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Tagebuch zur WM 2022: Abschied aus Katar

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Von: Jan Christian Müller

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Jan Christian Müller, Sportreporter bei der Frankfurter Rundschau, berichtet live von der WM 2022 in Katar.
Jan Christian Müller, Sportreporter bei der Frankfurter Rundschau, berichtet live von der WM 2022 in Katar. © afp/dpa/Imago/N. Bruckmann/M. Litzka (Montage)

Jan Christian Müller berichtet live von der WM 2022. In seinem Tagebuch schreibt er über die Ereignisse vor Ort.

Doha – Tatsächlich ist dies nun mein letztes Tagebuch hier aus der Winter-Wüste. Am Dienstag, 14 Uhr, geht es zurück nach Frankfurt. Soll kalt dort sein, habe ich gehört. Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, sitze ich bei 26 Grad um kurz vor zehn Uhr abends auf der Pressetribüne vor dem Spiel England gegen Senegal. Am Tag zuvor Argentinien gegen Australien. Noch einmal live Lionel Messi sehen. Dafür fliegen viele Menschen um die halbe Welt und kaufen sich teure Tickets. Deshalb bin ich dankbar, dass ich das hier in Katar noch einmal erleben durfte.

Es ist mir ein bisschen schwergefallen hier in Katar, die Dinge richtig einzuordnen. Wahrscheinlich, weil es gar nicht immer ein Richtig und ein Falsch gibt. Weil die Welt dafür zu kompliziert ist. Was ich sagen kann aus der Erfahrung der vergangenen zweieinhalb Wochen: Nicht ein einziges Mal hat einer der Männer in den weißen Gewändern, denen man hier ständig begegnet, einen Blick erwidert. Sie haben durch uns durchgeguckt. Oder vorbei. Oder drüber weg.

Aber es ist auch nur eine persönliche Wahrnehmung. Ich maße mir nicht an, deshalb Katar auch nur im Ansatz zu verstehen. Es geht mir nicht um eine Verurteilung des Verhaltens, sondern eher um ein Gefühl, das ja vielleicht auch trügt. Als seien die, die aussehen wie Scheichs, in einer anderen Welt unterwegs, in der sie die anderen gar nicht wahrnehmen.

WM 2022 in Katar: Viele schöne Begegnungen

Es gab auch viele schöne persönliche Begegnungen. Meist nur kleine. Ich habe euch davon bisweilen berichtet. Das war in Südafrika 2010, Brasilien 2014 und Russland 2018 nicht anders. Die meisten Menschen waren dort sehr nett zu uns. Aber es wäre naiv zu glauben, Südafrika, Brasilien, Russland oder Katar seien gute Länder, nur weil man dort viele gute Menschen kennengelernt hat. Die sozialen Gräben in den meisten Ländern der Welt sind viel, viel tiefer als in Deutschland. Auch in den USA und Mexiko, wo die nächste Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet.

JCM nimmt Abschied
JCM nimmt Abschied © Privat

Wie das Leben hier in Katar wirklich ist, kann kein Mensch in diesen paar Wochen einer Hochglanzveranstaltung seriös beurteilen. Wenn ich mir alleine bang vorstelle, was mit dem großartigen Al Bayt Stadion geschieht, das wie ein riesiges Beduinenzelt aussieht und ein paar hundert Meter entfernt von unserem Apartment in die Wüste gerammt wurde – es dürfte langsam verrotten. Es gibt keine Verwendung für eine Arena mit fast 70.000 Plätzen hier. Die Angestellten haben uns schon berichtet, dass unsere Wohnanlage mit 42 Villen, die nicht mal zu einem Zehntel bewohnt waren, nach der WM geschlossen wird. Weil auf absehbare Zeit niemand hier unterkommen will. 

Zum Schluss möchte ich mich noch bedanken: bei Melanie Gottschalk, die das Tagebuch online mit vorbereitet hat, und bei Frühaufsteher Stefan Krieger, der das Tagebuch seit 2008 oft mitten in der Nacht online stellt.

Und natürlich vor allem bei euch, liebe Leserinnen und Leser des WM-Tagebuchs 2022. Danke für die Treue. Und für manch aufmunternde Nachricht. (Jan Christian Müller)

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