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Hat seine Mentalität auf die Mannschaft übertragen: Mauricio Pochettino.

Tottenham Hotspur

Trainer Mauricio Pochettino hat Tottenham eine neue Identität eingeimpft

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Mauricio Pochettino gelingt mit einer Mischung aus konzeptioneller Arbeit und Einfühlsamkeit ein Kulturwandel in Tottenham.

Mauricio Pochettino war nach nur zwei Wochen im Amt mit den Nerven schon ziemlich am Ende. „Was mache ich hier eigentlich?“, fragte der neue Trainer von Tottenham Hotspur seinen Torhüter Hugo Lloris.

Die Lilienweißen hatten damals, im Sommer 2014, jede Menge undisziplinierte Profis im Kader, die es sich geistig im oberen Mittelfeld der Tabelle gemütlich gemacht hatten. Der Traditionsklub aus dem Norden der Hauptstadt spielte immer irgendwie oben mit, konnte aber den echten Spitzenmannschaften aufgrund von mangelnder Klasse und fehlender Siegermentalität nie wirklich gefährlich werden. Ja, die Spurs waren auf der Insel ein Witz, der ganz ohne Pointe auskam; ein ewiger Verliererverein, der regelmäßig die falschen Spieler und Trainer verpflichtete und nur im Auslassen von Gewinnchancen echte Konstanz zeigte. Manchester Uniteds Trainerlegende Alex Ferguson machte sich einst vor einem Match gar nicht erst die Mühe, so zu tun, als ob man gegen die Londoner größere Probleme haben würde. „Jungs, es ist Tottenham“, erinnerte der Schotte seine Elf. Das reichte als Ansprache.

Rund fünf Jahre später ist alles anders, weil jeder die Antwort auf Pochettinos Frage kennt. Der Urenkel des Sheriffs in dem von irischen Einwanderern mitten in der Pampa gegründeten Städtchens Murphy hat so viel richtig gemacht, dass die Spurs zu einer völlig neuen Vereinsidentität gefunden haben. Sie sind heute, vor dem Champions-League-Halbfinale gegen Ajax Amsterdam, der Klub, der aus seinen Möglichkeiten beständig das Maximale macht, gezielt junge Talente aus dem eigenen Nachwuchs fördert und Jahr für Jahr aufs Neue die Erwartungen übererfüllt. Das finanziell schwächste Mitglied der „Top sechs“ in der Premier League (Manchester City, Manchester United, Arsenal, Chelsea, Liverpool) wird voraussichtlich zum vierten Mal in Folge unter den ersten Drei landen, dazu winkt der erste Einzug in ein Europapokal-Finale auf Landesmeister-Ebene.

Kraft des kollektiven Geists

Pochettino, 46, gelang dieser wirklich sensationelle Kulturwandel mit einer stimmigen Mischung aus konzeptioneller Arbeit und Einfühlsamkeit. Er führte bei den Spurs das in jener Zeit in England fast noch revolutionäre Pressing-System sein, mit dem er schon als Coach von Southampton reüssiert hatte. Trainiert wurde für englische Verhältnisse überhart, Assistenzcoach Jesus Perez schrie so oft „press, press, pass“, dass die Spieler laut eigenen Angaben sogar davon träumten. Wer wie Stürmer Emmanuel Adebayor nicht mitzog, wurde zugunsten eines Jugendspielers aus der Akademie ausgetauscht. Binnen weniger Monate spielte die Elf den taktisch besten Fußball auf der Insel, noch dazu mit zahlreichen Engländern, wie der von Pochettino bald zum Superstar geformte Harry Kane.

Englands Kapitän war bei Pochettinos Amtsantritt 21 Jahre alt, leicht demoralisiert und hatte drei Tore in der Liga auf dem Konto. „Er sagte zu mir, ich würde wie ein Dreißigjähriger spielen,“ erinnert sich der Angreifer, „er hat mir in vielen Videos gezeigt, was ich alles falsch mache.“ Am wichtigsten war aber laut Kane, dass Pochettino bei ihm die Freude am Fußball neu entfachte, in dem er ihn daran erinnerte, dass der Ball nicht (nur) Arbeitsgerät, sondern das schönste Spielzeug der Welt ist.

Der ehemalige Espanyol-Barcelona-Mittelfeldspieler glaubt an die Kraft von positiver Energie und kollektivem Geist, für ihn ist alles miteinander verbunden. Die individuelle Qualität der Spurs entspricht gerade ohne den derzeit verletzten Kane nicht allerhöchsten Ansprüchen, dieses Jahr verpflichteten sie als einziger Profiklub in den großen europäischen Ligen keinen einzigen Spieler. Vereinsboss Daniel Levy braucht das Geld für das für mehr als eine Milliarde Euro neugebaute Stadion an der White Hart Lane. Doch die Mannschaft macht dies alles durch stringente Organisation, einen guten Plan und große psychologische Widerstandskraft wett. „Der Trainer hat seine Mentalität auf uns übertragen“, hat Keeper Lloris dem Guardian erzählt, „wir wollen gut spielen, wissen aber, dass es nicht ohne Aggressivität geht.“ Der atemberaubende Sieg gegen Manchester City im Champions-League-Viertelfinale mit Hilfe der Auswärtstorregel (4:4) steht sinnbildlich für die neu konfigurierte DNS.

Die Frage, die sich Pochettino nun stellt, ist, ob der Verein schnell genug weiterwachsen kann, um mit seiner persönlichen Entwicklung zur international gefragten Koryphäe Schritt zu halten. Neulich hat Bayern München bereits zum zweiten Mal angefragt, ob er sich ein Engagement in der Bundesliga vorstellen könne. Der Argentinier verwies auf seinen bis 2023 datierten Vertrag – aber das Thema könnte in den nächsten Wochen noch interessant werden.

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