Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Trost für Untröstliche: Sancho, Southgate. Foto: dpa
+
Trost für Untröstliche: Sancho, Southgate.

EM-Finale

Traum in Trümmern

  • VonHendrik Buchheister
    schließen

Das gute Gefühl, das die Engländer durch die EM im eigenen Land getragen hatte, wurde am letzten Turniertag weggeschwemmt. Auf einmal tauchen wieder Fragen auf

So ging es also zu Ende. Es regnete noch leicht in London, rund zwei Stunden nach dem EM-Finale, rund zwei Stunden nach dem entscheidenden Fehlschuss von Bukayo Saka, der Italien zum Europameister gemacht und Englands Traum vom ersten Titel seit dem WM-Sieg 1966 zertrümmert hatte, auf die brutalste Weise, die der Fußball kennt – im Elfmeterschießen. Am Piccadilly Circus, dem berühmten Platz in der Londoner Innenstadt, feierten die Italiener. Sie sangen ihre beiden Nationalhymnen, die offizielle, „Il Canto degli Italiani“, und die inoffizielle: „Seven Nation Army“ von den White Stripes. Ein paar Engländer beobachteten die Szenerie, die Polizei hatte sich dazwischen aufgebaut, um Auseinandersetzungen zu verhindern zwischen Siegern und Besiegten. Der Boden sah aus, als wäre ein Wolkenbruch aus Bierdosen, zerbrochenen Flaschen und sonstigem Party-Müll über London niedergegangen. Aber England hatte keine Stimme mehr. Es war vorbei.

Die Engländer hatten sich langsam gesteigert im Laufe des Turniers, bis zum Höhepunkt mit der ersten Endspiel-Teilnahme seit 55 Jahren, sie hatten die Lautstärke langsam höher gedreht, nie besonders attraktiv gespielt, aber erfolgreich.

Im Finale im Londoner Regen waren keine zwei Minuten vorbei, als der Traum vom EM-Titel konkrete Formen annahm. Luke Shaw traf, 1:0. Wembley explodierte. Rund eine halbe Stunde spielte England wie ein Europameister, die Mannschaft hatte das Geschehen im Griff. Italien riss erst in der zweiten Halbzeit die Kontrolle an sich, kam zum verdienten Ausgleich durch Leonardo Bonucci. Dass das am Ende im Elfmeterschießen gelang, hatte natürlich auch mit Glück zu tun, so ist das eben im Elfmeterschießen. Aber es konnte keinen Zweifel geben, dass Italien der verdiente Sieger der Partie und des ganzen Turniers war. Der englische Torwart Jordan Pickford parierte bei der Entscheidungsfindung vom Punkt zwei Versuche, eine außergewöhnliche Leistung eigentlich, vor allem für einen englischen Torwart. Doch das reichte nicht zum EM-Titel, weil gleich drei seiner Kollegen vergaben: Marcus Rashford traf den Pfosten, Jadon Sancho und Bukayo Saka scheiterten an Italiens Keeper Gianluigi Donnarumma. Schluss, Aus. Für Englands Spieler gab es nur Silbermedaillen, die sie sich umgehend vom Hals nahmen.

Der seit viereinhalb Jahren amtierende Southgate hat der Nationalmannschaft viele Dämonen ausgetrieben. Er hat sie von der Arroganz befreit, als vermeintliches Mutterland des Fußballs einen Anspruch auf Titel zu haben, er hat die traditionelle Cliquenwirtschaft in der Nationalmannschaft beendet – hier die Spieler von Manchester United, da die von Liverpool, und dort die von Arsenal. Er hat der Nationalmannschaft einen sympathischen Anstrich verpasst, an die Stelle, wo in der Vergangenheit Schwere war, ist Leichtigkeit getreten. England gewinnt unter Southgate zuverlässig gegen die Länder, gegen die es zuverlässig gewinnen sollte, und zeigte mit dem Erfolg im Achtelfinale gegen Deutschland, dass man auch große Fußball-Nationen schlagen kann – eine Erkenntnis, auf die England lange gewartet hatte. Sogar den englischen Elfmeter-Fluch schien Southgate besiegt zu haben mit dem Erfolg gegen Kolumbien auf dem Weg ins Halbfinale bei der WM in Russland vor drei Jahren und, weniger prominent, in der Endrunde der Nations League gegen die Schweiz.

Im EM-Finale meldete sich das englische Trauma vom Punkt zurück, und es trug ein bekanntes Gesicht – das Gesicht von Southgate selbst. Bei der Heim-EM 1996 scheiterte er im Halbfinale gegen Deutschland im entscheidenden Versuch und wurde in der Folge zu einer, man muss das so sagen, Witzfigur. Im EM-Finale verzockte sich Southgate. Zwei der drei Fehlschützen, Rashford und Sancho, hatte er extra fürs Elfmeterschießen eingewechselt, der dritte, Saka, ist mit 19 Jahren zweitjüngster Profi im Kader hinter Jude Bellingham, 18. Southgate nahm die Schuld für die Niederlage hinterher auf sich. „Ich wähle die Schützen aus. Es ist meine Verantwortung. Es liegt nicht an den Spielern“, sagte er.

Ob er das so sieht, oder ob er seine jungen Profis einfach in Schutz nehmen wollte, war nicht ganz klar, aber fest steht, dass sie Schutz dringend nötig hatten. Rashford, Sancho und Saka wurden in den Sozialen Medien nach ihren Fehlschüssen so massiv rassistisch beleidigt, dass Englands Verband noch in der Nacht ein Statement herausgab, in dem er den Hass verurteilte. Die Abläufe folgten einer deprimierenden Dynamik, die man im englischen Fußball fast wöchentlich erlebt. Wenn ein schwarzer Spieler einen Fehler macht, kann man sicher sein, dass er sich bei Twitter, Facebook und Instagram rassistischen Attacken ausgesetzt sieht, worauf hin es die immer gleichen Statements der betreffenden Vereine („sind schockiert“, „kein Platz für Diskriminierung“) und eine Welle der öffentlichen Empörung gibt. Dann geht alles weiter wie gehabt. So war es auch diesmal.

Um dem Hass im Netz zu begegnen, fordert der englische Fußball schon länger ein härteres Durchgreifen der entsprechenden Plattformen. Im Frühjahr boykottierten Vereine, Verbände und Spieler die Sozialen Medien sogar für ein Wochenende. Doch der Hass blüht weiter. „Das ist nicht, wofür wir stehen. Die Nationalmannschaft vertritt alle Menschen“, sagte Trainer Southgate, und das war mehr als die üblichen Phrasen. Seine Mannschaft ist so stark politisiert wie keine englische Auswahl zuvor, sie bezieht öffentlich Stellung gegen Rassismus und andere Formen der Ausgrenzung. Unter anderem zeigte sie das bei der EM damit, dass sie vor jedem Spiel auf die Knie ging. Dass einige Fans die Geste ausbuhten und sich selbst Mitglieder der Regierung von Premierminister Boris Johnson abfällig dazu äußerten, hielt die Mannschaft nicht davon ab, vor jedem Anpfiff ein Zeichen zu setzen. Es ist der Gipfel des Zynismus, dass selbiger Johnson jetzt empört ist über die Attacken gegen Rashford, Sancho und Saka.

Das ganze gute Gefühl, dass die Engländer im eigenen Land umweht hatte bei der EM, es wurde am letzten Turniertag weggeschwemmt von der Welle des Rassismus in den Sozialen Medien – und den Bildern, die es rund um das Finale gab. Die erste Endspielteilnahme nach 55 Jahren war nicht nur ein Grund zur Freude, sondern auch Anlass für ein hemmungsloses Besäufnis und den Verlust des Anstands. Schon Stunden vor dem Finale versammelten sich Tausende Menschen am Wembley-Stadion. Die Stimmung war zunächst ausgelassen, kippte dann aber ins Unkontrollierbare – und eskalierte, als mehrere Gruppen von Fans, offenkundig ohne Karten, die Sicherheitskräfte überrannten und sich gewaltsam Zutritt zum Stadion verschafften. Die Polizei nahm 45 Menschen fest. Die Bilder von Wembley sind eine Blamage für Englands Fußball und dürften der geplanten Bewerbung auf die EM 2030 einen Schlag versetzen.

Und so wachte England am Tag nach dem Finale mit vielen Fragen an sich selbst auf. Warum scheitern wir immer kurz vor dem Ziel? Warum können wir keine Elfmeter? Wie bekommen wir unser Rassismus-Problem in den Griff? Warum ist jeder Auftritt unserer Nationalmannschaft eine Ausrede, um zivilisatorische Grundsätze über Bord zu werfen? Und, nicht zu vergessen: Was bedeuten die Bilder von den Massenaufläufen in der Londoner Innenstadt, vor und im Wembley-Stadion eigentlich für den Verlauf der Corona-Pandemie mit ihrer hoch ansteckenden Delta-Variante? England hat das EM-Finale verloren, in jeder Hinsicht. Die Niederlage auf dem Platz, im Elfmeterschießen gegen die beste Mannschaft des Turniers, dürfte von den vielen englischen Niederlagen an dem Tag die sein, die am leichtesten zu verarbeiten ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare