Geht beim FC Bayern voran: Thomas Müller.
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Geht beim FC Bayern voran: Thomas Müller.

„Wenn Not am Mann ist...“

Ein Jahr nach berühmtem Kovac-Satz: Thomas Müller ist Bayerns wichtigster Spieler

  • Nico Scheck
    vonNico Scheck
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Vor einem Jahr degradierte Niko Kovac den vielleicht berühmtesten Bayern-Spieler der vergangenen 20 Jahre. Heute, ein Jahr später, ist Thomas Müller wieder ganz der alte.

  • Der FC Bayern München fegt in der Champions League mit 4:0 über Atlético Madrid hinweg.
  • Dabei überragt einmal mehr Thomas Müller, den Niko Kovac beim FCB vor einem Jahr noch degradiert hatte.
  • Unter Trainer Hansi Flick ist Müller wieder der wichtigste Spieler des FC Bayern.

München - In Zeiten des Internets, des Instagrams und überhaupt des Social Media ist es schwer bis unmöglich, eine getätigte Aussage unter den Teppich zu kehren. „Wenn Not am Mann sein sollte“, hatte Niko Kovac einst gesagt, „wird er [Thomas Müller, Anm. d. Red. ] mit Sicherheit auch seine Minuten bekommen“. Ziemlich genau ein Jahr ist das jetzt her. Damals war Kovac noch Trainer des FC Bayern München und kurz darauf: nicht mehr.

All das wirkt wie aus einer längst vergessenen Welt. Aus einer Welt, in der die Bayern, zumindest ganz kurz, schlagbarer denn je wirkten. Wie es weiter ging, ist bekannt. Kovac ging, Hansi Flick übernahm und Müller müllerte von heute auf morgen wieder. Jetzt, ein Jahr nach Kovacs Notnagel-Spruch, ist Müller Bayerns wichtigster Spieler.

Thomas Müller müllert wieder beim FC Bayern München

Sicher, Thomas Müller hat nicht die übermenschliche Torquote eines Robert Lewandowski. Er verfügt auch nicht über die hulk‘sche Muskelmasse eines Leon Goretzka. Und er hat ganz sicher nicht den Antritt eines Kingsley Coman. Aber Müller hat das unnachahmliche Näschen für den Raum, das Timing für den Laufweg und das Spielverständnis für das Pressing. Müller, der Raumdeuter, der Ur-Bayer, der Weltmeister, der doppelte Triple-Sieger. Müller, der Filou.

Wer Müller anno 2020 noch nicht verstanden hat, brauchte sich nur den bayerischen Auftakt in die Champions League anzuschauen. Atlético Madrid war beim FC Bayern zu Gast. Als guter (oder schlechter) Gastgeber schenkten die Münchner den Mannen von Diego Simeone gleich viermal ein, Müller selbst lieferte ein Assist. Mehr noch als dieser Assist oder die beiden sehenswerten Treffer von Coman, dem „Man of the Match“, war es aber das, was der Zuschauer auf dem Feld hörte, die Geschichte des Abends.

FC Bayern München: Thomas Müller, der Lautsprecher

Als Atlético nach einer halben Minute die erste Ecke ausführte, erinnerte Müller seine Teamkollegen freundlich daran: „Aufpassen, geht schon los.“ Ach was. Die Kommandos zum Pressen, das ist man bei den Bayern längst gewohnt, kommen auch von Müller. „Drauf, drauf, drauf“, hallte es auch am Mittwochabend immer wieder aus der Allianz Arena. Zwischendurch ein „Ist doch scheiße“, wenn Müller selbst eine Aktion misslang und dann die Aktion des Abends.

Nach einem harmlosen Zweikampf mit Madrids Kieran Trippier zückte Referee Michael Oliver die Gelbe Karte, was in Müller das innere Rumpelstilzchen weckte: „Das ist doch Wahnsinn, was ist denn hier los“, polterte Bayerns Nummer 25. „Wir spielen gegen Atlético Madrid, das sind die größten Rabauken im europäischen Fußball, und ich krieg hier Gelb.“

Thomas Müller kann die Gelbe Karte gegen ihn nicht fassen.

Es ist eine Aussage, die einerseits einiges über das Image des Gegners verrät, andererseits aber vor allem die Mentalität Müllers beschreibt. Und mal ehrlich: Wem außer Müller wäre es unter diesen 22 Spielern auf dem Rasen zuzutrauen gewesen, das Wort „Rabauken“ in den Mund zu nehmen? Selbst auf dem Weg zum Mittelkreis nach Comans 1:0 (während der restliche FC Bayern jubelte) motzte Müller munter weiter auf Schiedsrichter Oliver ein. Müller, der Wortführer. Müller, der Lautsprecher.

FC Bayern München: Thomas Müller, der Co-Trainer

Freilich muss sich Müller für seine Wortführer-Rolle beim FC Bayern vor allem auch bei Flick bedanken. Schließlich hat Müller wie kein Zweiter von dem Trainer-Wechsel profitiert. Doch der Weltmeister von 2014 hat das Vertrauen doppelt und dreifach zurückgezahlt. 14 Tore, 26 Assists in der vergangenen Triple-Saison. Und man bedenke: Das erste Saisondrittel spielte Müller nur, „wenn Not am Mann war“.

Zur Wahrheit der Geschichte gehört freilich auch, dass die Bayern unter Carlo Ancelotti und insbesondere eben unter Kovac nicht den besten Müller erlebten. Spielt das Eigengewächs nicht gut, schrillen bei den Bayern-Bossen sämtliche Alarmglocken. Die Liebesbeziehung Müller/FC Bayern ist biologisch betrachtet eine Symbiose. Das eine bedingt das andere. Spielt Müller gut, spielt der FC Bayern gut. Das ist seit elf Jahren ungeschriebenes Gesetz. Louis van Gaal hatte es einst in Worte gefasst: „Müller spielt immer.“ Spielt er nicht immer, muss sich der deutsche Rekordmeister Sorgen machen.

NameThomas Müller
Geboren13. September 1989 (Alter 31 Jahre), Weilheim in Oberbayern
Größe1,86 m
EhepartnerinLisa Müller (verh. 2009)
Gehalt14,95 Millionen EUR (2020)
Aktuelles TeamFC Bayern München (#25 / Stürmer)
BücherMein Weg zum Traumverein

Das weiß auch Flick. „Thomas weiß, welche Räume er besetzen muss, wo er stehen muss. Darüber hinaus coacht er auch die Mannschaft“, schwärmte der Triple-Trainer am Mittwochabend und beendete seine Lobrede mit: „Wenn einer der verlängerte Arm des Trainers auf dem Platz ist, dann ist er das.“ Müller, der Co-Trainer. (Von Nico Scheck)

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