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War in Deutschland eigentlich nicht mehr vermittelbar: Thomas Doll.

Kommentar Hannover 96

Thomas Doll dimmt sich runter

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Hannover 96 ist für Thomas Doll eine Chance, aus dem Niemandsland zurück in den Fokus zu kehren.

Das Letzte, was man von Thomas Doll vor dessen Engagement bei Hannover 96 gesehen hatte, war nicht so doll. Der seinerzeit noch arbeitslose Fußballlehrer hockte als Gast von Patrick Wasserziehr beim Sky-90-Talk und legte sich auf unangenehme Art und Weise mit dem „Spiegel“-Reporter Rafael Buschmann an. Doll belehrte Buschmann von oben herab mit dem Satz „Entschuldigung, wenn der Chef spricht, kurz ruhig sein“, später rutschte Doll noch ein „Meine Fresse“ raus. Es war zum Fremdschämen, und es passt in den Jargon, den der 52-Jährige in einer schwachen Minute im Frühjahr 2008 als damaliger Trainer von Borussia Dortmund rausließ, als er die Medienkritik an seiner Mannschaft in einer legendären Pressekonferenz geißelte: „Da lach ich mir doch den Arsch ab!“

Nach diesem Erguss war Doll in Deutschland nicht mehr vermittelbar. Der Mann, der den Hamburger SV vom Tabellenende in die Champions League geführt hatte und vom Fachblatt „Kicker“ zum „Mann des Jahres“ gekürt worden war, ist in Dortmund dann bald weggelobt worden. Es folgten: Genclerbirligi Ankara, Al-Hilal und Ferencvaros Budapest. Türkei, Saudi-Arabien, Ungarn. Zweite, dritte, vierte Kategorie.

Hannover 96 ist für den Brachialrhetoriker Thomas Doll, der mit dem Ball am Fuß eine feinere Klinge bevorzugte, eine Chance, aus dem Niemandsland zurück in den Fokus zu kehren. Normalerweise gilt einer nach fast elf Jahren ohne Bundesligaengagement in der Branche als abgehalftert. Aber Doll hat sich mit einigen Erfolgen in Budapest verloren gegangenen Respekt zurückerarbeitet.

Nichts mehr zu verlieren

Da kommt jetzt einer daher, der nicht mehr viel zu verlieren, aber einiges zu gewinnen hat. Was diese Voraussetzungen angeht, passt der stets braungebrannte Mann und aufwendig frisierte , den nicht nur seine Kumpels „Dolli“ nennen dürfen, also bestens zu den Niedersachsen.

Gestern bei seiner Vorstellung war er um Zurückhaltung in Tonalität und Lautstärke bemüht. Wer will es ihm verdenken, dass dabei eine Hitparade der Fußballplattitüden herauskam.

In einem Interview mit der „Zeit“ hat Thomas Doll einmal gesagt, er laufe, wenn er zuvor „richtig auf die Fresse“ bekommen habe, bestimmt „nicht geduckt durch die Gegend“. Das ist schon mal eine Einstellung, die die Arbeit im Bundesligakeller erleichtern dürfte. Und mag die Tristesse, die derzeit rund um den Vorzeigeverein in der niedersächsischen Landeshauptstadt herrscht, sich noch so groß anfühlen – tatsächlich sind es für Hannover 96 nur drei Punkte zum Relegationsplatz (Stuttgart) und vier zum direkten Klassenerhalt (Augsburg).

Doll begibt sich also keinesfalls auf eine unmögliche Mission, zumal sein neuer Arbeitgeber so frei war, dem ehemaligen DDR-Auswahlmann und späteren Nationalspieler eines vereinigten Deutschlands sogar einen Vertrag zu geben, der ebenfalls für den Abstiegsfall gilt. Kann man machen, muss man aber nicht.

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