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Tanzt Tite zum Titel?

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Von: Patrick Reichelt

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Zum Jubeln in die Mitte genommen: Tite.
Zum Jubeln in die Mitte genommen: Tite. © Imago

Der Trainer der Brasilianer blendet allerhand Störgeräusche aus und macht aus reichlich Individualisten eine Einheit.

Als Richarlison den Ball gerade ins koreanische Tor gezaubert hatte, da wusste Brasiliens neuer Stürmerliebling, wohin sein Weg zu führen hatte. Raus zum Trainer, raus zu Tite. Das Bild des 61-Jährigen beim Tänzchen mit seinen Profis – es wird eines der zentralen Bilder in den Rückschauen dieser WM werden. Weil man eben auch weiß, dass dieser Mann, der eigentlich Adenor Leonardo Bachi heißt, die Wurzel des neuen brasilianischen Erfolges ist. Bis ins Viertelfinale ist die Selecao mit ihm nun schon getanzt. Und natürlich soll auch das Duell mit Kroatien am Freitag (16 Uhr/Magenta-TV) nur eine Zwischenstation sein.

Anders als 2018 in Russland, wo man an Belgien hängen geblieben war. Was in Brasilien natürlich Zweifel schürte. Ob ausgerechnet dieser Mann, der seine Meriten anders als so viele hoch dekorierte Landsleute ausschließlich in der Heimat gesammelt hatte, das sportliche Glück zurückbringen könnte. Doch Tite juckte das, wie so viele Störgeräusche in seiner Amtszeit, herzlich wenig.

Neymar klug eingebunden

Er hat seine Schlüsse gezogen. Und das war vor allem der, dass er die gut vier Jahre bis Katar dazu nutzen musste, um die Gruppe, die hinter Superstar Neymar durch das Turnier in Russland getrabt war, zu einer Mannschaft zu formen. In dieser Hinsicht ist dem Coach schon jetzt eine Meisterleistung gelungen. Denn so wie das Land durch die Politik zerrissen ist, zwischen Jair Bolsonaro und Lula da Silva, war auch die Selecao gefangen im Spannungsfeld zwischen Links und Rechts. Auch wenn sich nicht jeder so klar positionierte wie Neymar, der sogar Torjubel für den von ihm favorisierten Bolsonaro plante.

Doch Tite hat auch seinen Star eingefangen. Dass Brasilien nun kollektiv jubelt, so wie bei den Tänzchen gegen Südkorea – es ist kein Zufall. Alles, was die Südamerikaner in Katar tut, ist demonstrative Gemeinschaftsarbeit.

Wobei der Coach natürlich weiß, was er an seinem Star hat. Dass Neymar wohl mitentscheidend sein dürfte, ob es für Brasilien tatsächlich zum sechsten Titel reichen wird. „Jeder meiner Spieler hat herausragende Fähigkeiten“, sagte Tite am Donnerstag, „aber er ist das Zentrum, der Spieler, der die anderen noch besser macht.“

Der aber eben trotzdem, und das tut dem Offensivmann von Paris Saint-Germain merklich gut, nur ein Baustein eines Konzeptes ist, das Tite vehement gegen alle Widerstände verteidigte. „Er hat 84 Spieler getestet und jetzt seine Formation gefunden. Das ist wichtig“, sagte der frühere Bayernspieler Paulo Sergio. Dazu gehört auch Oldie Dani Alves, den Tite aus dem Training der zweiten Mannschaft des FC Barcelona in den WM-Kader beorderte. In brasilianischen Medien reagierte man mit Fassungslosigkeit. Inzwischen weiß man: Alves ist der Mann für die Kabine, der Chef abseits des Platzes – eine Art Zweit-Tite. Zudem: Eine stabile Abwehr, in der Vergangenheit ja selten die Stärke, bildet das Fundament.

Mit diesen Eckpfeilern will man die gespaltene Heimat hinter sich vereinen. Der Pokal könnte da gewiss helfen. Drei Schritte hat man dafür noch vor sich.

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