chong_190820
+
Bei Manchester United nur zweite Wahl, in Bremen will er durchstarten: Tahith Chong.

Werder Bremen

Tahith Chong: Fußballsüchtiger Freigeist

  • vonCarsten Sander
    schließen

Vom Paradies Curacao nach Bremen – die fast schon unglaubliche Geschichte von Werder-Neuzugang Tahith Chong.

Das Paradies ist nicht groß. Nur 444 Quadratkilometer, um genau zu sein. Etwas mehr als 160 000 Menschen leben auf dieser Insel, die für Tahith Chong, den neuen Leihspieler des SV Werder, acht Jahre lang die Welt war. Auf Curacao, einem Fleckchen Erde in der Karibischen See, nur rund 60 Kilometer nördlich von Venezuela gelegen, begann sein Lebensweg. Auf der Homepage seines Klubs Manchester United, berichtet Tahith Chong davon, wie aus ihm, dem Jungen aus dem Paradies, ein Profifußballer geworden ist. Und alles begann mit dem WM-Finale 2006.

Tahith Chong war damals noch keine sieben Jahre alt, und er mochte es, im Meer zu tauchen. In diesem unglaublichen Meer, „wo man noch seine Zehen sehen kann, wenn man hineingeht“, sagt er. Aber mit Fußball hatte er, obwohl der Vater selbst Kicker war, nichts zu tun. „Es ist nichts für mich“, habe er seinem Vater immer wieder gesagt, wenn der ihn mitnehmen wollte zu einem Spiel. Doch dann kam die WM, über die alle sprachen, das Finale zwischen Frankreich und Italien im Berliner Olympiastadion. „Ich dachte, alle reden drüber, also werde ich es mir ansehen“, erinnert sich Chong. Erst hat er mit Verlierer Frankreich geweint, dann ist er selbst zum Training gegangen. Allerdings erst, nachdem er lange genug bei Mama und Papa genörgelt hatte. Die Eltern wollten ihrem Sohn die plötzliche Liebe zum Fußball zunächst nicht abnehmen. Chong: „Meine Mutter sagte schließlich, dass es an der Zeit sei, mich gehen zu lassen. Nur zum Spaß.“

Nur zum Spaß? Bei Excellence, einem Klub nahe der Hauptstadt Willemstad und deshalb gleich bei den Chongs um die Ecke, wusste der Trainer sofort, dass Spaß für diesen Jungen nicht alles sein musste am Fußball. Da schlummerte mehr. Auszug aus Chongs Bericht über sich selbst: „Der Trainer fragte meinen Vater: ,Wie lange spielt er schon Fußball?‘ Mein Vater sagte: ,Es ist seine erste Einheit.‘ Der Trainer dachte, er scherze. Dann habe ich richtig angefangen, Fußball zu spielen. Ich war süchtig.“

Und talentiert noch dazu. Sehr talentiert. Der Vater, selbst ein Flügelspieler, half und unterstützte, wo er konnte. Tahith schaute, lernte, wurde immer besser. „Innerhalb weniger Jahre war mein Leben purer Fußball geworden.“

Bis hierhin mag das Ganze noch eine Story sein, die zu vielen Sechs- bis Achtjährigen passt – auch zu denen, die nicht auf einer Insel mit weißen Stränden und konstant warmen Temperaturen geboren sind. Tahith Chong verließ Curacao mit nur neun Jahren. Ein Cousin des Vaters nutzte Kontakte in die Niederlande, der ehemaligen Kolonialmacht Curacaos, um Tahith bei Feyenoord Rotterdam anzubieten. Der Klub griff zu, und Tahith wechselte die Welt. Seine ganze Familie folgte ihm. „Meine Eltern ließen alles zurück – ihre Arbeit, einfach alles, um in Holland zu leben. Für den Fußball.“

Dass Tahith Chong, damals noch ein Dreikäsehoch, nichts wusste über das Land, in das er nun zog, ist klar. „Ich war nur aufgeregt. Curacao ist nur eine kleine Insel, Holland aber ein großes Land. Und habe ich schon erwähnt, dass ich auch nicht an die Kälte gewöhnt war?“

Die Familie lebte in Den Haag, Tahith kam auf ein Sportinternat, fuhr täglich mit der Bahn nach Rotterdam. „Ich war es gewohnt, freier zu sein und nur auf Curacao rumzulaufen. Bei Feyenoord war das anders.“ Als Mensch hat sich der junge Tahith angepasst, als Fußballer auch – aber nur bis zum einem gewissen Grad, sagt er: „Ich fühle mich immer noch wie ein Freigeist in meinem Spiel. Aber ich versuche immer, mich innerhalb des Systems richtig zu verhalten.“

So hat er es von Feyenoord zu Manchester United geschafft. Wechsel mit 16 Jahren, schon wieder eine neue Welt. Immer dabei: der Vater. Tahith Chong ist mittlerweile 20 Jahre alt, und er hat Werder Bremen ausgewählt, um seine Karriere in der kommenden Saison richtig in Schwung zu bringen. Aber Curacao, das Fleckchen Erde in der Karibik, wo alle ihn kennen und seine Karriere verfolgen, bleibt der eigentliche Sehnsuchtsort des niederländischen U-Nationalspielers: „Ich gehe jeden Sommer dorthin zurück, sehe jedes Jahr die gleichen Leute. Es ist immer noch so wie früher. Kleinigkeiten ändern sich, aber es ist immer noch mein Paradies.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare