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Tobias Stieler aus Obertshausen ist seit 1995 Schiedsrichter und seit 2012 in der Bundesliga aktiv.

Tobias Stieler

„Ich möchte nicht im Mittelpunkt stehen“

Schiedsrichter Tobias Stieler zu seiner Vorbereitung und Erwartung für das DFB-Pokalfinale.

Herr Stieler, Sie haben vor zwei Jahren gesagt, ein DFB-Pokalfinale zu leiten, wäre Ihr großer Traum. Nun ist es so weit. Wie war Ihre erste Reaktion?
Unser Sportlicher Leiter Lutz Michael Fröhlich hat mich vor rund zwei Wochen angerufen und unterrichtet. Ich war überrascht. Die Chance, tatsächlich dieses Finale leiten zu dürfen, ist nun einmal gering.

Wie haben Sie sich vorbereitet?
Ich habe mich mit meinem Trainer Florian Kock abgestimmt, sodass ich am Samstag, 20 Uhr, topfit bin.

Das heißt?
Ich habe letzte Woche noch einmal intensive Laufeinheiten absolviert, zudem das Krafttraining ein wenig verstärkt. Die Woche jetzt unmittelbar vor dem Finale dient eher zur Regeneration. Weiterhin habe ich meine Ernährungsstrategie konsequent beibehalten.

Wie sieht diese Strategie aus?
Ich nehme grundsätzlich wenig Kohlenhydrate zu mir und habe oft nüchtern trainiert – wie die Triathleten nach dem Motto: Train Low, Compete High. An den Tagen vor dem Finale wird die Kohlenhydratzufuhr wieder erhöht, damit ich am Samstag optimal vorbereitet bin.

Und fußballspezifisch?
Ich habe mir nochmals diskutierte Szenen aus der Rückrunde angeschaut und sie mit meinen Assistenten besprochen. Außerdem analysiere ich mithilfe des DFB beide Mannschaften.

Wie muss man sich das vorstellen?
Ich versuche zu kontrollieren, was ich kontrollieren kann. Ich möchte wissen, wie bei den Teams zuletzt die Grundformationen aussahen, wie das Umschaltspiel läuft, wie sie sich bei Standardsituationen verhalten. Wenn ich zum Beispiel weiß, dass eine Mannschaft 80 Prozent der Eckbälle auf den kurzen Pfosten spielt, steht fest, dass ich da nicht weit abseits am anderen Ende des Strafraums stehen sollte, sondern ein bisschen einrücken muss.

Was passiert am Freitag?
Ich treffe mich am Nachmittag mit meinen Assistenten Matthias Jöllenbeck und Christian Gittelmann im Hotel in Berlin. Dann bewegen wir uns ein bisschen, absolvieren ein leichtes Training – also anschwitzen. Abends findet ein DFB-Bankett statt, auch wir als Schiedsrichter-Team sind eingeladen.

Wie verläuft der Spieltag?
Ein relativ normaler Ablauf: Nach dem Frühstück gehe ich mit meinem Team in Berlin spazieren, wir möchten die besondere Atmosphäre in der Stadt ein wenig genießen. Danach folgt das Mittagessen und eine Ruhephase. Dann holt uns der Fahrdienst des DFB ab, bringt uns ins Stadion. Spätestens um 18 Uhr müssen wir dort sein. Vor Ort kontrollieren wir den Platz, die Torlinientechnologie und die Funkverbindung zum Videoassistenten nach Köln. Anschließend ziehen wir uns um, gehen zum Warmlaufen und dann kann es bald losgehen.

Stichwort Videobeweis. Ihre Einschätzung?
Der Videoassistent macht den Fußball gerechter. Aber wie bei fast allen Schiedsrichter-Entscheidungen wird ein guter Einsatz des Videoassistenten nur zur Kenntnis genommen, falsche Entscheidungen werden dagegen tagelang thematisiert und Grundsatzdiskussionen eröffnet.

Wie lautet Ihr Fazit?
Es ist besser, wenn von zehn falschen Entscheidungen neun mit Hilfe des Videoassistenten korrigiert werden. Dann siegt neunmal die Gerechtigkeit.

Zurück zum Endspiel. Was erwarten Sie am Samstag?
Ich erwarte eine temporeiche Partie, die hoffentlich fair verläuft. Ich würde mich auf dem Platz gern zurückhalten, möchte im großen Finale ganz sicher nicht im Mittelpunkt stehen.

Sie haben bereits einmal die Partie Leipzig gegen die Bayern in der Bundesliga geleitet.
Das war ein Spektakel. Vorletzter Spieltag der Saison 2016/17, die Bayern waren schon Meister. Und dann ging die Post ab – 4:5. Das Spiel war unglaublich anstrengend. Ich wäre nach der Partie am liebsten gleich ins Bett gefallen. Ich war einfach platt.

Was planen Sie nach dem Endspiel?
Aus der Schiedsrichtervereinigung Offenbach werden viele Leute kommen, dazu Freunde von mir. Ich denke schon, dass wir hinterher mit einem Gläschen anstoßen werden auf den großen Tag. Aber das kann man nicht planen. Das ist voll und ganz abhängig von unserer Performance in diesem Spiel.

Interview: Holger Appel

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