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Weiß mit Druck umzugehen: Bundestrainer Joachim Löw.

Joachim Löw

Nur der Trainer bleibt seinem Tempo treu

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Ohne Hast bastelt der alte Jogi Löw an seiner neuen Mannschaft und an einer Zeitenwende im deutschen Fußball.

Schauen wir gemeinsam auf den Vorplatz der Wolfsburger Fußballarena, wo Deutschland am heutigen Mittwoch unter Druck steht. Es ist zwar bloß ein Testspiel, das um 20.45 Uhr gegen Serbien angepfiffen und unter Begutachtung des neuen RTL-Experten Jürgen Klinsmann live im Fernsehen übertragen wird. Aber es ist, deshalb auch der Hinweis auf den Ex-Bundestrainer an dieser Stelle, viel mehr als lediglich eine Flutlichtübung zu Unterhaltungszwecken. Es steht als Versuchsanordnung unter der Überschrift „Alter Trainer, neue Mannschaft“. Das kann gut gehen, muss aber nicht.

Zurück zum Stadionvorplatz. Dort bauten fleißige Zimmermänner am Dienstag das mit schwarzer Plane überzogene Sperrholzgerüst wieder ab, aus der am Vortag Busfahrer Christian Hochfellner den neuen, zuvor sorgsam versteckten Teambus feierlich ins Freie gefahren hatte, auf dass das 500-PS-Gefährt dem Anlass entsprechend mitsamt deutscher Fußballmannschaft in Szene gesetzt werden konnte. Ein kurzer Spuk, von Drohnen am Himmel festgehalten.

Mit dem Sperrholzgebilde war auch die schwarze Umhüllung wieder weg, die ein interessantes Zeugnis ablegte. In Mannsgröße waren dort unter anderen abgebildet: Nils Petersen, Bernd Leno, Lars Stindl, Emre Can, Sebastian Rudy, Marvin Plattenhardt und Jonas Hector. Keinen Platz auf der Plane fanden: Mats Hummels, Jerome Boateng, Thomas Müller. Wegrationalisiert vom Bundestrainer, zum Missfallen seines Vorgängers. „Was machst du denn“, fragt Klinsmann rhetorisch, „wenn Thomas Müller auf einmal durchstartet? Wir leben im Leistungssport.“

Diese Gesetzmäßigkeiten hat Joachim Löw bewusst außer Kraft gesetzt, weil er glaubt, dass nur so eine neue Generation wachsen kann. Die Trikotnummern von Hummels (5), Boateng (17) und Müller (13) sind in einer Art Verwaltungsakt an Jonathan Tah, Niklas Stark und Lukas Klostermann übereignet worden.

„Wir stehen vor einer neuen Zeitrechnung“, sagt Löw. Der Mann hat es nicht ganz leicht gehabt in den vergangenen Wochen, verbale Hiebe gab es von vielen Seiten, Löw ist ein wahrer Meister darin, derartige Attacken ins Leere laufen zu lassen. Er würde ja sonst verrückt werden. Er sitzt vor einer Werbewand, schlürft seinen gerade gereichten Espresso und äußert fast ein bisschen trotzig: „Dass ich liefern muss, weiß ich schon seit 14 Jahren. Sie können mir glauben, dass ich verstehe, mit Druck umzugehen.“ Nur der Druck der unangenehmen Wurzelentzündung brauchte am Sonntag und Montag Entlastung durch einen Zahnarzt. Mittlerweile ist der Bundestrainer wieder weitgehend hergestellt.

Jetzt muss er nur noch zusehen, dass sein Projekt „Jogis Jungs 2019“ nicht schon von den Serben im Mittellandkanal versenkt wird, oder am Sonntag von den Niederländern in den Amsterdamer Grachten. „Mein Vertrauen in die Spieler ist groß“, wiederholt Löw in verschiedenen Varianten – aber es ist eben nicht so groß, dass er die Schatten der Alten nicht gefürchtet hätte. Also mussten sie weg. Ab in die ewigen Jagdgründe für Fußball-Nationalspieler.

„Wir wissen“, betont der Bundestrainer jetzt, „dass wir eine neue Spielweise und ein neues Auftreten brauchen.“ Ein wenig später kassiert er diesen Satz zumindest zum Teil, es wäre ein Missverständnis zu glauben, der Ballbesitzfußball sei tot. „Unsere Spielweise wird jetzt nicht völlig über den Haufen geworfen.“ Es soll weiter Jogi-Löw-Fußball zu sehen sein, auch in der aktuellen Identitätskrise. Gepflegt und ästhetisch, aber unbedingt garniert mit Elementen von Dynamik und Entschlossenheit. Alles soll schneller gehen, nur Joachim Löw natürlich nicht. Diesen Selbstverrat tut er sich nicht an. Die neuen Spieler werden keinen neuen Trainer Löw kennenlernen. Ein Joachim Löw ist kein Ergebnistrainer, Fußball unter seiner Fuchtel soll wieder ein Erlebnis werden. „Wir wollen uns in der Qualifikation nicht einfach nur durchwurschteln.“

Zentrale Männer in seinem System dürften die beiden Innenverteidiger Niklas Süle und Antonio Rüdiger werden, von denen er neben mehr Tempo nicht weniger Spielkunst erwartet als von deren Vorgängern Hummels und Boateng. „Es greifen die gleichen Mechanismen im Aufbauspiel, die Mats Hummels und Jerome Boateng perfektioniert haben.“

Im zentralen Mittelfeld soll die Zusammenarbeit Joshua Kimmich/Toni Kroos in spielerischen Glanz münden, auch da bleibt Löw ganz bei sich. In der Offensivverbindung setzt der Bundesvorwärtstrainer auf Tempo und Technik von Marco Reus, sofern dieser endlich mal länger gesund bleibt, und die Individualität des von ihm im Vorfeld der WM noch verstoßenen Leroy Sané.

Geht es nach Manager Oliver Bierhoff, dann wird das neue Deutschland „Freude, Neugierde und Überraschung“ transportieren. Der DFB-Direktor verspricht: „Ich sehe es als meine Aufgabe an, den entschlossenen Weg von Jogi Löw zu unterstützen und die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass die jungen Spieler in diesem Umfeld wachsen können.“ Damit Zwerge zu Riesen werden. Klinsmann ist skeptisch. Die neue RTL-Fachkraft hat „Überheblichkeit“ und „Besitzstandsdenken“ im DFB und der Sportlichen Leitung ausgemacht. Sein Vorschlag: „Du bekommst nur neue Ansätze und Energien, wenn du am Umfeld bastelst.“ Löw, immerhin, hat drei Spieler weggebastelt.

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