1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Tagebuch zur WM 2022: Texte für den Müll

Erstellt:

Von: Jan Christian Müller

Kommentare

Jan Christian Müller, Sportreporter bei der Frankfurter Rundschau, berichtet live von der WM 2022 in Katar.
Jan Christian Müller, Sportreporter bei der Frankfurter Rundschau, berichtet live von der WM 2022 in Katar. © afp/dpa/Imago/N. Bruckmann/M. Litzka (Montage)

Jan Christian Müller berichtet live von der WM 2022. In seinem Tagebuch schreibt er über die Ereignisse vor Ort.

Doha – Wohin die Reise für das deutsche Nationalteam bei der WM 2022 nun gehen wird, ist derzeit noch unbekannt. Es sieht aber ja plötzlich und unerwartet wieder viel, viel besser aus. Der letzte Spieltag entscheidet. Schon am Sonntag hätte es zu Ende sein können, wenn nicht am Morgen Costa Rica gegen Japan gewonnen und am Abend Niclas Füllkrug gegen Spanien spät getroffen hätte.

Für uns Reporter bedeutete das zuvor noch mögliche Aus viel Arbeit für den Papierkorb: Wir saßen schon am Samstag da und schrieben Kommentare für den Fall des Ausscheidens, die aber natürlich noch nicht veröffentlicht wurden. Aber man muss ja vorbereitet sein, das erwarten die Heimatredaktionen. Die Texte für den Müll lesen sich natürlich nicht besonders freundlich, man sollte sie Hansi Flick und Oliver Bierhoff besser nicht zum Gegenlesen vorlegen. Ich nenne hier lieber keine Details der Inhalte. Die Kommentare werden nun, da noch die Chance aufs Weiterkommen besteht, erst einmal in die Warteschleife gestellt und überarbeitet. Denn nach wie vor könnte ja nach der Vorrunde alles vorbei sein. Glaube ich aber nicht. Habe ich in Russland freilich auch nicht geglaubt. Und dann war gegen Südkorea ganz schnell Schluss.

Der Rückflug war eingeplant

Nach der Niederlage gegen Japan hatten wir in unserer Wohngemeinschaft schon laut darüber nachgedacht, auf welchen Tag wir unsere Rückflüge umbuchen, die eigentlich erst für den Tag nach dem Finale geplant sind. Das Untergangsszenario schien realistisch. Nach dem Sieg von Costa Rica dann die plötzliche Wende (und ich verrate an dieser Stelle nicht, wer freudig erregt durch unser Wohnzimmer getanzt ist): Wir haben geschaut, in welchen Stadien und gegen welche möglichen Gegner es in den nächsten Runden weitergehen könnte. Sieht gerade so aus, als könnten das im Achtelfinale Kroatien, Marokko oder Belgien sein. Vorausgesetzt natürlich, die Unsrigen reißen sich am Riemen.

Das noch leere Stadion.
Das noch leere Stadion. © Jan Christian Müller

Zum Spiel gegen Spanien am Sonntagabend sind wir in einer knappen halben Stunde zu Fuß über diverse nahezu menschenleer Straßen, Geröllfelder und Stadionparkplätze zum Al Bayt Stadium gelaufen. Alle anderen Kollegen mussten mit Shuttlebussen, Taxis, Uber oder Mietwagen anreisen. So nah am Al Bayt Stadium wie wir wohnt nämlich sonst niemand. Das kompensiert ein wenig die Ödnis um uns herum. Sind ja auch nicht zum Spaß hier, sondern, um zu arbeiten. Und dafür haben wir optimale Bedingungen.

Der Stadionsprecher: Fremdschämen für Fortgeschrittene

Wir waren dann so früh in der beeindruckenden Arena, dass wir eine halbe Ewigkeit lang den viel zu lauten und viel zu aufgeregten deutschen Stadionsprecher ertragen mussten. Der Mann soll ja gerne sein Geld verdienen, aber er wäre auch sehr gut verständlich, wenn er halb so laut schreien würde – und wenn er nicht jeden deutschen Spieler so exaltiert vorstellen würde, als wäre der ein Übermensch, der ein paar Tage Japan acht null vom Platz gefegt hätte. Hallo? Die haben 1:2 gegen Nippon verloren. Und vom glorreichen 1:1 gegen die Spanier konnte da ja da noch niemand etwas wissen. Aber vielleicht werde ich so langsam auch zu alt für derartig überdreht vorgetragene Gefühlswallungen. Zum schlechten Ende hin bölkte er 20 Minuten vorm Anpfiff „Deutsche, Deutsche, Deutsche“ in sein Mikrofon. Klarer Fall von Fremdschämen für Fortgeschrittene. (Jan Christian Müller)       

Auch interessant

Kommentare