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Tagebuch zur WM 2022: Elefanten in meinem Bett

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Von: Jan Christian Müller

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Jan Christian Müller, Sportreporter bei der Frankfurter Rundschau, berichtet live von der WM 2022 in Katar.
Jan Christian Müller, Sportreporter bei der Frankfurter Rundschau, berichtet live von der WM 2022 in Katar. © afp/dpa/Imago/N. Bruckmann/M. Litzka (Montage)

Jan Christian Müller berichtet live von der WM 2022. In seinem Tagebuch schreibt er über die Ereignisse vor Ort.

Doha – Inzwischen sind wir nur noch zu zweit in unserem kleinen Haus hier in Al Khor. Kai ist gestern Nacht nach Hamburg geflogen, Sebastian nach Frankfurt und von dort weiter mit der Bahn nach Essen. Marco und ich bleiben bis Dienstag, mein Qatar Airways-Flug ließ sich online kostenlos umbuchen, weg vom 20. Dezember auf den 6.12.2022. Ich war zu optimistisch in diesem WM-Jahr, was die deutsche Mannschaft angeht.  

Kurz vor dem Abschied haben unsere Servicekräfte aus Uganda unsere Betten für die letzten Nächte ganz besonders drapiert. Ihr könnt es auf dem Foto sehen. Wir sind sehr dankbar für deren Arbeit gewesen. Mir ist hier wieder besonders bewusst geworden, wie jeder Mensch in seinem kleinen Leben versucht, sein Glück zu finden. Und welche Umwege viele dafür gehen müssen. Jeden Morgen habe ich hier im Hof die Schrankenwärter begrüßt und den kleinen Mann aus Bangladesch, der den ganzen Tag mit einem Besen und einer Kehrschaufel durch die Hitze läuft und jedes Staubkorn auffegt. Er spricht kein Englisch, ich wüsste gern, wie es ihm und seiner Familie geht. Ich hätte gern mehr als Lächeln für ihn übrig gehabt. Er sieht sehr einsam aus.  

Housekeeping in Doha.
Housekeeping in Doha. © Privat

In diesen Tagen haben sich aus Südafrika Themba und Zodwa bei mir über den Messenger von Facebook gemeldet. Sie haben sich vor zwölf Jahren bei der Weltmeisterschaft in Südafrika auf der Farm um uns gekümmert, in der wir damals übernachtet haben. Sie kommen beide aus Simbabwe und waren seinerzeit nach Südafrika übergesiedelt, um dort ein bisschen mehr Geld zu verdienen als in ihrer Heimat. Der Kontakt ist nie abgebrochen.

Ich denke besonders an Zodwa öfter zurück. An einem Samstag, an dem ich in jenem südafrikanischen WM-Winter 2010 etwas Zeit hatte, habe ich mich mit ihr auf der Terrasse unserer Lodge länger unterhalten und daraus dann spontan für einen Text gemacht. Hinterher hat sie mir gesagt, dass noch niemals jemand von ihr habe wissen wollen, wie es ihr geht und was sie tut. Unsere Onlineredaktion hat euch den zwölf Jahre alten Artikel mit der Überschrift „Zodwas Traum“ hier noch einmal verlinkt.

Ich habe jetzt hier in Katar meine siebte Weltmeisterschaft als Reporter vor Ort erlebt. Der Artikel über „Zodwas Traum“ ist in all der Zeit der einzige gewesen, der diejenigen, die ihn gelesen haben, wirklich berührt hat. Mit Fußballberichten habe ich das nie geschafft. Wir haben damals sehr viele Schreiben von Leserinnen und Lesern bekommen, die für Zodwa Geld spenden wollten. Das haben wir aufgegriffen und zehn Jahre lang unsere damaligen Bedienungen Zodwa und Themba, unseren Gatekeeper Earnest und unseren Busfahrer Henry regelmäßig einmal im Sommer und einmal zu Weihnachten mit ein bisschen Geld unterstützt. Sogar die Deutsche Fußball-Liga hat aus ihrer Stiftung 2000 Euro dazugegeben.

So tief sind die Kontakte hier in Katar nicht gediehen. Vielleicht, weil die deutsche Mannschaft zu schnell ausgeschieden ist, vielleicht auch, weil wir hier den Eindruck hatten, es geht den Arbeitsmigrant:innen, die bei uns im Housekeeping gearbeitet haben, besser als damals Zodwa, Themba, Earnest und Henry, die allesamt in kärglichen Townships in der Nähe der Hauptstadt Pretoria oder in Johannesburg wohnten.

Morgen melde ich mich noch einmal mit dem letzten Tagebuch hier aus Al Khor, Katar. Ich glaube, ich werde diesen Ort nie mehr wiedersehen. (Jan Christian Müller)

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