauf ist, dass er selbst im Toskana-Familienurlaub keinen einzigen Bissen Pasta isst, hat seitdem zwei Schritte voraus gemacht: aus Mainz zu Borussia Dortmund und dann nach Paris. Nagelsmann, der gern Schokoladenriegel futtert, ist vorigen Sommer aus Hoffenheim nach Leipzig gewechselt. Er ist jetzt ungefähr dort in der Karriere, wo Tuchel zwischen 2015 und 2017 mit dem BVB war und im Streit schied. Für Nagelsmann geht es gegen Paris um die Bestätigung einer ohnehin schon klasse ersten Spielzeit mit RB Leipzig. Für Tuchel, dessen dünnes linkes Bein wegen eines Mittelfußbruchs in einer Schiene steckt, geht es in der Nagelprobe gegen Nagelsmann um den Joberhalt.

Die Welt ist schmerzhaft: Thomas Tuchel.

Tobias Schächter, Redakteur bei den „Badischen Neusten Nachrichten“ und gemeinsam mit „FAZ“-Reporter Meuren Co-Autor der Tuchel-Biografie, hat beide Trainer jahrelang persönlich begleitet. Er sagt: „Nagelsmann hat sich und RB Leipzig extrem weiterentwickelt. Paris ist keine klassische Tuchel-Mannschaft, die er weiterentwickeln kann. Sein Job ist es dort vor allem, den auf Neymar und Mbappe zugeschnittenen Spielstil zu pflegen“ - und zudem das 400 Millionen Euro teure Duo zu bändigen. Der Versuch der beiden Autoren, den ihnen gut bekannten Tuchel für ihr Buch persönlich zu sprechen, schlug fehl. Der Trainer sagte in einem dürren Zweizeiler über seinen Berater ab und teilte später via Twitter mit, er habe weder an der Biografie mitgearbeitet oder sie autorisiert.

Seit er Dortmund verlassen hat und nach weiterem Sabbatjahr in Paris übernahm, meidet Tuchel bis auf die obligatorischen Pressekonferenzen Einblicke in seine Arbeit. Erst neulich maßregelte er einen französischen Journalisten, der es gewagt hatte, nach der anhaltenden Torflaute zu fragen, mit stechendem Blick in aggressiver Tonalität. Man spürt den Druck, der auf dem Trainer-Nerd lastet.

Nagelsmann präsentiert sich sichtbar entspannter. Nachvollziehbar: Das Frontschwein und sein Team wurden nach dem Sieg über Atlético Madrid mit Lob aus Spanien überhäuft. Tenor: „Jung und rotzfrech“ („Sport“), „ein Bienenschwarm“ („Marca“). Das salbt die Seele vor dem deutsch-deutschen Trainerduell.

Tuchel hatte schon mal so ein Spiel, einen Clash der deutschen Toptrainer: im April 2016 an der Anfield Road mit Borussia Dortmund im Viertelfinale der Europa League gegen Jürgen Klopp und den FC Liverpool. Nach dem 1:1 im Hinspiel führt der BVB bis zur 66. Minute 3:1. Am Ende kann Tuchel die 3:4-Niederlage gegen einen entfesselten Gegner nicht verhindern. Hinterher sagen Kritiker, die Einwechslung von Matthias Ginter für Shinji Kagawa unmittelbar vor genau jenem Liverpooler Eckball, der zum 3:3 führte, habe zum falschen Zeitpunkt die falsche Botschaft gesendet und völlig untypisch für Tuchels offensives, mutiges Denken gestanden: Verwalten des Vorsprungs statt Gegenangriff.

Nagelsmann sagt in der Tuchel-Biografie im Rückblick interessante Sätze, die - Ironie der Geschichte - auf den heutigen Abend hindeuten: „Vielleicht hat es damit zu tun. dass Thomas einen so ausgeprägten Siegeswillen hat und unter Druck gefangen ist. Gerade in wichtigen Europapokalspielen ist man im Tunnel und macht vielleicht mehr Fehler. Ich habe das selbst auch gemerkt bei Spielen in der Champions League. Man wird aus Angst, etwas falsch zu machen, zögerlicher.“ Da weiß einer, wovon er spricht: Mit Hoffenheim verlor er zahm gegen Klopp in der Qualifikation zur Königsklasse 2017.

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