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Das Ende von Kasan: Toni Kroos schaut nach dem 0:2 gegen Südkorea konsterniert.

Nationalmannschaft

Totaler Systemausfall

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Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat ein historisch schlechtes Länderspieljahr hinter sich. Das erste Vorrunden-Aus bei einer Weltmeisterschaft hatte sich angekündigt.

Ibragim Eydelman hatte den Tag seit Monaten kaum erwarten können. Der jüdischstämmige Kasaner, der in keiner anderen Stadt Russland leben will, als in der Hauptstadt der teilautonomen Tatarenrepublik, in der Christen und Muslime vorbildhaft zusammenleben und Juden als Minderheit geachtet werden, gab sich früh als Fan der deutschen Nationalmannschaft zu verstehen. „Ich mag ihren Stil.“ Doch dann kam für den Anwalt ein unaufschiebbarer Termin in Moskau dazwischen, und so konnte er am 27. Juni 2018 nicht in die schmucke Kasaner Arena kommen, als Deutschland sein letztes WM-Gruppenspiel gegen Südkorea bestritt.

 Ansonsten hätte er auch zu den entsetzten Zeitzeugen gezählt, die an jenem Nachmittag den völligen Systemausfall des amtierenden Weltmeisters von 2014 erlebten. Die Mission Titelverteidigung mündete am Ufer der Wolga in einer krachenden Blamage. Es mutete wie pure Verzweiflung an, als der Keeper und Kapitän Manuel Neuer mitstürmte und sich eine lethargische DFB-Auswahl in der Nachspielzeit zwei Konter einfing. Aus und vorbei. Hinterher unkten enttäuschte deutsche Fans, die Touristen auf der Baumann Straße würden sich zum Kasaner Kreml schneller bewegen als Toni Kroos und Co.

Als Oliver Bierhoff Anfang Dezember am Rande eines sogenannten Leadership-Festivals in der DFB-Zentrale rückblickend darüber diskutierte, was bei der WM alles schiefgelaufen war, wusste der Nationalmannschaftsmanager um die vielschichtigen Ursachen. Eine betraf direkt seinen Verantwortungsbereich: die Quartierfrage. Die Herberge in einer öden Moskauer Gegend (Watutinki) war ein Fehlschlag, aber der Direktor Nationalmannschaften hatte das Turnier von hinten mit dem Finale im Luschniki-Stadion geplant – und wollte überdies einen Kontrapunkt zum Campo Bahia in Brasilien setzen, verkannte aber, dass nur noch neun Weltmeister an Bord waren.

Die wiederum spielten im Gefüge eine zu wichtige Rolle, weil einige wie Sami Khedira deutlich über dem Zenit waren, andere wie Jerome Boateng unverkennbare Zeichen des Verschleißes ins russische Riesenreich schleppten. Im Nachhinein die Tür für den fast ein Dreivierteljahr verletzten Torwart Neuer ohne ein einziges Pflichtspiel offenzuhalten, war ein fatales Signal nach innen.

Hinzu kamen die von allen Beteiligten unterschätzten Auswirkungen nach außen, die aus der Affäre um die Fotos entstanden, die Ilkay Gündogan und Mesut Özil mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan Mitte Mai machen ließen. Damit ging sogar ein Teil der Integrationskraft in die Brüche, die der Mannschaft – dieser vieldiskutierte Markenbegriff überlebte leider das WM-Desaster – eigentlich inne wohnt.

Bei den vielen Facetten des Versagens erwähnt Bierhoff gerne einen Fakt, den auch Spanien und Italien nach den Titelgewinnen 2010 bzw. 2006 erlebten: der interne Spannungsabfall. Wer einmal Weltmeister geworden ist, behält diese Auszeichnung ein Leben lang. „Es ist der einzige Titel im Fußball, der immer zählt“, sagte Rudi Völler einmal. Eine Ehre, die wie schleichendes Gift die letzten Prozent an Leistungsbereitschaft lähmen kann.

Vor allem, wenn der zuständige Trainer selbst nachlässig wird. Als im Frühjahr in den Testspielen gegen Spanien (1:1) und Brasilien (0:1), spätestens in der Vorbereitung in Südtirol mit der Partie gegen Österreich (1:2) die ersten Alarmsignale auftauchten, ignorierte Joachim Löw diese vollends. Dass der Bundestrainer die Zeichen der Zeit verkannte, war offenkundig, als sich der 58-Jährige während der WM in Sotschi am Schwarzen Meer an eine Laterne lehnte und ablichten ließ.

Die Zügel waren ihm längst entglitten. Zwar rafften sich seine Spieler im zweiten Gruppenspiel gegen Schweden – nach einer 0:1-Auftaktniederlage gegen Mexiko – noch zu einem 2:1-Last-Minute-Erfolg auf, aber dann leitete Löw den Tiefpunkt selbst ein, in dem er seine Startelf gegen Südkorea wieder mit den falschen Vertrauten bestückte. Und so kam Hochmut vor den Fall.

Nachdem der Südbadener die Aufarbeitung des historischen Ausscheidens – noch nie war Deutschland bei einer WM-Vorrunde ausgeschieden – wochenlang verzögerte, kam es am 29. August zu einer historischen Pressekonferenz in der Münchner Arena. In der umfassenden Ausführung lud Löw erstaunlich viel Schuld auf sich, sprach davon, sein Vorhaben sei „fast schon arrogant“ gewesen – er habe seinen Ballbesitzfußball auf die Spitze treiben zu wollen, ohne zu merken, dass seinem Trupp Tempo und Balance, Leidenschaft und Wehrhaftigkeit fehlten.

Trotz dieser Einsicht brauchte es noch den Abstieg aus der A-Kategorie der neuen Nations League gegen die Niederlande und Frankreich, ein historisch schlechtes Länderspieljahr mit sechs Niederlagen und das Abrutschen auf Fifa-Weltranglistenplatz 16, ehe Löw wirklich die Konsequenzen zog. Sein junger Dreiersturm mit Serge Gnabry (23), Timo Werner und Leroy Sané (beide 22) zeigte zuletzt den Weg in die Zukunft. Einige der Arrivierten haben ausgedient: Khedira und Özil sind zurückgetreten, auf Boateng verzichtete Löw bereits, Thomas Müller war in den letzten drei Länderspielen nur noch Reservist.

„Wir müssen schon auch die richtige Mischung finden“, schränkte der Bundestrainer indes nach dem letzten Länderspiel gegen die Niederlande (2:2) am 19. November in Gelsenkirchen ein. „Es braucht noch drei, vier Stützen. Nur mit Jungen geht es nicht.“ Sollte heißen: Auf Torwart Neuer (32), Abwehrchef Mats Hummels (30) oder Taktgeber Toni Kroos (28) lässt Löw (noch) nichts kommen. Doch vor einem halben Jahr in Kasan war keiner von ihnen in der Lage, gegenzusteuern. Nur die Bewunderung von Ibragim Eydelman ist bis heute geblieben.

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