1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Traurig, Cristiano

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Ingo Durstewitz

Kommentare

Ging, als das Spiel noch lief: Cristiano Ronaldo.
Ging, als das Spiel noch lief: Cristiano Ronaldo. © dpa

Superstar Ronaldo schafft es nicht, anzuerkennen, dass andere nachrücken, die vielleicht nicht so gut werden wie er einmal war, aber besser sind als er es in diesem Alter noch ist. Ein Kommentar.

Es war ein zauberhafter, ja perfekter Abend im Theater der Träume, dem altehrwürdigen Old Trafford. Manchester United hatte sich am Mittwochabend zu einer wahren Glanzleistung aufgerafft, die beste Darbietung der Saison auf den Rasen geworfen und die Spurs aus Tottenham mit 2:0 in die Knie gezwungen. Das ist gar nicht so leicht, die Londoner sind bärenstark in dieser Saison, Platz drei in der Premier League, auch in der Königsklasse auf Kurs Achtelfinale. Doch ein Zuschauer fand die United-Gala gar nicht so berauschend, er hatte sogar noch vor dem Abpfiff die Nase voll und machte sich vom Acker: Cristiano Ronaldo, der Pfau in Stollenschuhen.

Der Portugiese, fünfmal Weltfußballer und sicher einer der besten Spieler der Geschichte, stand gegen die Spurs nicht, wie in den beiden Partien zuvor, in der Startelf, er wurde auch nicht eingewechselt, was er nicht so dufte fand und nach 88 Minuten genug vom Zusehen hatte, Abgang in die Kabine – obwohl Trainer Erik ten Hag sogar noch zwei Wechseloptionen hatte. Das ist, man muss es so klar sagen, eine einzige Frechheit, eine Unverschämtheit den Kollegen gegenüber. Ein Affront. Und ein Verhalten, das tief blicken lässt. Die Verantwortlichen reagierten tags darauf konsequent und suspendierten den Superstar erst einmal für die folgende Partie an der Stamford Bridge beim FC Chelsea. Eine absolut richtige, die einzig richtige Entscheidung. Alternativlos.

Es ist nicht das erste Mal, dass der 37-Jährige sein Ego nicht dimmen kann und sich selbst über alle anderen stellt. Ronaldo ist bekannt für seine Egotrips und dafür, sich für besser, schöner und toller zu halten als den Rest der Welt.

Der Vorfall vom Mittwoch ist der Höhepunkt eines völlig missratenen Versuchs, eine alte Liebe noch einmal zum Leben zu erwecken. Die zweite Liaison zwischen Ronaldo und ManUnited, die vor 14 Monaten verheißungsvoll begann, ist endgültig gescheitert. Schon im Sommer suchte der Nationalspieler verzweifelt einen neuen Verein, aber keiner wollte ihn, nicht die Bayern und nicht Neapel, selbst sein Heimatklub Sporting Lissabon winkte dankend ab. Vielleicht auch, weil Trainer Ruben Amorim mit Rücktritt drohte, falls man das Enfant terrible gegen seinen Willen verpflichten würde. So nimmt Ronaldos Schaffen im Spätherbst seiner Karriere fast schon tragische, okay, eher traurige Züge an.

Ronaldo schafft es nicht anzuerkennen, dass andere nachrücken, die vielleicht nicht so gut werden wie er einmal war, aber besser sind als er es in diesem Alter noch ist. Das ist nichts Schlimmes, es ist der Lauf der Zeit, und mit ein bisschen Größe könnte man das einfach respektieren. Ronaldo kann es nicht.

Es ist die große Kunst, den richtigen Zeitpunkt zu finden, um abzutreten und einen neuen Abschnitt zu beginnen. Das fällt schwer, wenn man 20 Jahre auf diesem Niveau unterwegs und immer einer der Besten war. Das gilt auch für Ronaldos Erzrivalen Lionel Messi, der irgendwann vor dieser Entscheidung stehen wird. Der Unterschied: Der 35-Jährige ist noch nicht so weit, er ist aktuell deutlich besser als sein ewiger Widersacher: 14 Pflichtspiele für Paris Saint Germain, 16 Torbeteiligungen (acht Treffer, acht Vorlagen). Davon kann Cristiano Ronaldo im Theater der Träume nur träumen.

Auch interessant

Kommentare