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Robert und Teresa Enke beim Kochen.
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Robert und Teresa Enke beim Kochen.

Witwe von Robert Enke im Interview

Teresa Enke: „Viele Menschen sind viel stärker, als sie denken“

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Teresa Enke erzählt, wie sie das Leben nach dem Tod ihrer Tochter Lara und ihres Mannes Robert bewältigt hat, wie sie die Corona-Pandemie erleben und was sich im Fußball gebessert hat.

Vor dem Interview mit der FR hat Teresa Enke ihre tägliche Laufeinheit längst hinter sich gebracht. Die Witwe des ehemaligen Fußball-Nationaltorwarts Robert Enke lebt nach einigen Jahren in Köln inzwischen wieder in Hannover. Jeden Morgen in aller Früh begibt sie sich auf eine knapp acht Kilometer lange Laufstrecke. Sie schafft problemlos einen Schnitt von weniger als fünf Minuten pro Kilometer. Das ist für sie auch eine Art der Therapie.

Frau Enke, viele Menschen spüren an den Weihnachtstagen Einsamkeit und Niedergeschlagenheit ganz besonders. Können Sie das aus eigener Erfahrung nachvollziehen, nachdem Sie 2006 Ihre kleine Tochter Lara und 2009 Ihren Mann Robert verloren haben?

Wenn ich mir in der Weihnachtszeit Familienfotos anschaue aus jener Zeit, dann erschüttert mich das noch immer. Aber es sind seitdem Menschen dazugekommen, die das Leben bereichern.

Wie haben Sie es geschafft, Weihnachten 2006 und 2009 zu überstehen?

2006 nach dem Tod unserer Tochter war Robbi noch da. Es ist noch einmal etwas anderes, einen solchen Verlust gemeinsam zu betrauern. 2009 war gruselig. Wir standen um den Baum herum und hatten beim gemeinsamen Singen alle einen Kloß im Hals. Zum Glück war ich immer eingebettet in die Familie. Das hat mir sehr geholfen.

Teresa Enke: „Nach Roberts Tod waren viele Menschen für mich da“

Familie war seinerzeit für Sie die Eltern und die Geschwister?

Ja. Und Freunde. Nach Roberts Tod waren viele Menschen für mich da. Sie haben sich gekümmert und an unserem Schicksal teilgenommen.

Wie erleben Sie Weihnachten 2021?

Ich werde mit meiner Familie zu meiner Mama fahren. Sie ist leider schwerstbehindert, sitzt im Rollstuhl, aber ist im Kopf noch sehr klar. Es ist wichtig, dass man zusammensteht.

Sie sind wieder verheiratet. Kann man sagen, dass Sie Ihr Glück wiedergefunden haben?

Ja. Ich bin resilient und lebensbejahend. Robbi hätte nicht gewollt, dass ich mein weiteres Leben einsam trauere.

Einfach war das nicht. Zwei Jahre nach seinem Tod haben Sie beim Waldspaziergang mit ihrer Tochter Leila gespürt, dass Sie Hilfe brauchen. Ihnen waren die Tränen gekommen. Leila sagte damals: „Mama, weine nicht!“

Ja, das werde ich nie vergessen. Ich habe dann angefangen, rumzutelefonieren.

Teresa Enke: „Ich hätte nie gedacht, dass ich das so durchziehen kann“

Sie sind in eine Einrichtung nach Bad Zwischenahn gegangen, just in jene Klinik, die Sie und Robert sich seinerzeit sogar vor Ort angeschaut hatten, weil er nicht mehr weiter wusste, ehe er sich dann doch dagegen entschied.

Ich hatte mir andere Kliniken rausgesucht, aber meine Versicherung riet mir ausgerechnet zu Bad Zwischenahn. Ich habe das erstmal verarbeiten müssen. Mir ist durch die Hilfe der Therapeuten klargeworden: Ich kann nicht weiter in der Vergangenheit leben, sondern muss mich auf die Zukunft einlassen. Ich habe dann entschieden, mein Leben umzukrempeln, bin nach Köln gezogen und hatte dort eine tolle Zeit.

Inzwischen wohnen Sie wieder in Hannover, aber Sie brauchten auch den räumlichen Abstand?

Genau. Köln ist eine tolle Stadt für Menschen, die ihre Frohnatur wiederfinden möchten. Köln hat meine Seele gereinigt. Dafür bin ich sehr dankbar.

Sie sind in der Öffentlichkeit vor allem als starke Frau bekannt. Als die Frau, die es am Morgen nach dem Suizid Ihres Mannes geschafft hat, öffentlich von dessen Depression zu sprechen und als Vorsitzende der Robert-Enke-Stiftung nachhaltig an dem Thema dranzubleiben.

Ich würde nicht behaupten, dass ich eine besonders starke Frau bin. Es hat sich so entwickelt, weil ich ein verantwortungsbewusster Mensch bin. Ich habe es mir deshalb gar nicht erlauben wollen, durchzuhängen. Ich hatte die Verantwortung für meine Eltern, meine Tochter, für die Tiere. So kam es, dass ich versucht habe, aus der Tragödie etwas Positives zu ziehen. Ich glaube, viele, viele Menschen sind viel stärker, als sie denken. Mir ging das auch so. Ich hätte nie gedacht, dass ich das so durchstehen kann.

Sie haben sich um Straßenhunde aus Südeuropa sehr gekümmert. Wie viele Tiere waren das damals und wie viele sind es heute noch?

Es waren neun Hunde, der letzte verstarb 2016, dazu Katzen und Pferde. Jetzt sind es noch zwei Hunde aus dem Tierschutz.

Teresa Enke: „Die Lockdowns waren eine schlimme Erfahrung für mich und meine Kinder“

Sind die beiden Hunde auch dabei, wenn Sie morgens um sechs Uhr schon in Hannover laufen?

Natürlich. Die funkeln dann wie Weihnachtsbäume. Aber sie mögen Regen nicht.

Sie trotzen dem Regen?

Ich laufe praktisch täglich. Neulich musste ich um sieben Uhr auf eine Reise gehen, da bin ich dann halt um halb fünf aufgestanden. Für mich ist es ein tolles Gefühl, in der Dunkelheit zu laufen. Man begegnet nur wenigen Menschen, man sieht die grantigen Gesichter nicht. Es ist so eine Stille.

Wie haben Sie die bisherige Corona-Zeit erlebt?

Die Lockdowns waren eine schlimme Erfahrung für mich und die Kinder. Ich hoffe sehr, dass die Kinder künftig weiter in die Schule und den Kindergarten gehen können. Wobei wir hier in Deutschland ja zum Glück immer raus an die Luft konnten. Meine Freunde in Spanien durften das anfangs nicht. Die saßen bei tollem Wetter mit vielen Kindern in einer kleinen Wohnung. Furchtbar!

Wie gehen die Kinder mit Corona um?

Sie testen sich fleißig, weil sie nicht wollen, dass Schule oder Kindergarten noch mal geschlossen werden. Sie werden mit Corona groß. Dass sie nicht mehr so unbeschwert auf Menschen zugehen können, begleitet sie. Das tut mir sehr leid für sie.

Teresa Enke: „Die Nachfrage ist deutlich größer als das Angebot und wir stoßen an unsere Grenzen“

Es hat in dieser Zeit viel mehr Nachfrage nach Betreuung für psychisch belastete Menschen gegeben. Die Kapazitäten von Psychologen und Psychiatern sind völlig überlastet. Wie erleben Sie es?

Diese Erfahrung ist für uns sehr frustrierend. Nachdem wir die Stiftung gegründet hatten, gab es lange Zeit nur sehr wenige Anfragen von Kindern und Jugendlichen. Inzwischen ist die Nachfrage deutlich größer als das Angebot und wir stoßen an unsere Grenzen. Die Kinder und Jugendlichen werden in der Psychiatrie der Kliniken nur noch aufgenommen, wenn sie suizidgefährdet sind. Es ist ein erschreckendes Bild, wie viele Kinder unter dieser Pandemie leiden. Es gibt keine Abifeiern mehr, keine Weihnachtsfeiern im Kindergarten, kein Schulfest. Ich kriege gerade Gänsehaut.

Sollten sich mehr Leute impfen lassen, um die Pandemie schneller zu überwinden?

Ich möchte, dass dieser Wahnsinn bald ein Ende hat und freue mich, wenn es viele Menschen tun, aber ich verurteile auch niemanden, der sich nicht impfen lassen will. Mir macht es Sorge, dass sich unsere Gesellschaft so sehr spaltet.

Wie nehmen Sie den Profifußball in der Pandemie wahr?

So wie andere Unternehmen auch. Kein Klub kann seine Spieler aktuell zur Impfung zwingen. Und ich verstehe auch, dass einzelne Spieler in dieser Altersgruppe, in der Corona keinen so großen Schaden anrichten kann, noch zurückhaltend sind. Man sollte sie nicht an den Pranger stellen und derart unter Druck setzen.

Robert Enke war im Spätsommer 2009 die Nummer eins im deutschen Tor, hart bedrängt von René Adler, auch von Manuel Neuer. Was hat der Druck in der Nationalmannschaft mit ihm gemacht?

Er ist nicht durch den Druck krank geworden. Depression hat nichts mit Druck oder Schwäche zu tun. Es ist eine Krankheit, die kommt und geht, wann sie möchte. Aber natürlich ist eine Stresssituation begünstigend. Und ich glaube schon, dass dieser Stress, der ja auch durch die Medien aufgebaut wurde, denn Robert und René waren sich wohlgesonnen, ihm zugesetzt hat. Aber nicht so, dass er sich deswegen umgebracht hat.

Teresa Enke: „Das Thema psychische Gesundheit ist in den Fußball eingezogen“

Welche Chance hat jetzt ein Profi, der sich an einer Depression leidet, damit besser klarzukommen, als das 2009 der Fall war?

Die Spieler haben, auch durch den Fall Robert Enke, mittlerweile nicht mehr die Scheu, sich zu bekennen. Natürlich ist das Stigma noch vorhanden, aber es wird täglich abgebaut. Es gibt Anlaufstellen auch bei uns, um sich Hilfe zu erbeten. Die Trainer gehen in der Regel anders damit um, wenn es einem Spieler nicht gutgeht. Das Thema psychische Gesundheit ist in den Fußball eingezogen.

Es gibt Vereine, deren Spieler den Teampsychologen täglich auf einer App darüber informieren, wie sie sich körperlich und mental fühlen. Was halten Sie davon?

Ich finde das insofern gut, dass die Spieler sich so mit ihrer seelischen Verfassung auseinandersetzen müssen. Jemanden, der gesund ist, nervt das vielleicht. Aber jemand, der sich gerade nicht so wohlfühlt, fühlt sich dadurch ernstgenommen, weil auf ihn geguckt wird. Und er Hilfe bekommt, mit der Situation umzugehen.

Seinerzeit haben der DFB-Psychologe Hans-Dieter Hermann und Teamarzt Tim Meyer geglaubt zu spüren, dass Robert Enke bedrückt ist, dass ihn etwas quält. Sie haben das Gespräch mit ihm gesucht, haben die Wahrheit aber nicht erfahren. Hatten sie keine Chance?

Nein, sie hatten null Chance, an ihn ranzukommen. Robbi war gut im Tarnen. Er wollte das vor dem DFB geheim halten, weil er fürchtete, seine Chancen zu verringern.

Spieler sollten inzwischen wissen, dass sie sich mehr öffnen können?

Es wäre meine Wunschvorstellung, dass Spieler an den Psychologen im Verein vertrauensvoll herantreten können. Oder auch an Therapeuten außerhalb des Klubs. Viele Vereine haben solche Zugänge eingerichtet.

Teresa Enke: „Die Spieler sind damit aufgewachsen und brauchen die Sozialen Medien“

Es gab neulich heftige Kritik auf Twitter an DFB-Manager Oliver Bierhoff, der neben Ihnen auf einer Pressekonferenz in Wolfsburg saß und die Medien maßregelte. Seine Aussagen wurden vielfach so interpretiert, dass Bierhoff suggeriere, der Umgang mit Joshua Kimmich wegen dessen anfänglicher Impfskepsis könne den Spieler in den Suizid treiben. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Ich glaube, das wurde in der emotionalen Situation allzu sehr hochgekocht. Oliver hat sich dafür entschuldigt, er wollte so sicher nicht verstanden werden, sondern vor allem seinen Spieler schützen. Oliver steht uns schon sehr lange zur Seite und weiß, worauf es ankommt.

Frau Enke, sollten sich Fußballstars vor den Sozialen Netzwerken, die es in dieser oft ungnädigen Wucht im ersten Jahrzehnt des Jahrtausends noch längst nicht so gab, besser zu schützen wissen?

Darauf sollte in der Betreuung junger Spieler auf jeden Fall ein Fokus gelegt werden. Ich erinnere mich noch an 2009, als der Zweikampf Enke/Adler medial immer mehr hochkam und auch in Foren und Chats kontrovers ausgetragen wurde. Ich habe schon damals zu Robbi gesagt, er solle sich das nicht angucken.

Inzwischen kann man ja gar nicht mehr komplett wegschauen?

Nein. Die Spieler sind damit aufgewachsen und brauchen die Sozialen Medien ja auch. Dabei müssen sie gestärkt werden. Denn es geht längst nicht mehr nur ums Sportliche, sondern um den Charakter, ums Aussehen, um sein Denken. Die Spieler werden hochgelobt, aber auch massiv kritisiert. Und der Mensch ist nun einmal so, dass negative Erlebnisse oft stärker haftenbleiben.

Möchten Sie, dass Ihre Kinder eine große sportliche Karriere machen oder möchten Sie sie lieber davor schützen?

Ich hätte mich gefreut, wenn Leila ambitionierter wäre. Im Moment steht die Pubertät etwas im Wege (lacht). Also hoffe ich auf den jüngeren Bruder.

Teresa Enke: „Ich bin kein Wettkampftyp“

Sie haben früher Modernen Fünfkampf betrieben. Wie war das damals?

Ich bin leider keine, die sich besonders gut messen kann. Ich bin kein Wettkampftyp. Vielleicht hätte es mir geholfen, wenn ich in der Jugend Mentaltrainer gehabt hätte. Stattdessen wurde ich halt bedauert, wenn ich vor einem Wettkampf mal wieder krank geworden bin.

Was passiert, wenn Sie morgens beim Laufen überholt werden?

Damit kann ich nicht gut umgehen. Entweder beiße ich mich ran. Wenn ich merke, dass ich das nicht schaffe, biege ich lieber ab. Ich habe auch meine Lauf-App abgestellt, um mich selber zu schützen und das Laufen zu genießen.

Interview: Jan Christian Müller

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