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Trainer unter Druck.

Fußball-Bundesliga

Tristesse gegen Schwermut

Kaum hat die Saison angefangen, kommen sich die Trainer David Wagner und Florian Kohfeldt wie im falschen Film vor: FC Schalke 04 trifft auf den SV Werder Bremen im Krisengipfel - und jetzt kommt noch der nächste Coronafall dazu.

Es ist schon eine ganze Weile her, da stand eine Konstellation zwischen dem FC Schalke 04 und SV Werder Bremen für gute Fußball-Unterhaltung. Vor 16 Jahren begann damit sogar mal eine Bundesliga-Saison, wobei das Eröffnungsspiel dann vor allem deshalb in Erinnerung blieb, weil wegen eines Stromausfalls rund ums Weserstadion das späteste Tor der Geschichte fiel: Ein gewisser Nelson Valdez traf um 23.13 Uhr zum 1:0 für Werder.

In die Annalen hielten danach einige Schalker Sternstunden Einzug: ein 7:6 im Elfmeterschießen beim DFB-Pokalhalbfinale im April 2005 oder glanzvolle 4:0- und 5:0-Heimerfolge im November 2010 und Dezember 2011. Der geniale Raul schnürte jeweils einen Dreierpack. Erwähnenswert noch, dass sich 2007 die Königsblauen und Grün-Weißen als stilprägende Teams berechtigte Hoffnungen auf die Meisterschaft machten.

Heute zählen in beiden Klubs die Meriten der Vergangenheit gar nichts mehr: Die 58. Bundesliga-Saison könnte nach ersten Indizien für die beiden Klubs ein einziger Überlebenskampf werden. Das Topspiel am zweiten Spieltag, Schalke gegen Werder (Samstag 18.30 Uhr), mutiert zum Krisengipfel. Gelsenkirchener Tristesse gegen Bremer Schwermut. „Zwei Klubs auf Irrwegen“ titelte das Fachmagazin „Kicker“ und bildete auf dem Titel die Fußballlehrer David Wagner und Florian Kohfeldt ab. Aber nicht nur die Trainer haben sich auf Schalke und in Bremen verlaufen. Zwei stolze Vereine sind wirtschaftlich wie sportlich in der Sackgasse gelandet, aus der verzweifelt nach Auswegen gesucht wird. Selbst der Sieger sollte sich nach diesem Wochenende nicht in Sicherheit wiegen.

Ein Erfolgserlebnis am dringendsten nötig hat David Wagner. Der in Frankfurt geborene Fußballlehrer muss im notorisch unruhigen Umfeld ertragen, dass bereits über mögliche Nachfolger wie den Ex-Mainzer Sandro Schwarz spekuliert wird. „Ich bin keiner, der öffentlich ein Ultimatum stellt“, sagte Sportvorstand Jochen Schneider zwar am Mittwoch zur Trainerfrage, fügte aber an, dass er ein anderes Auftreten als vergangenen Freitag bei der 0:8-Abreibung in München erwarte. Denn: „Das geht nicht. Das ist nicht akzeptabel. Dafür ist die Mannschaft auch zu gut.“ Aber ist sie das wirklich? Nur weil in der Vorsaison ausgemusterte Profis wie Ralf Fährmann, Sebastian Rudy, Nabil Bentaleb und Mark Uth auf einmal wieder in der Startelf stehen, verkörpern diese kein gehobenes Niveau.

Eine Handschrift wird unter Wagner seit Monaten vermisst. Nach dem Restart versuchte es der 48-Jährige eingedenk einer langen Verletztenliste erst mit einer Mauertaktik – auch bei der 0:1-Heimniederlage gegen Werder am 29. Spieltag der vergangenen Spielzeit –, dann mit einer Rasselbande. Beides vergeblich. Nun verlangt Schneider eine Leistungssteigerung, „die sich im Ergebnis widerspiegelt“.

Saisonübergreifend 17 sieglose Begegnungen bedeuten für Wagner schon jetzt Platz drei in der Hitliste der erfolglosesten Trainer: Nur Bernd Hoss mit Blau-Weiß 90 Berlin 1986/87 und Heinz-Ludwig Schmidt mit Tasmania Berlin 1965/66 coachten eine längere Durststrecke. Dass Schicksal dieser längst in der Versenkung verschwundenen Klubs will Schalke gewiss nicht erleben.

Ob Werder da der richtige Aufbauhelfer ist? Trotz einer harmonischen Vorbereitung, fast von allen Verletzungssorgen befreit, hat ein Heimspiel beim 1:4 gegen Hertha BSC gereicht, um all die bösen Geister aus der mit Glück (und Schützenhilfe von Union Berlin) überstandenen Vorsaison wiederzubeleben. Kein Mut, keine Idee, kein Tempo, kein Plan. Trainer Florian Kohfeldt sah eine Leistung wie vor der Corona-Pause, „und da will ich nie wieder hin“.

Die Mannschaft, in der Verkaufskandidat Milot Rashica wegen einer Knieblessur weiterhin nicht eingesetzt wird, trat dermaßen blutleer auf, dass 8400 Zuschauer am vergangenen Samstag schon zur Halbzeit pfiffen. Zielscheibe ihres Zorns: der zögerliche Yuya Osako, den Kohfeldt jetzt wieder öffentlich schützt. Das mag vom 37-Jährigen ja ehrenwert sein, doch wichtigste Erkenntnis an der Weser sollte eigentlich sein, dass es nichts nützt, dieses viel zu labile Ensemble erneut in Watte zu packen. Wenn Geschäftsführer Frank Baumann das „richtige Mindset“ vermisst hat, stellt sich die Frage, wer für die richtige Berufsauffassung verantwortlich ist. Kohfeldt hat jetzt gesagt, dass Fatalismus in dieser frühen Phase nicht der richtige Weg sei. Er gehe davon aus, dass seine Spieler gegen einen Gegner „mit Schaum vor dem Mund“ eine andere Leistung zeigen.

Zur Ehrenrettung beider Trainer sei angemerkt: Hier wie dort ging die Transferpolitik nicht auf, konnte wegen der Transferblockaden in Corona-Zeiten der Kader nicht so umgebaut werden wie nötig. Die Klubs sind bei wegbrechenden Einnahmen nur noch beschränkt handlungsfähig. Die einen beantragten eine NRW-Landesbürgschaft, die anderen einen KFW-Kredit. Vieles sieht arg nach Flickwerk aus.

Am 6. August 2004 hat es übrigens gereicht, mit einem Reservekabel die defekte Muffe zu überbrücken – und das Flutlicht ging wieder an. So leicht kommt eine Erleuchtung aber wohl für Schalke wie Werder nie mehr wieder.

Von Frank Hellmann

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