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Ein besonderer Moment: Dzsenifer Marozsan darf in ihrer Heimatstadt Budapest den Henkelpott in die Höhe stemmen.

Dzsenifer Marozsan

Triumph am Sehnsuchtsort

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Mit dem Champions-League-Sieg in Budapest erfüllt sich Dzsenifer Marozsan einen Traum.

Es schien längst abgesprochen, dass Dzsenifer Marozsan an diesem für sie so besonderen Abend im Ferencvaros-Stadion von Budapest den Vortritt bekommen würde. Aleksander Ceferin, der Präsident der Europäischen Fußball-Union (Uefa), hatte die Trophäe der Champions League mal wieder an die Spielerinnen von Olympique Lyon übergeben. Neu bei der Zeremonie des erstmals vom Männerfinale abgekoppelten Frauenendspiels war nur, dass diesmal Marozsan zur Übergabe erschien. Nicht, weil sie im einseitigen Finale gegen den überforderten FC Barcelona (4:1) den frühen Führungstreffer (5.) erzielt hatte, ehe Ada Hegerberg (14., 19., 30.) einen Hattrick folgen ließ, sondern weil der 89-fachen deutschen Nationalspielerin in ihrer Geburtsstadt die Bühne gehören sollte.

„Ich bin sehr glücklich. Budapest ist meine Stadt, meine ganze Familie ist hier“, sagte die 27-Jährige. „Dass ich hier das erste Tor schieße, war wie im Film. Das war mein Traum.“ Ein Triumph am Sehnsuchtsort mit einem Starensemble, das den Konfettiregen schon gut kennt. Zum vierten Mal nacheinander heimste der französische Seriensieger vor knapp 20 000 Zuschauern den Titel ein – mit der Geschichte der Nummer zehn, die allein 70 Tickets für Verwandte besorgen musste.

„Bemerkenswert offene Frau“

Dzsenifer Marozsan kam 1996 aus Ungarn nach Deutschland, als sie gerade vier Jahre alt war. Vater Janos, viermaliger ungarischer Nationalspieler, hatte einen Vertrag beim 1. FC Saarbrücken unterschrieben. Die kleine „Maro“ musste einige Widerstände überwinden, um überhaupt Fußball spielen zu dürfen. Ihr älterer Bruder David hatte in jungen Jahren eine schwere Knieschädigung erlitten, weswegen Mutter Elisabeth sie lieber zum Tanzen schickte und ihr ein Klavier kaufte. „Aber kaum war ich fertig“, erzählte sie einmal über ihre Kindheit im Saarland, „habe ich meinen Ball genommen und bin zum Bolzplatz.“

Mit 17 ging sie zum 1. FFC Frankfurt, wo sie es auch nicht immer einfach hatte. 2015 gewann sie hier ihren ersten Champions-League-Titel, doch der internationale Durchbruch gelang ihr erst mit dem Wechsel 2016 nach Lyon.

Seitdem ist noch einmal ein Reifeprozess sichtbar. Und die neue Umgebung half ihr, das enorme Potenzial zu entfalten. „Sie hat sich bei uns von einem anfangs etwas introvertierten Menschen zu einer bemerkenswert offenen Frau entwickelt“, sagt Lyons Klubbesitzer Jean-Michel Aulas, der über die fußballerischen Qualitäten regelrecht ins Schwärmen verfällt: „Dzsenifer ist vermutlich diejenige, die bezüglich der Technik die größtmögliche Annäherung im Vergleich zu den besten Männern der Welt geschafft hat.“

Kaum jemand schießt so präzise wie sie, geht so virtuos mit dem Ball um. Erneut ist Dzsenifer Marozsan zur Spielerin der Saison in Frankreich gekürt worden. Auch als Auszeichnung dafür, wie tapfer sie sich wieder zurückgekämpft hat. Ausgelöst durch die Einnahme der Antibabypille hatte sich im Sommer vergangenen Jahres eine Thrombose in der Wade gebildet, die zunächst unentdeckt in die Lunge wanderte.

WM 2019 soll die Bühne sein

Erst im Nachhinein dämmerte der Familie, dass alles viel schlimmer hätte enden können. „Mit drei Monaten Ausfallzeit war ich noch gut bedient“, berichtete sie im Herbst vergangenen Jahres in der Klosterpforte in Marienfelde. Am Krankenbett sei mitunter ihr Rehpinscher namens Nyuszka, ungarisch für Häschen, nicht mehr von ihrer Seite gewichen. Seitdem sagt Marozsan immer, sie wolle nur noch nach vorne schauen.

Der Olympiasiegerin und Europameisterin fehlt noch eine Weltmeisterschaft, der sie ihren Stempel aufdrückt. 2011 in Deutschland musste sie wegen eines Innenbandrisses absagen, vier Jahre später in Kanada knickte die Edeltechnikerin auf dem ungewohnten Kunstrasen so böse um, dass sie sich angeschlagen als Teilzeitkraft durchs Turnier schleppte. Es gibt keine bessere Gelegenheit, als nun in ihrer geliebten Wahlheimat die Akzente bei einer WM zu setzen. Zumal beide Halbfinals und das Finale in Lyon stattfinden. Eine Stadt, die sie lieben gelernt hat. Genau wie Budapest.

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