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Nimmt in England gerade jede Hürde: Norwich-Profi Tom Trybull (rechts).

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Tom Trybull von Norwich City: Gegen alle Widerstände

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Tom Trybull galt einst als großes Talent, stürzte dann tief – und spielt jetzt in der Premier League für Norwich City.

Auf einmal war es da, dieses Lied, wie aus dem Nichts gekommen, dann aber nicht mehr zu überhören. Auch für Tom Trybull nicht, der dennoch einen Moment benötigte, ehe er verstand. Verstand, dass es in dem kurzen Text, gesungen auf die Melodie des Evergreens „September“ von der Band „Earth, Wind & Fire“, ausschließlich um eine Person geht: um ihn. Den Mann aus dem Mittelfeld von Norwich City, dem die Fans zu Füßen liegen: „Oh, oh, oh, his name is Tommy Trybull, oh, oh, oh, he’s a midfield maestro, oh, oh, oh – he never gives the ball awaaaay!“ Seit knapp zwei Jahren zählt der Gesang nun schon zum festen Repertoire der Norwich-Anhänger – für Trybull, einst beim Bundesligisten Werder Bremen, ein wiederkehrender akustischer Ritterschlag und der musikalische Beweis dafür, dass er es tatsächlich geschafft hat. Gegen alle Widerstände. In der kommenden Saison wird der 26-Jährige, der 2015 bis in die Regionalliga Bayern abgestürzt war, in der englischen Premier League spielen, der vielleicht besten Fußballliga der Welt. „Das realisiere ich erst, wenn ich am ersten Spieltag auf dem Rasen stehe“, sagt Trybull, der seinen Vertrag in Norwich vor wenigen Tagen bis 2022 verlängert hat. Dann erzählt er seine Geschichte.

Zeitlich passt es gerade ganz gut, was durchaus ein Glücksfall ist, denn Tom Trybull telefonisch zu erreichen, ist in diesen Tagen nicht unbedingt leicht, kurz vor Beginn der neuen Premier-League-Saison, die Norwich City am Freitagabend (21 Uhr) mit dem Auswärtsspiel beim FC Liverpool an der berühmten Anfield Road eröffnet. Da bleibt nicht viel Luft für andere Dinge. An diesem Morgen aber ausnahmsweise schon. Mit seiner Frau Anna und dem gemeinsamen Hund macht Trybull einen Spaziergang durch die Felder von Norwich. Gelegenheit zu reflektieren, was ihn in die 200 000-Einwohner-Stadt im Osten Englands geführt hat. „Fußball ist ein Geschäft, in dem ich fast zwei Jahre lang nur auf die Fresse bekommen habe“, sagt Trybull, der dabei kein bisschen verbittert klingt. Er sagt es nüchtern. Die sachliche Feststellung eines Profis, der sein Glück inzwischen gefunden hat. Der früher, gleich zu Beginn der Karriere, schon einmal weit oben war, mit Werder in der Bundesliga. Der dann aber tief gefallen ist und dem sie nun in England Lieder singen. „Das zeigt mir, dass es nicht so verkehrt ist, was ich mache“, sagt Trybull.

31 Spiele in Englands Zweiter Liga hat der Mittelfeldspieler in der vergangenen Saison absolviert und als Leistungsträger großen Anteil daran gehabt, dass Norwich im Mai nach dreijähriger Abstinenz als Meister die Rückkehr in die Premier League feiern konnte. „Es gab eine Riesenparty, wir sind quer durch die ganze Stadt gefahren, einfach nur geil“, berichtet Trybull, der im August 2017 von ADO Den Haag nach Norwich wechselte und perfekt ins Beuteschema des deutschen Trainers Daniel Farke und des Sportchefs Stuart Webber passte. Die beiden Macher setzten und setzen noch immer auf Profis, die bereits in der Bundesliga gespielt haben, dann aber irgendwie gestrandet sind. Moritz Leitner, Timm Klose, Marco Stiepermann, Mario Vrancic, Teemu Pukki, seit diesem Sommer auch noch Torhüter Ralf Fährmann – die Liste ist lang. Und Trybull steht auch mit drauf. In Bremen, lange her, galt der gebürtige Berliner schließlich mal als große Hoffnung für die Zukunft.

Die Erwartungen an das 19-jährige Talent wurden damals komprimiert in nur einem einzigen Satz, der fortan für viele Jahre schwer auf Trybulls Schultern lasten sollte. Sportchef Klaus Allofs ist es, der im Frühjahr 2013 sagt, Trybull „würde auch im Mittelfeld des FC Barcelona nicht negativ auffallen“. Gut sechs Jahre später entfährt dem Fußballer beim Spaziergang durch Norwich an dieser Stelle ein Seufzer.

„Der Satz war damals keine Bürde für mich, ich habe es eher als Ehre empfunden, dass jemand wie Klaus Allofs so etwas über mich sagt“, erklärt Trybull. Ein Problem wird das Barcelona-Bild dennoch für ihn. „Viele Leute, die mich und meine Leistungen in den Jahren danach bewertet haben, haben mich nur noch nach diesem Maßstab beurteilt.“ Verurteilt, hätte er auch sagen können. Den plötzlich sehr hohen Ansprüchen wird Trybull danach jedenfalls nicht mehr gerecht. Im Winter 2014, nach 21 Einsätzen in der Bundesliga, entschließt er sich zu gehen. Trainer und Förderer Thomas Schaaf ist da schon lange weg, und unter Nachfolger Robin Dutt sieht Trybull keine Perspektive mehr, obwohl Werder ihm einen neuen Vertrag vorlegt. „Bremen zu verlassen war ein Fehler“, sagt Trybull heute, „ich wurde damals nicht gut beraten und würde es nicht noch einmal so machen.“ Besser sollte es für den Techniker bei seinen nächsten Stationen nicht werden – im Gegenteil.

Großartig vertiefen möchte der Profi die schwierigen Jahre seiner Karriere heute nicht mehr. Auf der anderen Seite ist Tom Trybull aber ein Mensch, der sagt, was er denkt, auch wenn es manchmal wehtun kann – anderen oder auch ihm selbst. Beim Zweitligisten FC St. Pauli gibt es schon kurz nach dem Wechsel Differenzen mit Coach Roland Vrabec. „Obwohl mir alle gesagt haben, dass ich gut trainiere, durfte ich nicht mehr spielen“, erinnert sich Trybull, der unter Vrabec-Nachfolger Thomas Meggle endgültig in Ungnade fällt. Das Auto, der Kleidungsstil, Art und Weise des Auftretens – „es ging plötzlich um viele Dinge, aber nicht mehr um Fußball“, sagt Trybull, dem damals offen Arroganz vorgeworfen wird. Nach nur einem Jahr zieht er 2015 weiter zu Greuther Fürth, wo er sich schnell in der zweiten Mannschaft wiederfindet. Regionalliga Bayern. Trybulls Problem: Fürths damaliger Präsident Helmut Hack verpflichtet den Profi, noch ehe er einen neuen Trainer holt. „Und als Stefan Ruthenbeck dann kam, hat er seine eigenen Spieler mitgebracht und hatte keine Verwendung für mich. Irgendwann geht dann auch das Selbstvertrauen nach unten, das ist doch klar“, sagt Trybull, für den erst das Jahr 2016 die Wende hin zum Guten bringt.

Auf Anraten seiner damaligen Freundin und heutigen Frau Anna entscheidet sich der Profi für einen Wechsel zu ADO Den Haag in die Niederlande. „Das war wie eine Wiedergeburt“, sagt Trybull, der in der Eredivisie aufblüht, Stammspieler wird – und 2017 schließlich den Absprung auf die Insel wagt. Nächster Halt: Norwich. „Es war das Beste, was ich machen konnte.“

Im ersten Jahr Platz 14, dann der sensationelle Aufstieg. Und nun die Vorfreude. Auf Old Trafford. Auf Anfield. Auf die Stamford Bridge. Viel rasanter kann es nicht nach oben gehen. Reichlich Eindrücke, noch mehr Erfahrungen, das will alles erst einmal verarbeitet werden. Und Trybull möchte es vor allem auch teilen. Seine Frau hat gerade die Arbeit an einem Kinderbuch beendet, das im August erscheint. Hauptfigur: der Fußballer Tom Trybull. „Es geht nicht nur um meine Karriere. Wir wollen auch vermitteln, dass es wichtig ist, seine Ziele nie aus den Augen zu verlieren.“ Nur einen Titel, den hat das Werk noch nicht. Vielleicht sollten Tom und Anna Trybull einfach mal bei den Norwich-Fans nachfragen. „The Midfield Maestro“ – klingt doch gar nicht so schlecht.

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