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Man versteht sich: Freiburg-Trainer Christian Streich (links) und Augsburg-Coach Martin Schmidt.

SC Freiburg

Traum vom Niemandsland

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Beim SC Freiburg bleibt man trotz des gelungen Saisonstarts demütig - und auch der Ärger über das 1:1 gegen Augsburg hält sich in Grenzen.

Der Fußball hätte am Samstag in Freiburg mal wieder eine seiner berühmten Ausgerechnet-Geschichten schreiben können, auf die er ja das Urheberrecht besitzt, aber er hat es dann doch lieber gelassen. Zu kitschig wahrscheinlich. Tief in der Nachspielzeit des Bundesligaspiels SC Freiburg gegen FC Augsburg gab es einen letzten Freistoß für die Heimmannschaft, in aussichtsreicher Position, zentral, 25 Meter Torentfernung – und Vincenzo Grifo schritt zur Tat. Ausgerechnet.

Es handelte sich hierbei um jenen Vincenzo Grifo, der in letzter Sekunde durchs Transferfenster aus Hoffenheim zurück zum Sport-Club geschlüpft war, zu seiner „zweiten Familie“, wie er selbst sagt. Im ersten Spiel, in Hoffenheim (3:0), musste er noch draußen bleiben, die leicht gekränkte TSG hatte beim Transfer darauf bestanden, vermutlich aus Angst vor einer Ausgerechnet-Geschichte. Gegen Augsburg war Grifo, 26, nach einer halben Stunde ins Spiel gekommen, eingewechselt für den verletzten Freiburger Kapitän Mike Frantz, begleitet von einem kleinen Jubelsturm der SC-Fans. Und dann lief also die Nachspielzeit, es stand 1:1, und der Ball lag ziemlich genau an der Stelle, wo er im Frühjahr schon einmal lag beim Freiburger Spiel gegen Augsburg, um von Grifo, damals ausgeliehen, vehement ins FCA-Tor geschossen zu werden beim 5:1-Sieg. Am Samstag wollte Grifo es wieder so machen, aber der Ball wollte nicht. Irgendwie schlapp, als sei ihm das alles zu viel Trara so spät im Spiel, flog er halb hoch in die Arme des Augsburger Torwarts Tomas Koubek.

Erstaunlicherweise ist es also doch nicht so, dass dem SC Freiburg alles gelingt, was er dieser Tage anpackt.

„Ich habe gewusst, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen“, sagte der Freiburger Trainer Christian Streich nach dem 1:1 (1:1) gegen Augsburg. Manch einer in Freiburg wähnte sich dem Himmel zuletzt recht nah, der Saisonstart ist prächtig gelungen, trotz des eher überflüssigen Punktverlustes gegen die biederen Augsburger. Stürmer Nils Petersen, der in den wilden letzten Minuten genauso am Pfosten gescheitert war wie Teamkollege Nicolas Höfler, betrachtete den eigenen Frust mit milder Verwunderung. „So schnell geht’s, dass man dann enttäuscht ist wenn man nur einen Punkt holt“, sagte Petersen fast belustigt.

Mit zehn Zählern aus den ersten fünf Spielen ist der SC so gut wie noch nie in eine Bundesligasaison gestartet. Nach dem Führungstreffer von Lucas Höler (24. Spielminute) und bis zum Ausgleich durch den Ex-Freiburger Florian Niederlechner (39.) waren die Südbadener gar virtuell Tabellenführer, was die bestens vernetzten Fans sogleich gesanglich verarbeiteten.

Christian Streich sind derlei Dinge grundsätzlich eher egal, er ist Realist mit Hang zum Pessimismus und außerdem ein Meister der Lakonie, wie man sie im Fußball nicht mehr so oft findet. „Wir hatten vier Spiele und haben überraschenderweise drei gewonnen“, sagte Streich schon vor dem Augsburg-Spiel, und danach sagte er: „Immer gut spielen tun wir nicht“. Und außerdem sei der Pfosten dafür da, dass auch mal ein Ball dagegen fliegt.

Die Freiburger haben einen fliegenden Start im Kampf um den Klassenerhalt hingelegt, so sehen sie das jedenfalls selbst, so wollen sie das sehen, und nur in schwachen Momenten rutscht ihnen der zarte Traum von einer entspannten Saison fern der Abstiegsplätze durch. Das Auftaktprogramm mit Gegnern wie Mainz, Paderborn, Köln, Augsburg und am kommenden Sonntag Düsseldorf verpflichtet zum Punkten, um nicht früh unter Druck zu geraten, und bei den bisherigen Siegen bestach der SC vor allem durch Effizienz, weniger durch spielerische Klasse. Der Kader ist zudem in allen Mannschaftsteilen so groß, dass es immer wieder Härtefälle geben wird, die das Mannschaftsklima auf Dauer belasten könnten. So fand sich einer wie Neu-Nationalspieler Luca Waldschmidt zuletzt zweimal zu Spielbeginn auf der Ersatzbank wieder. Erst im Misserfolg wird sich zeigen, wie stabil das Freiburger Gefüge ist.

Fürs Erste aber tun die Breisgauer das, was sie am besten können: Genießen. Und nehmen ihre Gäste dabei gleich mit. „Ist immer schön, hierher zu kommen, und nicht nur, weil es so nahe an der Schwiiiz isch“, sagte Martin Schmidt, eidgenössischer Trainer des FC Augsburg, ins Heimatidiom verfallend: „Es isch einfach ein ganz anderes Feeling hier.“ Vom Feeling her hat man in Freiburg gerade wirklich ein sehr gutes Gefühl.

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