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Die Bayern marschieren stramm auf eine Milliarde Euro Umsatz pro Geschäftsjahr zu - Christian Seifert will sich dennoch nicht allzuviel dem nationalen Finanzausgleich widmen.

Deutscher Profifußball

Der tiefe Graben

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Die kleinen Vereine der Ersten und Zweiten Bundesliga haben es verstanden, aus vielen leisen Stimmen eine laute zu machen - für die DFL war es noch nie so schwierig, allen Interessen gerecht zu werden.

Das alle Jahre wieder größte Streitthema unter den 36 Lizenzvereinen der Ersten und Zweiten Fußball-Bundesliga ist die Verteilung der Fernsehgelder. Was passiert mit den derzeit knapp 1,5 Milliarden Euro, die die Bundesliga aus dem Verkauf ihrer Medienrechte erlöst. Momentan kassieren die Münchner Bayern als Branchenführer rund das Vierfache dessen, was der Tabellenletzte überwiesen bekommt. 120 zu 30 Millionen Euro pro Spieljahr. Hinzu kommen fette Prämien aus der Champions League, inzwischen rund 100 Millionen Euro.

Vor etwa zehn Jahren war das noch anders: Da kam der Erste lediglich auf das zwei- bis dreifache des Letzten. Der Graben ist tiefer geworden – und die kleinen Klubs mucken deshalb auf. Sie beanspruchen ein größeres Stück vom reich bedeckten Kuchen. Sie haben gelernt, aus vielen leisen Stimmen eine laute zu entwickeln. Ihr Ansinnen ist mit Blick auf einen spannenderen Wettbewerb nachvollziehbar.

Einerseits. Andererseits ist es dafür vielleicht schon zu spät. Denn die Lebenswirklichkeit der Bayern oder Dortmunder ist längst der von Mainz oder Paderborn weit, weit, weit enteilt. Das ist kein deutsches Phänomen, sondern in Spanien und England ganz ähnlich. Die Bayern marschieren stramm auf eine Milliarde Euro Umsatz pro Geschäftsjahr zu, Mainz ist froh, wenn es ohne Ablösesummen mehr als 100 Millionen bleiben.

Sollten die Kleinen der Branche – alle Klubs ab Platz sieben, acht hinunter bis zum Letzten der zweiten Liga – ihre Stoßrichtung allzu vehement vertreten, könnten die Großen auf stur stellen und sich von der nationalen Liga abwenden. Die Pläne für eine europäische Superliga liegen in den Schubladen. Das Szenario möchte hierzulande niemand umgesetzt wissen.

Hinzu kommt der Kampf um Aufmerksamkeit auf einem globalisierten Markt. DFL-Boss Christian Seifert wies in einer kühlen, in Ton und Inhalt umso deutlicheren Analyse auf die Gefahren hin, sich allzu sehr dem nationalen Finanzausgleich zu widmen und dabei den internationalen Blick zu vernachlässigen. Seiferts Worte waren als klare Warnung zu verstehen. Der einflussreichste Mann im deutschen Fußball sorgt sich sehr darum, dass interne Streitigkeiten den Blick vernebeln – und die Liga deshalb abgehängt wird. Zumal das Wachstum des deutschen Lizenzfußballs, zuletzt sechsmal so groß wie die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung im Land, sich spürbar abschwächt und der Kampf um die nächste Generation kein leichter wird. Netflix, Amazon Prime, aber auch die Premier League sind ernstzunehmende Konkurrenten für die fette Melkkuh Bundesliga.

Im neuen DFL-Präsidium hat der Vordenker mehr Widerrede zu erwarten als zuletzt. Seifert fürchtet, dass vor allem die zweite Liga mit ihrer geschickten Lobbyarbeit zu viel Einfluss gewinnen könnte. Die verantwortlichen Herren sollten klug genug sein, einen gemeinsamen Weg zu finden. Mit guten Argumenten, wie sie Seifert zweifellos vorbrachte, aber auch mit der Bereitschaft des klugen DFL-Chefs, sich noch mehr in die Wahrnehmung der Fußballzwerge hineinzudenken.

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