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Tagebuch zur WM 2022: Die natürlichen Grenzen des WM-Reporters

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Von: Jan Christian Müller

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Jan Christian Müller, Sportreporter bei der Frankfurter Rundschau, berichtet live von der WM 2022 in Katar.
Jan Christian Müller, Sportreporter bei der Frankfurter Rundschau, berichtet live von der WM 2022 in Katar. © afp/dpa/Imago/N. Bruckmann/M. Litzka (Montage)

Jan Christian Müller berichtet live von der WM 2022. In seinem Tagebuch schreibt er über die Ereignisse vor Ort.

Vorwort: Dieses Tagebuch wurde schon vor dem deutschen WM-Aus gegen Costa Rica geschrieben. Es beschreibt den Tag davor. Es wird nicht das letzte Tagebuch sein, da ich vermutlich so schnell hier nicht wegkomme, allein schon, weil ich arbeiten muss. Der Flug, der ursprünglich auf den 20. Dezember gebucht ist, wird natürlich vorgezogen. Muss ich alles noch organisieren, aber jetzt ist erst einmal Schreiben angesagt.

Wir haben vorhin in der Mixed Zone in viele leere Gesichter geschaut. Vor allem Joshua Kimmich war fix und fertig. Den Tränen nah. Mehr auf fr.de online, im Newsletter oder ganz einfach in der Zeitung.

Bis morgen – und nun geht’s richtig los mit dem Tagebuch. Viel Spaß beim Lesen.  

WM-Tagebuch: Ganz ohne familiäre Unterstützung

Die tägliche Nahrungszufuhr ist - ebenso wie das Befüllen und Bedienen der Waschmaschine, des Trockners und der Spülmaschine - ein bedeutendes Thema für Sportreporter, die sich ohne weitere familiäre Unterstützung fern der Heimat aufhalten. Es gibt bedauerlicherweise in Abwesenheit unserer langjährigen hochgeschätzten Kollegen Marko Schumacher (der inzwischen das florierende Cafe Gottlieb in Stuttgart eröffnet hat) und Achim Muth (der jetzt stellvertretender Chefredakteur bei der Mainpost in Würzburg ist) weit und breit niemanden hier, der sich für ein reichhaltiges Abendessen zuständig fühlt. Überhaupt fehlen Marko und Achim mit ihrem Blick fürs große Ganze an allen Ecken und Enden.

Ergo müssen wir a) mühsam Erlernen, wie die Waschmaschine funktioniert und welche Gradzahl bei Buntwäsche angeraten ist, b) feststellen, dass es bei unserem Wäschetrockner dringend geboten ist, das Fenster im Wäscheraum zu öffnen, wenn man nicht nach einer Stunde in einer Sauna landen will und die Klamotten feuchter erscheinen als noch vor Beginn des vermeintlichen Trockenbetriebs, c) notwendige Reparaturarbeiten an der Spülmaschine vornehmen, da Teile des Räderwerks im unteren Bereichs abgebrochen sind. 

Ottoman Palace.
Ottoman Palace. © Jan Christian Müller

Zudem empfiehlt es sich, die Schälchen mit dem Müsli zunächst mit klarem Wasser abzuspülen und nicht ungeniert halb verklebt mit Joghurt, Cornflakes und Apfelresten in der Spüle zu verstauen. Andernfalls läuft man Gefahr, im Küchenbereich von einer Vielzahl von Kleinstfliegen begrüßt zu werden. Auch angeschnittene Äpfel gehören grundsätzlich in Katar in den Kühlschrank. Ebenso empfehlenswert: Das konsequente Verschließen der Eingangstür, um ungebetene Besuche von wilden Katzen unterm Bett im zweiten Stock zu vermeiden, die sich unter der Klimaanlage offenbar wohler fühlen als bei 30 Grad an frischer Luft.

WM-Tagebuch: Die App ersetzt die Gemeinschaftskasse

Zurück zur Nahrungsaufnahme: Die findet bei uns in Al Khor regelmäßig direkt an der in beide Fahrtrichtungen sechs- bis achtspurigen Durchgangsstraße statt. Ein lauschiges Plätzchen. Dort befindet sich die gemütliche türkische Schänke Ottoman Palace mit einem kleinen Außenbereich und einem großformatigen Fernseher. Serviert werden Fleischberge in bedeutenden Höhen, garniert von einigen wenigen Pommes und noch weniger nahezu rohem Gemüse, sowie einer breiten Palette an Softdrinks aus eigener Herstellung. Der faire Preis eines derartigen Festmahls beträgt umgerechnet rund 20 Euro.

Eine Gemeinschaftskasse wird in unserer vierköpfigen Kleingruppe durch eine überaus kluge App ersetzt, die von dem hochgeschätzten Kollegen Sebastian auf dessen Handtelefon verlässlich bedient wird und nach profaner Eingabe der Beträge auf wundersame Weise ausrechnet, wer welche Rechnung bezahlt hat und wie Haben und Soll untereinander aufzuteilen ist. Gerade habe ich die aktuellen Werte eingeholt: Momentan geht es mir gut, ich stehe mit 88 katarische Riyal im Plus. Marco befindet sich 134 Riyal im Minus, Kai, lange Schlusslicht, ist nach dem gestrigen Abendessen 158 Riyal vorne, Sebastian 58 Riyal hintendran. Keine Ahnung, ob das hinterher alles zusammenpasst. Ich vertraue einfach der wundersamen Technik. (Jan Christian Müller)        

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