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Die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen, machte Franz Beckenbauer 1990 zum Weltmeister.
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Die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen, machte Franz Beckenbauer 1990 zum Weltmeister.

Franz Beckenbauer

Ein Teamchef wird Weltmeister

Franz Beckenbauers Karriereende als Teamchef begann 1984 mit einer Idee, die nicht seine war, und endete mit dem Sieg über Argentinien im Finale von Rom.

Von Frank Nägele

Dies ist eine Würdigung der Verdienste von Franz Beckenbauer um die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Sie stammen aus einer Zeit, in der das Gelingen für den „Kaiser“ zwanghaft war. Er konnte machen, was er wollte – und es hat funktioniert. Manchmal funktionierte auch das, was er nicht wirklich wollte. Wie das Amt des DFB-Teamchefs, das man für ihn erfunden hat, weil er nie ein Trainer war.

Im Juni 1984 war die Fußball-Bundesrepublik Deutschland in Aufruhr. Die Nationalelf, ermüdet von den Jahren unter dem netten Onkel Jupp Derwall, war bei der EM 1984 in der Gruppenphase gegen Spanien ausgeschieden. Das Kopfballtor von Maceda haben heute noch alle in Erinnerung, die damals schon alt genug waren, um seine Tragweite zu erkennen. Beckenbauer war als „Bild“-Kolumnist zum Turnier nach Frankreich gereist und hatte in dieser Eigenschaft auch kräftig auf die Versager geschimpft. Um die Umstände seiner Ernennung zum Teamchef ranken sich einige Mythen. Gesichert ist, dass sie einer Idee des in diesen Fragen damals allmächtigen Mediengiganten entsprang, der ihn bezahlte.

Irgendjemand in der Springer-Zentrale war auf die Idee gekommen, Beckenbauer zu Derwalls Nachfolger zu machen. Angeblich war der Betroffene noch ahnungslos, als die erste Schlagzeile gedruckt wurde: „Derwall vorbei – Franz: bin bereit“. Es musste nur noch jemand gefunden werden, der es dem Franz sagte. Angeblich geschah das bei einem Glas Wein im Pariser Hotel „Henri IV“. Andere erzählten sich die Geschichte, dass die Nachricht auf der Rückreise im Flugzeug überbracht worden war. Sicher ist, dass der Gebetene sich lange gesträubt hat, ehe er sich ins Unabänderliche fügte und das Amt mit dem neuen Namen übernahm.

Franz Beckenbauer begann seinen neuen Job am 12. September 1984 in Düsseldorf mit einer Niederlage. 1:3 gegen Argentinien. Das war noch keinem seiner Vorgänger passiert. Aber er konnte sich das erlauben. Beckenbauer hatte schon als Spieler viele Krisen unbeschadet überstanden – sogar die Steuerflucht in die USA 1977. So war das damals. Franz Beckenbauer wurde vom Schicksal alles verziehen. Aber er war kein Spinner. Er übernahm eine Mannschaft ohne Glanz. Die Förster-Brüder, Ditmar Jakobs und Wolfgang Rolff prägten ihr Image mit Drecksarbeit. Lothar Matthäus war noch sehr jung, die Sturmstars Karl-Heinz Rummenigge und Rudi Völler neigten zu Verletzungen. Aber man erreichte trotz der bis heute einzigen Niederlage in einem WM-Qualifikationsspiel (0:1 gegen Portugal in Stuttgart) die Endrunde in Mexiko problemlos. Aber Beckenbauer sah, dass er dort an Fußball, wie er selbst ihn gespielt hat, gar nicht erst denken durfte. Er tat, was er als Spieler so verachtet hatte, und setzte auf die deutschen Tugenden Kraft und Ausdauer. Mochten die anderen modern spielen, die Journalisten den Begriff „Rumpel-Fußball“ erfinden, er stampfte mit seinem Team von Runde zu Runde.

Diplomatisch war Franz Beckenbauers erste WM als Teamchef ein Desaster. Den Jähzorn aus Spielerzeiten hatte sich der sogenannte Kaiser noch nicht abtrainiert. Seine Schimpftirade gegen einen mexikanischen Journalisten hätte fast eine politische Krise ausgelöst. Im Hotel meuterten die unzufriedenen Spieler. Uli Stein, der schlecht gelaunte dritte Torhüter, diktierte der Presse am Swimmingpool das Wort „Suppenkasper“ in die Notizblöcke. Eine abwertende Anspielung auf Beckenbauers Vergangenheit als Werbeträger von Maggi. In der Vorrunde wurde der Nationalelf von Dänemark gezeigt, wie moderner Fußball geht. Sie verlor 0:2 und wirkte chancenlos. Dennoch stand sie Wochen später im Finale. Der Ausgang ist bekannt. 3:2 für Argentinien. Saublödes Siegtor durch Burruchaga.

Typisch für Beckenbauer war die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen. Er hatte sie bei seiner ersten WM alle begangen und war trotzdem Vizeweltmeister geworden. Das war die Grundlage für den Erfolg vier Jahre später. Nach der Europameisterschaft 1988 im eigenen Land, bei der Beckenbauer mit einem fußballerisch stark verbesserten Team im Halbfinale am niederländischen Star-Ensemble scheiterte, reiste er erfahren und gefestigt 1990 nach Italien. Der einstige Bauchmensch und Ballgenius hatte sich eine erstaunliche Form der Akribie erworben und für alles Spezielle seine Spezialisten gefunden. Am wichtigsten war sein Assistent Holger Osieck, der viele der klassischen Traineraufgaben für den Teamchef übernahm, nach außen hin aber ganz hinter Beckenbauers Charisma verschwand.

In seinem Kader hatte der Teamchef für jeden Moment den richtigen Spieler. Lothar Matthäus war sein Kapitän und Antreiber vom ersten Spiel an, Jürgen Kohler der unüberwindliche Zweikämpfer, Rudi Völler der Anführer im Angriff, Jürgen Klinsmann der junge Wilde, der mit dem Spiel seines Lebens das Achtelfinale gegen die Holländer für Deutschland 2:1 gewinnen half. Dazu kamen der junge Kölner Torwart Bodo Illgner und sein krummbeinig dribbelnder Klubkollege Pierre Littbarski. Als im Finale einer gebraucht wurde, der den großen Diego Maradona ausschaltete, zauberte Beckenbauer den Grobmotoriker Guido Buchwald aus dem Hut, der zur Sensation des Endspiels wurde. Den Rest erledigte ein Elfmeter, den Andreas Brehme verwandelte.

Im Siegesrausch von Rom entstand das Bild, in dem die Ära des Teamchefs Franz Beckenbauer weiterlebt. Ein schlanker Mann mit einer Medaille um den Hals schreitet im Wissen, dass dies seine letzte Amtshandlung als Teamchef war, ein verwaistes Spielfeld ab. Man hat viel Tiefe vermutet in dieser Szene. Ob sie wirklich da war, oder ob es sich nur um eine missinterpretierte Pose der Leere handelte, weiß nur Franz Beckenbauer selbst. Aber er redet nicht mehr viel in der Öffentlichkeit. Das Wenige, was nötig ist, erledigen seit Jahren seine Anwälte. Das Bild des so lange Zeit Auserwählten droht wegen der dubiosen Zahlungen im Zusammenhang mit der WM 2006, die er auf seine Weise nach Deutschland geholt hat, auf ewig beschädigt zu werden. Entschieden ist darüber noch nicht endgültig, weder von Gerichten noch von der Geschichte. Aber kein Urteil würde etwas ändern an Franz Beckenbauers Verdiensten um die Nationalmannschaft. Den zweiten Weltmeistertitel hatte er ihr 1974 als Spieler geschenkt. Den dritten 1990 als Teamchef. Das bleibt.

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