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Tagebuch zur WM 2022: Die Männer-WG

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Von: Jan Christian Müller

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Jan Christian Müller, Sportreporter bei der Frankfurter Rundschau, berichtet live von der WM 2022 in Katar.
Jan Christian Müller, Sportreporter bei der Frankfurter Rundschau, berichtet live von der WM 2022 in Katar. © afp/dpa/Imago/N. Bruckmann/M. Litzka (Montage)

Jan Christian Müller berichtet live von der WM 2022. In seinem Tagebuch schreibt er über die Ereignisse vor Ort.

Doha – Diesen Text musste ich leider erst autorisieren lassen, bevor er als Tagebuch erscheinen durfte. Meine drei Mitbewohner Sebastian Weßling von der WAZ, Kai Schiller vom Hamburger Abendblatt und Marco Seliger von der Stuttgarter Zeitung (auf dem Bild weiter unten von links) kennen da kein Pardon. Sie benehmen sich wie Fußballstars, die ihre Interviews vor der Veröffentlichung stets erst gegenlesen wollen und dann anfangen, drin rumzustreichen (diesen Satz sollte ich streichen, habe mich aber geweigert).

Wir kennen uns schon viele Jahre lang und bilden hier eine Wohngemeinschaft in Al Khor, rund 45 Kilometer von der Hauptstadt Doha entfernt, aber nur zwei Kilometer Fußweg vom Al Bayt-Stadion, wo das DFB-Team jetzt zweimal nacheinander gegen Spanien und Costa Rica spielt. Da die Spiele beide erst 22 Uhr Ortszeit angepfiffen werden, sind wir dann zumindest nach Pressekonferenz und Spielerinterviews so um halb zwei für eine Mütze Schlaf wieder in unserer Bude.

Männer-WG bei der WM: Die Putzfrauen wundern sich

Die besteht aus einem geräumigen Wohnzimmer mit Durchreiche zur Küche und vier Zimmern mit eigenen Bädern im ersten und zweiten Stock. Die gesamte Anlage hier umfasst 40 solcher Villen, von denen höchstens zehn besetzt sind. Wir haben bis zum Viertelfinale gebucht und könnten bestimmt verlängern, falls Flick und seine Männer weiterkommen. Kleiner Witz am Rande.  

Alle drei Tage schauen zwei sehr nette Putzfrauen vorbei und wundern sich, wie aufgeräumt hier alles ist. Also, bis auf das Geschirr, das wir noch nicht in die Spülmaschine gestellt haben. Wir haben darauf bestanden, dass sie es nicht abwaschen. Erfolglos. Auch unsere Klamotten legen sie zusammen und wechseln sogar saubere Handtücher aus.

Ansonsten gestaltet sich unser Zusammenleben hier so: Kai ist morgens meist schon wach, wenn ich runterkomme, er steuert außerdem in der Regel souverän unseren Mietwagen. Sebastian sitzt auf dem Beifahrersitz und gibt über Google Maps die Richtung vor. Keine Ahnung, wie das früher ohne Internet in einer Stadt wie Doha möglich war, den Weg zu finden. Marco geht selbst kurz vor Mitternacht noch einkaufen und bringt unter anderem das dringend für den nächsten Morgen benötigte Müsli mit.

Männer-WG bei der WM: 100 Liegestütze täglich

Wenn wir nicht im Medienzentrum des DFB 70 Kilometer nördlich von hier hocken oder im zentralen Pressezentrum in Doha oder in einem der Stadien, sitzen wir meist hier am Esstisch vor unseren Laptops, Kai manchmal auch auf dem Sofa oder auf einer Liege am Pool. Wir anderen können so nicht arbeiten. Kai kann es. Respekt. Wir helfen einander, so gut es geht, lesen uns zum Beispiel gegenseitig die neuesten Nachrichten vor.    

Manchmal gehen wir in das kleine Fitnesszentrum, das zur Anlage gehört. Sebastian und Marco schaffen 40 Minuten auf dem Laufband bei etwa doppeltem Tempo wie ich. Dafür lauf ich nur halb so lang. Gleicht sich also wieder aus. Kai macht jeden Tag 100 Liegestütze. 

Die Männer-WG in Doha
Die Männer-WG in Doha © Privat

Kai, Sebastian und Marco sind viel jünger als ich. Sebastian und Marco sind gerade erst jeweils Väter von Zwillingen geworden, die sie natürlich sehr vermissen. Kai hat einen kleinen Sohn, der schon zur Schule geht, den er lieber heute als morgen wiedersehen würde. Und ich vermisse meine beiden Kids Fabi und Emi natürlich auch, auch wenn sie schon erwachsen sind und gar nicht mehr bei uns zu Hause wohnen.  

Keine Ahnung, wie lange wir noch bei dieser WM 2022 bleiben. Kommt einem jetzt schon vor wie mehrere Wochen, ob gerade erst eine vorbei ist. Alkohol gibt es hier nirgends. Noch nicht mal ein alkoholfreies Bier. Wir essen meist abends hier im Ort, in dem ansonsten wirklich nicht viel los ist. Oder wir schieben auch mal Pizzen in den Ofen. Die kleben aber gern viel hartnäckiger auf dem Rost fest, als uns lieb ist. Kriegen wir irgendwie nicht richtig hin. Vielleicht sollten wir den Ofen besser vorheizen? (Jan Christian Müller)

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