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Thomas Tuchel: „Dann fahre ich einen Siebensitzer“

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Von: Hendrik Buchheister

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Wo geht’s nach Lille? Thomas Tuchel.
Wo geht’s nach Lille? Thomas Tuchel. © dpa

Der FC Chelsea ist durch die Sanktionen gegen Besitzer Abramowitsch in extreme Schieflage geraten. Doch der deutsche Trainer nimmt’s mit Humor und konterkariert sein Image.

Humor ist immer ein gutes Mittel in schwierigen Zeiten, das weiß auch Thomas Tuchel. Als der Trainer des FC Chelsea kürzlich gefragt wurde, wie der Londoner Verein die Anreise zum Achtelfinalrückspiel der Champions League beim OSC Lille an diesem Mittwoch (21 Uhr/Dazn) zu bestreiten gedenke, brachte Tuchel seine Zuhörer zum Lachen. Sein letzter Stand sei, dass die Mannschaft fliegen werde, wie gewohnt. Er sei aber auch bereit, seine Fußballer persönlich zum Spielort zu befördern: „Zur Not fahre ich einen Siebensitzer. Ernsthaft. Das mache ich.“

Der Einsatz des Trainers als Chauffeur war dann doch nicht nötig, Chelsea konnte wie geplant mit dem Flugzeug nach Frankreich reisen, übrigens mit einem 2:0-Vorsprung aus dem Hinspiel im Gepäck. Dass Tuchel sich zuletzt allerdings mit Fragen zur Logistik befassen musste, hat einen ernsten Hintergrund. Als Reaktion auf Russlands Überfall auf die Ukraine hat die britische Regierung Chelseas russischen Besitzer Roman Abramowitsch sanktioniert und als Begründung dessen Nähe zu Wladimir Putin angeführt, die Abramowitsch bestreitet. Die Besitztümer des Rohstoff-Milliardärs im Vereinigten Königreich wurden eingefroren. Neben Londoner Luxusimmobilien gehört dazu auch der amtierende Champions-League-Sieger und Klubweltmeister Chelsea.

Mit einer Sondergenehmigung der Regierung darf der Verein erstmal weiter operieren, allerdings unter strengen Auflagen. Eine dieser Auflagen besagt, dass die Reisekosten zu Auswärtsspielen höchstens 20 000 Pfund betragen dürfen. Das ist wenig für einen internationalen Topklub, der Charter-Flüge und hochpreisige Hotels gewohnt ist. Außerdem darf Chelsea keine Eintrittskarten und Fanartikel mehr verkaufen, weshalb der Klub beim englischen Fußballverband beantragte, das Pokalspiel gegen Middlesbrough am Samstag ohne Publikum austragen zu dürfen; ein Ausschluss aller Zuschauer ist nach Meinung des Vereins „der fairste Weg unter den aktuellen Bedingungen“.

Die Verpflichtung von Spielern ist zudem nicht gestattet. Vertragsverhandlungen liegen auf Eis. Das bedeutet, dass die Profis, deren Verträge am Ende der Saison auslaufen, den Klub wohl ablösefrei verlassen werden. Einer von ihnen ist der deutsche Nationalspieler Antonio Rüdiger.

Dass die Regierung den FC Chelsea über Abramowitsch direkt mit Russlands Krieg gegen die Ukraine in Verbindung bringt, ist verheerend für den Ruf des Vereins. Der Trikotsponsor „Three“, ein Telekommunikations-Unternehmen, hat die Zusammenarbeit mit Chelsea gekündigt. Dem Klub gehen dadurch fast 50 Millionen Euro im Jahr verloren. Gegenwart und Zukunft des Traditionsklubs stehen infrage. Rund zwei Milliarden Euro hat Abramowitsch seit seiner Ankunft an der Stamford Bridge vor 19 Jahren in den Verein gepumpt und ihn damit zu einem Schwergewicht im internationalen Fußball verwandelt. Doch das „Roman Empire“ ist am Ende.

Schon vor der Intervention der Regierung hatte Abramowitsch den FC Chelsea zum Verkauf ausgeschrieben – ganz offensichtlich, um zu verhindern, dass Sanktionen gegen seine Person auch den Verein treffen. Da dieses Unterfangen fehlgeschlagen ist, muss die Chelsea-Gemeinde jetzt darauf hoffen, dass ein Eigentümer-Wechsel so schnell wie möglich über die Bühne geht, damit der Klub wirtschaftlich wieder handlungsfähig ist. Andernfalls droht der Verein von den laufenden Kosten in den Ruin getrieben zu werden. Alleine die Gehälter für Chelseas Luxuskader sollen im Monat mehr als 33 Millionen Euro kosten. Ohne Einnahmen sind solche Ausgaben mittelfristig nicht zu stemmen.

Eine US-amerikanische Handelsbank, die Raine Group, ist damit beauftragt worden, einen neuen Eigentümer zu finden, und hat Interessenten eine Frist bis Freitag gesetzt, um ihr Angebot einzureichen. Als potenzielle Käufer gelten unter anderem mehrere Investoren aus den USA und der britische Immobilien-Tycoon Nick Candy. Er saß beim Premier-League-Spiel zuletzt gegen Newcastle United (1:0 nach einem Treffer von Kai Havertz) auf der Tribüne an der Stamford Bridge. Abramowitsch soll wegen der Strafen gegen ihn kein Geld aus dem Verkauf erhalten.

Trainer Thomas Tuchel, in der Öffentlichkeit Gesicht und Stimme des FC Chelsea, findet sich neuerdings im Sturm der politischen Weltlage wieder und manövriert sich respektabel durch die komplizierte Situation. Er gibt Antworten, wenn er Antworten geben kann, gesteht ein, wenn er überfragt ist, und macht manchmal sogar Witze. Mit seiner offenen, emphatischen und humorvollen Art korrigiert er gerade seinen Ruf als kühler Technokrat, der sich bei erstbester Gelegenheit mit seinen Vorgesetzten überwirft. Bei allen Unwägbarkeiten – er denke nicht daran, Chelsea vorzeitig zu verlassen, stellte Tuchel gerade noch einmal klar. Eher fährt er seine Spieler im Siebensitzer nach Frankreich.

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