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Mag er gar nicht: Heribert Bruchhagen muss sich den Fragen der Presse stellen.

Kommentar HSV

Teufelskreis

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Dass sich inzwischen selbst die eigenen Fans eine Bestrafung für das jahrelange Missmanagement beim HSV wünschen, muss nachdenklich machen. Ein Kommentar.

Der dichte Winternebel, der sich am Sonntagmorgen wie ein bleierner Schleier über den Hamburger Volkspark legte, gab ein gutes Sinnbild: Mal wieder herrscht beim Hamburger SV die totale Tristesse, gespeist aus einer Serie erfolgloser Spiele, einer anhaltenden Verunsicherung der Profis, einer latenten Schwäche der Führungskräfte, die sich dann – wie immer – nicht anders zu helfen wissen, als den Trainer zu schassen. Markus Gisdol, nach einem Rettertor des Ex-Frankfurters Luca Waldschmidt am letzten Spieltag der Saison 2016/2017 auf den Händen über den Rasen in einer förmlich vor Freude explodierenden Arena getragen, ist als nächster Fußballlehrer an der offenbar unlösbaren Aufgabe gescheitert, diesen Verein tabellarisch zu stabilisieren.

Sympathie ad absurdum geführt

Die aktuellen Verantwortlichen für eine mal wieder unglückliche Personalpolitik – Sportchef Jens Todt und Vorstandschef Heribert Bruchhagen – können hingegen vorerst weitermachen. Der HSV sucht nun mal wieder einen Retter. Nun wird Bernd Hollerbach der Mann, der den Mega-Gau irgendwie noch abwenden soll. Dass sich inzwischen immer mehr HSV-Fans eine Bestrafung für das jahrelange Missmanagement wünschen, muss nachdenklich machen. Gefühlt ist die Berechtigung, als einziger Vertreter mittlerweile mehr als ein halbes Jahrhundert dauerhaft der Bundesliga anzugehören, erloschen.

Die grundsätzliche Sympathie, die stolzen Traditionsvereinen seit jeher entgegengebracht wird, wurde ad absurdum geführt, weil dieser Klub schon viel zu lange ungestraft auf Pump lebt. Und weil sich mit Milliardär Klaus-Michael Kühne ein Gönner fand, der weitere Millionen bereitstellte, um überzogene Gehälter und Ablösen zu zahlen, warf sogar der in Frankfurt als Sparkommissar bekannte Pragmatiker Bruchhagen seine hehren Grundsätze über Bord.

Mit dem Ergebnis, in den letzten beiden Transferperioden Entscheidungen abgesegnet zu haben, die eine nachhaltige Entwicklung konterkarierten. Auf allen zentralen Positionen hat der derzeitige Kader ein Qualitäts- oder Mentalitätsproblem: Im Tor fehlt eine Persönlichkeit, die Innenverteidiger sind zu langsam, den zentralen Mittelfeldstabilisator gibt es seit Jahren schon nicht, und der Angriff gleicht größtenteils einer Lachnummer. Vermutlich kann das 18 Jahre alte Sturmtalent Jann-Fiete Arp gar nicht anders, den Uwe-Seeler-Klub bald zu verlassen, um die Weiterentwicklung seiner Karriere nicht zu gefährden.

Wer allerdings den Dino schon in der zweiten Liga sieht, macht einen Fehler. Zum einen sind die restlichen Abstiegskandidaten fußballerisch nicht so viel voraus, dass in Hamburg alles schon verloren ist. Zum anderen sei nur an die noch auswegloser erscheinende Situation 2015 erinnert, als Bruno Labbadia den HSV im legendären Relegationsspiel in Karlsruhe vor dem Absturz bewahrte. Doch darauf zu setzen, dass am Ende doch alles wieder gut ausgeht, wäre töricht. Denn dafür steckt der Klub bereits so tief in einem Teufelskreis, dass die Erneuerung über eine Zweitligasaison vermutlich längst nicht mehr die schlechteste Lösung wäre.

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