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Umzingelt die Übersicht behalten: Toni Kroos schießt das 4:0.  

Toni Kroos

Toni Kroos, der Dominator

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Der Real-Madrid-Profi erweist sich als unentbehrlich fürs deutsche Spiel - und glänzt gegen Weißrussland sogar mit Eigenschaften, die man so nicht von ihm kennt.

Es gab Grundsätzliches zu besprechen nach der eigentlichen Arbeit. Diese Arbeit hatte Toni Kroos im leidlich mit 33.000 Zuschauern gefüllten Mönchengladbacher Borussia-Park hervorragend absolviert. Mal ganz abgesehen von seinen beiden Toren, einmal mit rechts und später, noch ansehnlicher, mit links hatte der bald 30-Jährige ein rundum überzeugendes Länderspiel absolviert. Schon im September, beim 2:4 in Hamburg gegen die Niederlande, war Kroos der beste Deutsche in einer ansonsten weitgehend überforderten Mannschaft gewesen. Im Oktober hatte er gegen Argentinien und in Estland verletzt gefehlt.

Nach dem WM-Desaster von Russland war Kroos derjenige gewesen, der am meisten mit sich gekämpft hatte, ob er seine DFB-Karriere nicht besser aufgeben sollte. Aber der Bundestrainer hatte dem Mittelfeldspieler bedeutet, dass er ihn unbedingt beim Neuaufbau als Orientierungsspieler für die jungen Kerle benötige. Dabei war Kroos auch zupass gekommen, dass er sich stets als zurückhaltender Zeitgenosse präsentiert hatte, anders als die weitaus extrovertierteren Führungsleute Thomas Müller und Mats Hummels, die viel mehr Einfluss auf die Gesamtstimmung im Team genommen hatten.

Zwei Tore in einem Spiel waren dem ansonsten eher als Passmaschine bekannten Wahl-Madrilenen zuletzt beim epochalen 7:1 im WM-Halbfinale in Belo Horizonte gegen Brasilien gelungen. Kroos ging es nach dem 4:0 gegen Weißrussland aber weniger um seine Torjägerqualitäten. Es sei, betonte er, „schon wichtig, dass in jedem Bereich jemand vornweg geht. Das kann der Manu im Tor nicht allein. Ich habe ein bisschen mehr Auslauf als Manu. Du kannst den gesamten Platz nicht in jeder Situation kontrollieren.“ Eine stabile Achse ist demnach wichtig: Hinten Neuer, davor möglicherweise der erstarkte Matthias Ginter, davor Kroos. Nicht von ungefähr jene drei erfahrenen Männer, die schon 2014 zum Kader des Weltmeisters gehörten. Kroos sagt klipp und klar, er erwarte von sich, voranzugehen. Das war bestimmt nicht immer so. Der von Natur aus eher auf sich selbst bezogene Techniker musste das erst lernen.

Im Aufbauspiel aus dem Mittelfeld hat das DFB-Team mit Kroos, Ilkay Gündogan und Joshua Kimmich vermutlich die kleinsten Probleme. „Ich finde, dass wir uns gut ergänzen“, sagte Kroos, „drei gute Fußballer, die auch miteinander spielen wollen, dann klappt sowas auch. Mit Ball wissen wir alle, was zu tun ist, aber auch gegen den Ball ist es wichtig, sich gut abzustimmen.“ Da sieht der erfahrenste deutsche Feldspieler noch Optimierungsbedarf und scheint bereit, dafür mehr zu tun als zuvor. Kroos hält sichtbar öfter den Stecken rein und unterbricht so gegnerisches Aufbauspiel. Von Mitspieler Kimmich gab’s Lob obendrauf: „Mit Toni kommt schon eine gewisse Dominanz in unser Spiel.“

Sieg der Nationalmannschaft: Ein Versprechen für Frankfurt

Genau deshalb hat Löw so ungeheuer viel Wert darauf gelegt, Kroos nach der WM dabeizubehalten. Dominanz in der Zentrale ist dem Bundestrainer ein unbedingtes Anliegen. Am Wochenende sah er sich bestätigt: „Toni hat ein überragendes Spiel gemacht. Nicht nur wegen seiner Tore. Er ist ständig Anspielstation, auch in Bedrängnis. Er hat einfach eine überragende Orientierungsfähigkeit auf dem Platz.“

Auch die Orientierungsfähigkeit in weiteren Lebenssituationen eines Fußballprofis hält Löw für überdurchschnittlich: „Toni führt die Mannschaft an. Er macht das auch neben dem Spielfeld wirklich sehr gut. Er ist ein Vorbild in seiner ganzen Art und Weise, wie er diesen Beruf sieht.“ Drei Siege in der Champions League, 2016, 2017 und 2018 mit Real Madrid, haben Kroos eine Autorität auch im Kollegenkreis verpasst, die er in jüngeren Jahren so nicht kannte – und sich deshalb oft genug verkannt fühlte.

Einmal muss er in diesem Jahr noch ran für Deutschland: Dienstag in Frankfurt gegen Nordirland: „Natürlich ist es schön, wenn du das Gefühl hast, noch Erster werden zu können in der Gruppe“, sagte Kroos lächelnd, „das wäre gut fürs Selbstbewusstsein.“ Das muss sich die insgesamt ja noch recht unerfahrene Truppe genauso mühsam erarbeiten wie jede einzelne Chance. „Wir wissen“, so der Dominator, „dass wir definitiv noch nicht am Ende sind als Mannschaft. Es ist nach wie vor Luft nach oben, aber ich finde, dass ein paar Sachen schon deutlich besser klappen als noch vor einem Jahr oder noch davor.“ Auch bei ihm selbst.

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