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Der Doktor und sein Tempodrom: Sebastian Schneider auf dem Speedcourt.

SC Hessen Dreieich

Teamarzt, Trainer, Torjäger

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Sebastian Schneider arbeitet beim SC Hessen Dreieich in Doppelfunktion und ist noch immer ein Strafraumschreck der SG Rosenhöhe.

Damals, in einer nun schon ziemlich lange vergangenen Zeit, hat der blutjunge Stürmer Sebastian Schneider mit seinem Verein ausverhandelt, dass er zeitig an einem Trainer-B-Lizenzlehrgang teilnehmen darf. Ein solches Begehren in so jungen Jahren war ungewöhnlich, aber Kickers Würzburg hat eingewilligt. Der Trainerschein war dem Angreifer wichtiger als ein paar Mark mehr Aufwandsentschädigung fürs Toreschießen. Sebastian Schneider hat schon immer gern ein paar Schritte weiter gedacht.

Es ist dann ein wirklich guter Stürmer aus dem Medizinstudenten geworden, der nach der Schule in Frankfurt und der Jugend bei Kickers Offenbach an der Universität Würzburg studierte und es gleichzeitig bis in die Bayernliga schaffte. Schnell im Antritt, guter Abschluss mit links und rechts, fixe Auffassungsgabe, entscheidendes Tor in der Nachspielzeit zum Aufstieg aus der Landesliga, ein wenig faul im Defensivverhalten, typischer Stürmer halt. Es war eine gute Zeit. Aber der Junge aus Sachsenhausen wusste sich realistisch einzuschätzen. Aus ihm würde mal ein noch besserer Facharzt für Orthopädie und Sportmediziner werden, und vielleicht auch ein besserer Trainer.

Die neue FR-Serie erzählt von Menschen, die viel bewegen – mal sich selbst, mal andere. Von Sportlern, die außergewöhnliche Leistungen vollbringen oder vom Schicksal hart getroffen wurden. Von Trainern, die die Sportler zu außergewöhnlichen machen. Von Ehrenamtlichen, die für ihre Vereine unverzichtbar sind.

Heute: Ganz nah dran an Dr. Sebastian Schneider vom SC Hessen Dreieich .

Es gibt da diese Geschichte aus Lauda in der Nähe von Tauberbischofsheim. Dr. Sebastian Schneider, mittlerweile 30 Jahre alt, arbeitete dort im Krankenhaus und spielte für den ortsansässigen FV Lauda, als er sich mitten im Abstiegskampf einen Knorpelschaden am Sprunggelenk zuzog. Der Vorstand hat bald darauf den Trainer rausgeworfen und den verletzten Stürmer Schneider zum Chefcoach des Tabellenletzten befördert. Sechs Spieltage vor Schluss war das, und weil es so furchtbar wichtig war, fast wichtiger als alles andere, musste der frisch vermählte Bräutigam direkt vom Standesamt in Bad Mergentheim zur Mannschaftsbesprechung auf den Platz. Sah komisch aus noch im Anzug und Krawatte, aber es hat funktioniert. Der FV Lauda hielt über die Relegation die Klasse. Seine Frau hat ihm außerdem verziehen. Hätte nicht besser laufen können. Sie haben inzwischen zwei Kinder. Einen Jungen und ein Mädchen.

Der Vater ist gerade dabei, in Dreieich-Götzenhain seine neue Praxis zu eröffnen. Er hat inzwischen sogar den Trainer-A-Schein an der Sportschule Hennef absolviert, ist Mannschaftsarzt des Regionalliga-Absteigers SC Hessen Dreieich und coacht deren U11, in der auch recht talentierter Sohn Colin spielt. Mit der U9 der JFV Dreieichenhain-Götzenhain und der U10 von Hessen Dreieich ist der 43-Jährige jeweils Meister geworden. Er hätte Lust und Ambitionen, mal eine Mannschaft in der U17- oder U19-Bundesliga zu trainieren. Er selbst spielt noch in der dritten Mannschaft der SG Rosenhöhe in Offenbach und trifft fast in jedem Spiel. Viel unterwegs, dieser Doktor in Stollenschuhen. „Der Fußball“, sagt er, „hat mir auch für meinen Beruf viel gebracht. Im Fußball lernst du alle Typen kennen, aufgeweckte Burschen und weniger kluge Jungs, Spieler mit ganz unterschiedlichen Mentalitäten aus viele Nationen, Das findest du so ausgeprägt in keiner anderen Sportart. Und das hilft im Umgang mit den Patienten.“

Unter der neuen, auch mit einer auf minus 140 Grad runterkühlbaren Cyrosauna zur schnelleren Regeneration ausgerüsteten Praxis hat er gemeinsam mit einem Sportwissenschaftler einen Trainingscenter mit einem sogenannten Speedcourt eingerichtet. Zudem gibt es eine Laufdiagnostik und einen Speedtrack auf Kunstrasen zur Messung der Antrittsschnelligkeit. Die Spieler von Hessen Dreieich werden dort getunt, andere Vereine sollen folgen, auch verletzte Akteure können sich so wieder in Form bringen und ihre Fortschritte exakt computerbasiert verfolgen, zumal sich auch eine physiotherapeutische Praxis im Haus befindet. Vor allem der Speedcourt – im Rhein-Main-Gebiet noch einmalig – bietet interessante Möglichkeiten, die Klubs wie die Bayern, Werder, Schalke, Leverkusen, Leipzig, Hoffenheim und Hertha längst nutzen. Auf neun mit sensiblen Kontaktpunkten versehenen Feldern, in drei Reihen über 25 Quadratmeter verteilt, bekommen die Athleten wahlweise leichte bis hochkomplexe Bewegungsaufgaben gestellt, die der Verbesserung der Handlungsschnelligkeit, Wahrnehmung, Antizipation, Kraft und Koordination dienen. Auch Sportler andere Spielsportarten. Boxer und Leichtathleten finden so optimale Bedingungen.

Schneider kennt seinen bevorzugten Sport Fußball aus allen Facetten, als Spieler, Trainer und Arzt, und erklärt: „Physisch ist der Fußball weitgehend ausgereizt. Jetzt geht es darum, im Kopf schneller zu werden und dieses Tempo auch in die Beine zu bekommen. Ein Signal, das oben reinkommt, musst du möglichst schnell nach unten kriegen. Da liegt nicht nur im Fußball das größte Potenzial.“ Gerade in Mannschaftssportarten, in der Athleten ständig dreidimensional Flugkurven und Verhaltensmuster von Mit- und Gegenspielern erfassen müssen, gibt es Entwicklungsmöglichkeiten. Und außerdem die Chance, Talente objektiv aufgrund wissenschaftlicher Daten vergleichen zu können, ohne dabei subjektive Einschätzungen zu vernachlässigen.

Allein im Rhein-Main-Gebiet rangeln im Umkreis von 50 Kilometern sechs Nachwuchsleistungszenten – Eintracht Frankfurt, der FSV, die Kickers, Darmstadt 98, der SV Wehen-Wiesbaden und Mainz 05 – um die größten Talente. Je mehr Daten sie zur Verfügung haben, desto präziser lassen sich Vorhersagen über die Leistungsentwicklung anstellen. Die TSG Hoffenheim gilt als Vorreiter. Sie hat in ihrem Interactive Data Space 200 Millionen Datenpunkte von Aberhunderten Spielern aller Altersklassen archiviert.

Sebastian Schneider weiß, wovon er spricht, wenn er zunehmend mehr Kinder und Jugendliche als „motorisch eingeschränkt“ erkennt. Diese „reduzierte Bewegungskoordination“ erklärt sich vor allem durch die mangelnde Bereitschaft und fehlende Möglichkeiten, auf den eigenen zwei Füßen unterwegs zu sein. „Ich selbst habe in der Jugend bestimmt 20 Sportarten ausprobiert. Das fehlt heute.“ Zudem hat der Orthopäde festgestellt, dass „zu früh zu einseitig trainiert wird“. Auch Klubs wie RB Leipzig hätten das erkannt und würden ihre Fußballtalente deshalb regelmäßig zum Turnen bitten, die Frankfurter Eintracht plane einmal wöchentlichen Judo-Unterricht.

Die Überlastungsverletzungen bei Jugendlichen, die es früher in dieser ausgeprägten Form gar nicht gegeben hat, nehmen zu, weiß Dr. Schneider: „Wir Ärzte arbeiten nur hinterher.“ Er selber habe keine Lust mehr, „jeden Tag nur Tabletten zu verschreiben“, formuliert er bewusst zugespitzt. Auch deshalb ist er das neue Projekt angegangen. Er wird auch seine neue U11 von Hessen Dreieich auf den Speedcourt und den Speedtrack bitten, die Jungs werden im spielerischen Wettbewerb Spaß haben, „es ist ein bisschen wie Playstationspielen im echten Leben“. Und er hofft, dass seine Talente nicht allzu schnell von den noch größeren Klubs abgeworben werden. „Es ist besser, wenn man in diesem Alter in seinem Umfeld Familie, Schule, Freunde bleibt.“

Von Jan Christian Müller

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