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Ist nie ruhig an der Linie: 98-Trainer Torsten Lieberknecht.
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Ist nie ruhig an der Linie: 98-Trainer Torsten Lieberknecht.

SV Darmstadt 98

Darmstadt-Trainer Lieberknecht über Kumpel Klopp, Vorbild Streich und Lieblingsspieler Chiellini

  • Daniel Schmitt
    VonDaniel Schmitt
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Lilien-Trainer Torsten Lieberknecht über Teamgeist, die Tücken der zweiten Liga, Jürgen Klopp und Giorgio Chiellini, sowie den Grund, weshalb der Aufstieg bei den 98ern „null Thema“ ist.

Herr Lieberknecht, mehrfach schon haben Sie nach Siegen Ihre persönliche Ehrenrunde durchs Stadion am Böllenfalltor gedreht. Sie wirken dann regelmäßig emotional angefasst wegen der Ihnen kundgetanen Zuneigung der Fans. Machen solche Momente das Trainerdasein aus?

Absolut, das ist natürlich eine tolle Sache. Die Ehrenrunden sollen von meiner Seite aber auch viel Dankbarkeit ausstrahlen, Dankbarkeit für die Unterstützung und Verbundenheit der Fans. Manchmal fällt sie mir schwer, diese Ehrenrunde, weil die Hauptprotagonisten die Spieler sind. Aber es sind Momente, die dazugehören, wenn man mit den Fans eine Einheit bilden will. Und genau das wollen wir, das sind wir, daran arbeiten wir Tag für Tag.

Sie sind erst viereinhalb Monate angestellt und trotzdem herrscht bereits der Eindruck: Lieberknecht und Darmstadt 98 – das passt. Überrascht Sie diese schnelle Symbiose?

Natürlich haben sich alle Seiten, der Klub und ich, im Vorfeld ihre Gedanken gemacht. Passen wir inhaltlich zueinander, haben wir ähnliche sportliche Vorstellungen? Dazu kommen noch weitere Faktoren: ein Gefühl für den Verein, für die Stadt, für die Menschen in der Stadt. Ich bin Darmstadt 98 vorher ja schon ein ums andere Mal begegnet, als gegnerischer Trainer zum Beispiel. Danach hatte ich schon immer das Gefühl, dass das ein Schlag Mensch ist, der zu mir passen könnte. Und umgekehrt wohl auch. Siege, wie zuletzt, helfen natürlich auch.

Aber am Anfang gab es keine Siege. Ihr corona-gebeuteltes Team verlor die ersten zwei Ligaspiele und schied aus dem Pokal aus. War dieses Tal rückblickend betrachtet hilfreich für den jetzigen Erfolg?

Das gehört zu unserer Entwicklung und Geschichte dazu. Oft braucht es solche Rückschläge, um zu wachsen. Auch St. Pauli musste vergangene Saison durch ein tiefes sportliches Tal gehen, um jetzt ganz oben in der Tabelle zu stehen. Uns hat aber auch immer die Bestätigung der Fans geholfen, die in der schwierigen Phase mit unserer Corona-Problematik das richtige Feingefühl hatten, die uns immer unterstützt haben.

Der Teamgeist wirkt tatsächlich ausgeprägt, was Ihnen als Trainer auch bei manch Ex-Klub gelungen ist. Wie kann dieser Zusammenhalt entstehen?

Er entsteht in und nach schwierigen Situationen. Es geht darum, genau in diesem Momenten als Trainer eine klare Haltung vorzugeben: Dass wir uns rausarbeiten können und werden, wenn wir weiterhin den positiven Ansatz verfolgen. Aber die Mannschaft selbst hat vor allem viel dafür getan, um die Integration und die Bindung zu stärken. Beispielsweise wurden die jüngeren Spieler von den Älteren mitgenommen, das sorgt für Zusammenhalt und so entsteht durch gemeinsame Erlebnisse etwas Gutes.

Und wie entsteht ein treffsicheres Sturmduo? Luca Pfeiffer (9 Tore) und Phillip Tietz (10) ballern sich geradezu durch die Liga. Haben Sie das alles schon immer gewusst und sofort im Training erkannt? Oder kommt diese Treffsicherheit dann auch für Sie überraschend?

Sofort erkannt? Das wäre übertrieben. Aber man konnte schon in der Vorbereitung ein Gefühl dafür entwickeln, dass die beiden gut zusammenpassen könnten. Dazu kommen Gespräche mit den Spielern und eigene Recherchen. Luca Pfeiffer zum Beispiel hatte seine beste Saison bei den Würzburger Kickers als einer von zwei Stürmern – und dann wollten wir zudem nach dem Abgang von Serdar Dursun die Nachfolger-Bürde lieber von zwei Spielern zusammen schultern lassen.

Das Thema Aufstieg, daran kommen wir nach fünf ungeschlagenen Spielen in Serie und mit nur einem Punkt Rückstand auf Platz drei, nicht vorbei. Wie gehen Sie damit um?

Das ist wirklich null Thema. Ich verstehe die Frage, sie ist der Situation geschuldet, aber Dinge können sich auch schnell drehen - ohne etwas heraufbeschwören zu wollen. Das Saisonende fühlt sich nach erst 13 Spieltagen echt noch sehr weit weg an. Wir haben bisher gute 23 Punkte geholt und wir wollen einfach viele, weitere Zähler sammeln. Der HSV, Bremen, Schalke, auch Hannover oder Düsseldorf – diese Teams sollen sich eher einen Kopf darüber machen, wie sie am Ende aufsteigen können.

Die Teams zwischen Platz eins und zehn trennt jeweils nur ein Punkt. Ausdruck der Ausgeglichenheit in der Liga?

Die zweite Liga hat wirklich eine hohe Qualität – physisch, taktisch, individuell. Es ist schon zu Recht eine Liga, die weltweit eine hohe Beachtung findet.

Die drei Großen, also der HSV, der SV Werder und Schalke, hinken hinterher. Kommt das überraschend für Sie? Oder ist das zumindest in Ansätzen normal in solch einer starken Spielklasse?

Man sieht das ganz gut am Beispiel HSV. Die spielen jetzt schon das vierte Jahr mit, damit hatten sie anfangs wohl auch nicht gerechnet, aber das sind nun mal die Tücken der zweiten Liga. Nicht nur Hamburg, Bremen, Schalke, auch Nürnberg, Düsseldorf, Hannover. Und nicht zu vergessen: Teams wie Heidenheim, Aue, Sandhausen, die Klassiker der zweiten Liga. Auch diese Mannschaften musst du erstmal wegdrängen. Puh, das ist ja Wahnsinn eigentlich.

Sind Sie der perfekte Zweitligatrainer mit Ihrer bodenständigen, emotionalen Art?

Ich habe von der Dritten Liga bis zur Bundesliga alles schon erlebt und trainiert – mit Höhen und Tiefen. Ich weiß, was ich kann, ich brauche mich nicht verstecken. Für mich geht es liga-unabhängig aber eher darum, das Maximale zu erreichen.

Themawechsel: Corona beherrscht die Schlagzeilen. Das hat natürlich Folgen für den Fußball, zuletzt forderte St.-Pauli-Präsident Oke Göttlich 2G bei allen Akteuren. Wie stehen Sie dazu?

Ich kann nur dafür plädieren, sich impfen zu lassen. Selbst waren meine Familie und ich leider schon betroffen, und ganz klar: Das brauchen wir nicht noch mal. Ich habe ein Urvertrauen in die Medizin, aber leider wird derzeit ein bisschen suggeriert, die Impfung sei nicht so wirksam. Da wünsche ich mir, dass die Gesellschaft, aber vor allem die Politik mit klarer Kante dagegen steuert.

Einige Ihrer Spieler fielen zu Saisonbeginn aber auch aufgrund fehlender Impfungen aus – entweder durch Infektionen oder durch eine Quarantäne.

Das stimmt. Wir haben aber zum Glück schon seit längerer Zeit eine 100-prozentige Geimpften- und Genesenen-Quote.

In gefühlt allen Interviews müssen Sie auch etwas zu Jürgen Klopp sagen, Ihrem ehemaligen Weggefährten in Mainz. Auch die FR will jetzt natürlich eine Anekdote hören. Wie ist der Kontakt zum Liverpool-Coach? Legen Sie einfach los...

Es besteht Kontakt, ja. Ich habe immer das Gefühl, mich bei ihm rückversichern zu müssen, wenn ich mal wieder eine Geschichte rausgehauen habe (lacht). Aber für ihn ist das schon okay, denke ich. Wir hatten kürzlich für die Winterpause die Idee, mit der Mannschaft in ein Art Kurz-Trainingslager nach Liverpool zu reisen. Das ist leider aufgrund von Corona-Bestimmungen nicht umsetzbar zu diesem Zeitpunkt. Aber er hat angedeutet, dass er uns in Zukunft vielleicht die Türen öffnen würde. Darmstadt 98 und den FC Liverpool vernetzen – das ist zwar keine Anekdote, aber eine nette Geschichte, oder? (lacht).

Absolut, das soll reichen an dieser Stelle. Ohne Vergleiche ziehen zu wollen zwischen Ihnen und Klopp...

Ja, bitte, bitte nicht. Lassen wir das lieber. (lacht)

...aber ist er für Sie nicht doch ein Art Trainervorbild? Oder gibt es da ganz andere?

Es gibt viele Trainer, an denen man sich orientiert. Zum Beispiel ein Christian Streich in Freiburg, der sehr lange auf einem sehr guten Niveau arbeitet, der sich immer wieder neu orientiert. Oder auch früher Jupp Heynckes, der viele Dekaden als Trainer mitgemacht hat, der viele verschiedene Generationen an Spielern betreute. Jeder Trainer hat seine eigenen Ideen von Fußball, aber man muss immer wach sein, immer offen sein, um womöglich auch mal über seinen Schatten zu springen. Man darf nicht zu verbohrt sein, muss sich anpassen, sein Fachwissen immer weiter ausbilden und Veränderungen zulassen.

Stichwort Anpassung. Gibt es so was wie ein Straftraining heutzutage eigentlich noch? Oder kennt das die jetzige Spielergeneration gar nicht mehr?

Es gibt natürlich mehr und weniger anstrengende Einheiten, mal lautere und leisere Ansprachen – aber Straftraining eher nicht. Ich erinnere mich etwa an eine Einheit als Spieler in Kaiserslautern unter Trainer Kalli Feldkamp, die mussten wir extra für die Trainingskiebitze absolvieren. Da sind wir dann den Medizinbällen hinterher gesprintet, direkt vor dem Zuschauerzaun. Das hat denen am Rand dann gut gefallen. Vor zehn Jahren noch habe ich mir als Trainer ehrlicherweise auch gedacht: ‚Ich musste früher durch so was durch, also dürft ihr das jetzt auch.‘ Mittlerweile gibt es solche Strafeinheiten aber nicht mehr, nein.

Plant Darmstadt 98 im Winter personell nachzulegen?

Bisher haben wir dahingehend keine konkreten Gedanken entwickelt. Wir möchten gerne für Kontinuität stehen. Wenn wir es schaffen, diese Truppe im Kern über einen längeren Zeitraum zu halten, ist uns schon viel geholfen.

Gibt es einen Spieler im Weltfußball, den Sie gerne mal trainieren würden?

Puh, schwierig. Mir gefallen ja eher die unscheinbaren Spieler, die aber wichtig für das gesamte Teamkonstrukt sind. Bei der EM zum Beispiel fand ich Giorgio Chiellini spannend. Ich glaube, er verkörpert auch jeden Tag in der Kabine etwas, nicht nur draußen auf dem Platz, pure Professionalität.

Solch ein Mentalitätsspieler würde ja auch prächtig nach Darmstadt passen...

(lacht) Der würde super hier hinpassen, das stimmt. Da haben wir dann also doch eine Personalie, die wir bald angehen sollten.

Interview: Daniel Schmitt

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