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Silvia Neid ist eine aufmerksame Beobachterin bei der EM in Holland.

Fußball-EM 2017

Tiefenentspannt auf der Tribüne

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Die ehemalige Bundestrainerin Silvia Neid ist als einzige DFB-Offizielle beim EM-Finale.

Zum Wochenende kommt auch Silvia Neid nach Enschede. Ihr könnte das passieren, was vielen in der grenznahen Hauptstadt der Provinz Overijssel widerfährt. Auf Twents, ein in der Region weit verbreiteter niedersächsischer Dialekt, angesprochen zu werden. „Woar kom ie vot?“ Wer bist du? Die ehemalige Bundestrainerin könnte dann antworten: „Ich bin die, die immer eine Frauen-EM mit Deutschland gewonnen hat. Aber ohne mich klappt das nicht mehr.“ Natürlich wird die 53-Jährige das nicht sagen. Aber ein bisschen bezeichnend ist es schon, dass die frühere Erfolgsgarantin nun als einzige Repräsentantin des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) dem EM-Finale 2017 beiwohnt. Nicht mal die Direktorin Heike Ullrich ist dann vor Ort.

Neid, die gestern auch das Halbfinale Dänemark gegen Österreich in Breda beobachtet hat, spürt als Leiterin einer neuen Scouting-Abteilung Frauen- und Mädchenfußball den Trends des Turniers nach. Kurze Wege haben die Beobachtungstouren in den Niederlanden leicht gemacht. Ulrike Ballweg und Anouschka Bernhard, langjährige Vertraute, dazu der Fußballlehrer Michael Müller gehören zu ihrem Team. Augen und Ohren offen halten, das hat die Chefin wörtlich genommen. Ein Plausch auf dem Parkplatz, eine Unterhaltung in der Halbzeitpause: Das ging sogar mit deutschen Journalisten problemlos.

Neid nicht im deutschen Quartier

Nur im deutschen Teamquartier in Sint-Michielsgestel tauchte Neid nicht auf. Der Bundestrainerin Steffi Jones arbeitete stattdessen Saskia Bartusiak zu, die unter Neid eigentlich ein Praktikum macht, aber nun gemeinsam mit Kim Kulig für Jones die deutschen Gegner ausspähte. Die beiden Ex-Nationalspielerinnen wohnten im Basecamp. Als die DFB-Auswahl ausgeschieden war, brauste das Duo gemeinsam zurück nach Frankfurt. Neid hingegen blieb. Ob die strikte Arbeitsteilung zweier Scouting-Teams auch dazu diente, dass sich neue und alte Cheftrainerin nicht ins Gehege kamen?

„Steffi kann mich immer anrufen, wenn sie Fragen hat“, sagte Neid vor dem EM-Start. Nach Jones’ Bekunden war der Austausch im Vorfeld rege, schließlich hatte sie ja noch als Assistenztrainerin Einblicke erhalten. Aber als die Neid-Nachfolgerin ihr Konzept am 24. August 2016 erläuterte – unmittelbar nach dem Gewinn des Olympischen Fußballturniers – erwähnte sie die Goldmedaille und die Vorgängerin mit keiner Silbe. Dafür sollte sie bald sehr häufig sagen: „Ich bin nicht Silvia Neid!“

Doris Fitschen, unter der alten Bundestrainerin in alle Überlegungen eingeweiht, war als Managerin von diesem Zeitpunkt an nicht mehr beim Team. Was die im Januar das dritte Mal zur Fifa-Welttrainerin ausgezeichnete Titelsammlerin über die teils radikalen Veränderungen dachte, behielt sie offiziell für sich. Aber gewiss hätte Neid nie und nimmer bei dieser EM so radikal rotiert wie Jones. Vor allem nicht in der Viererkette. Abwehrspielerinnen waren bei ihr aus gutem Grund gesetzt. 

Es wird interessant sein, was Neid alles an Erkenntnissen ermittelt, die in Trainerausbildung und Talentförderung einfließen sollen. Tendenz: Viel Positives wird eher nicht verschriftlicht. „Königin Silvia“ – so wurde sie nach dem EM-Triumph 2013 im schwedischen Solna getauft – gehörte zu denjenigen, die mitunter förmlich die Hände über dem Kopf zusammenschlug, wenn sie die vermeintlichen Titelfavoriten stolpern sah. In einer Vorrundenbilanz bei der Deutschen Presse-Agentur nahm sie bereits kein Blatt vor den Mund: „Ich sehe keine Weiterentwicklung. Viele Mannschaften bei der EM versuchen nur noch, das konstruktive Spiel der Gegner zu zerstören. Und das Schlimme ist, dass sie das auch schaffen, weil bessere Teams technisch nicht in der Lage sind, sich mit ihrem Offensivspiel durchzusetzen.“ 

Auch Deutschland wirkte bisweilen so, als renne jemand blind gegen eine Betonmauer. Es wäre eine spannende Frage gewesen, ob das von Neid stets verwendete 4-2-3-1-System, bei dem zwei Spielerinnen permanent die Flügel besetzten, nicht geeigneter gewesen wäre, um über die Außen die dänische Deckung aufzureißen. Letztlich eine müßige Frage. Und die Fachfrau beschäftigt sich nicht damit: „Ich vermisse gar nichts.“ Das muss man ihr einfach glauben.

So tiefenentspannt haben Beobachter eine Ex-Trainerin, die früher oft ein ganzes Turnier unter Hochspannung stand, nämlich noch nie erlebt. Im Twents-Dialekt würde man sagen: „Kieken wat wordt.“ Alles ist gut. Bei Silvia Neid, die irgendwie fast als Gewinnerin aus Enschede zurückkommt; ganz egal, wer im Stadion des FC Twente neuer Europameister wird.

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