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Isco (links) und Sergio Ramos können es kaum glauben. Es läuft nicht mehr rund bei Real Madrid.

Real Madrid

Zu Tode gesiegt

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Real Madrid ist kein königlicher Klub mehr, er steckt in einer tiefen Sinnkrise. Ein Kommentar.

Madrid stirbt nie, hat Kapitän Sergio Ramos jetzt mit dem ihm eigenen Pathos nach der neuerlichen Niederlage, noch dazu vor heimischer Kulisse, gewohnt machohaft getönt, aber bei allem Respekt: Es fühlt sich genau so an. Real Madrid ist kein königlicher Klub mehr, er steckt in einer tiefen Sinnkrise.

Real hat bislang nach 29 Pflichtspielen so oft (neunmal) verloren wie in der kompletten vergangenen Saison (bei allerdings 62 Spielen). Real Madrid - das sind keine Galaktischen mehr, das ist nicht mal ein weißes Ballett, Real Madrid ist eine ganz normale Mannschaft geworden, weiterhin eine gute, das ist klar, aber keine außergewöhnliche. Platz fünf halt in La Liga, hinter Deportivo Alaves, knapp vor Betis Sevilla und FC Getafe. Es knirscht und hakt sehr vernehmlich im Madrider Gefüge.

Aber warum soll es Real Madrid anders ergehen als vielen Topklubs, die beständig auf höchstem Niveau gespielt haben und plötzlich ins Straucheln geraten. Es ist eine fatale, aber nur zu menschliche Mischung aus einer gewissen Sattheit, fehlender Gier nach mehr und mangelnder Blutauffrischung, die eine jahrelang überragend auftrumpfende und nahezu alles gewinnende Mannschaft befällt, sich einschleicht und selbst einst brillante Füße plötzlich lähmt. 

Vieles spricht dafür, dass Real Madrid nach den Erfolgen in Endlosschleife und dem dreimaligen Gewinn der Champions League nicht mehr die erforderliche Spannung aufbauen kann, dass die Luft raus ist, dass sich vielleicht gar eine Ära dem Ende zuneigt. Dazu gesellen sich zwei Faktoren: Leistungsträger wie Sergio Ramos (32), Luka Modric (33), Marcelo (30), Karim Benzema (31) und auch Toni Kroos (29) sind in die Jahre gekommen, haben den Zenit ihrer Schaffenskraft überschritten, sind womöglich ausgebrannt - haben sich wie einst König Pyrrhos I. von Epirus zu Tode gesiegt. Der allerletzte Biss fehlt ihnen, sie haben ja eh schon alles erreicht. 

Und schließlich sollte bei der Ursachenforschung nicht unter den Tisch fallen, dass Real ein Mann nicht mehr zur Verfügung steht, ein entscheidender: Cristiano Ronaldo. Seine 40 bis 60 Tore, die er pro Saison zu schießen pflegt, fehlen dem Klub schmerzhaft, in den neun Jahren, die der Portugiese in Madrid wirkte, erzielte er sagenhafte 311 Tore in 292 Partien.

In der ersten Saison ohne CR7 hat ganz Real nur 26 Tore in 18 Begegnungen geschossen, die schlimmste Trefferdürre seit einem Vierteljahrhundert. Und Ronaldos Fließbandarbeit im Strafraum hat zudem eleganterweise alle Defizite in der traditionell anfälligen Real-Defensive übertüncht. Und was Klubboss Florentino Perez vor allem die Tränen in die Auge treibt: In Turin schießt der bald 34 Jahre alte Jahrhundertstürmer beständig seine Tore, bereits 14 in 19 Partien, Juventus eilt dank des im Sommer für 117 Millionen aus der spanischen Kapitale verpflichteten Tormaschine von Sieg zu Sieg.

 „Wir vermissen Cristiano“, schrieb die Sportzeitung „AS“ dieser Tage wehmütig. Und das sind wahrlich keine Krokodilstränen, die sie in Madrid weinen.    

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