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Symbol der Souveränität

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Von: Ronny Blaschke

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Mit dem FC Bayern München 2013 Champions-League-Sieger: Anatolij Timoschtschuk.
Mit dem FC Bayern München 2013 Champions-League-Sieger: Anatolij Timoschtschuk. © AFP

Die Ukraine möchte sich für die WM in Katar qualifizieren und damit ein Zeichen gegen Russland setzen – dabei verbindet beide Nationen eine lange und erfolgreiche Fußballgeschichte

Anatolij Tymoschtschuk war ein Botschafter seines Landes. Der Fußballer hatte für die Ukraine 144 Länderspiele bestritten, Rekord. Nach seiner Karriere zog Tymoschtschuk 2016 nach St. Petersburg und wurde Assistenztrainer bei Zenit, dem Lieblingsklub von Wladimir Putin. Auch nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf seine Heimat wollte Tymoschtschuk sich nicht von Russland distanzieren. Und so erteilte ihm der Ukrainische Fußballverband ein lebenslanges Verbot für Tätigkeiten in der Ukraine.

Tymoschtschuk ist nur ein Beispiel für die politischen Ausrufezeichen, die im ukrainischen Fußball gesetzt werden. Die wichtigste Botschaft möchte die ukrainische Nationalmannschaft in dieser Woche verbreiten. In zwei Playoff-Spielen möchte sie sich für die WM 2022 in Katar qualifizieren. Dafür muss sie am Mittwoch (20.45/Dazn) in Schottland gewinnen und am Sonntag gegen Wales. Für die Ukrainer wäre das Erreichen der globalen Bühne ein Zeichen der Zuversicht, auch in Abgrenzung zu Russland. Dabei verbindet beide Nationen eine gemeinsame Fußballgeschichte.

Seit Generationen prägt der Fußball den ukrainischen Patriotismus. Das war schon in der Sowjetunion so, als die Ukraine am Rand des Vielvölkerstaates lag, im Fußball aber das Zentrum bildete. Zwischen 1961 und 1990 gewann Dynamo Kiew 13 Mal die sowjetische Meisterschaft. „Viele Menschen in der Ukraine fühlten sich durch das Zentrum in Moskau dominiert“, sagt die ukrainische Historikerin Kateryna Chernii. „Kiew war eine russifizierte Stadt, doch der Fußball prägte eine lokale Identität.“

In der UdSSR unterdrückte der Kreml Traditionen der Teilrepubliken. In Briefen an Lokalzeitungen schimpften Fans aus Kiew aber mitunter gegen Schiedsrichter aus der Hauptstadt Moskau. Etliche Briefe wurden auf Ukrainisch verfasst, damals ungewöhnlich und unerwünscht, daher durften sie nicht veröffentlicht werden.

In Kiew profitierten Fußball und Politik voneinander. Die Erfolge von Dynamo Kiew fielen auf Vladimir Schcherbizkij zurück. Der Erste Sekretär der Kommunistischen Partei der Ukraine war Fußballfan. Und so konnte Trainer Walerij Lobanowskyj Dynamo mit wissenschaftlichen Methoden ins Spitzenfeld führen. Als legendär gilt der Gewinn des Europäischen Supercups 1975 gegen den FC Bayern. Für die Eliten in Moskau war das kein ukrainischer, sondern ein sowjetischer Triumph. Sie kamen an Lobanowskyj nicht mehr vorbei und beriefen ihn auch zum Trainer des sowjetischen Nationalteams. Dort ließ Lobanowskyj die besten Spieler aus Kiew als Gerüst für die UdSSR spielen. „Nur in Momenten des unzweifelhaften, überzeugenden Erfolges wurde er von Moskau anerkannt und unterstützt“, schreibt der Autor Juri Andruchowytsch im Sammelband „Totalniy Futbol“. „Kaum erlitt er eine Niederlage, fiel Moskau schonungslos und schadenfroh über ihn her.“ Dreimal war Lobanowskyj Trainer der UdSSR, zweimal dauerte sein Engagement nur einige Monate.

Bald lag die Aufmerksamkeit woanders, denn die Weltmacht zerfiel. Im Oktober 1990 gingen Studenten in Kiew in den Hungerstreik, sie machten sich für die Unabhängigkeit stark. Einige Spieler von Dynamo Kiew hissten auf dem Maidan ihre Vereinsfahne neben der blau-gelben Nationalflagge. Sie glaubten, dass die Ukraine als eigenständiger Staat besser dran sein würde, ihre Betriebe, ihr Getreideanbau und vor allem: ihr Fußball.

Anfang der Neunziger Jahre fehlte auch im Fußball Orientierung. Souverän hatte sich die Sowjetunion für die Europameisterschaft 1992 in Schweden qualifiziert, doch dann hörte ihr Staat auf zu existieren. Und so spielte bei der EM als Übergang die Mannschaft der GUS, der „Gemeinschaft Unabhängiger Staaten“. Auch dieses Team wurde von ukrainischen Spielern geprägt, von Oleh Kusnezow, Andrei Kantschelskis oder Sergei Juran. Inzwischen aber spielten sie nicht mehr für Dynamo Kiew, sondern im Westen, für die Glasgow Rangers, Manchester United oder Benfica Lissabon. Der sowjetische Vorzeigetrainer Lobanowskyj hatte sich den Auflösungserscheinungen entzogen und war Trainer in den Vereinigten Arabischen Emiraten geworden.

Russland erhielt die Erlaubnis, an der Qualifikation für die WM 1994 teilzunehmen. Die neue ukrainische Mannschaft durfte erst in der Qualifikation für die EM 1996 einsteigen. „Viele Ukrainer empfanden das als große Ungerechtigkeit“, sagt Kateryna Chernii, die am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam zur Transformation des ukrainischen Fußballs forscht. Der ukrainische Verband hatte so wenig Geld, dass er kaum Flugtickets zahlen konnte.

In der Sowjetunion kamen viele Nationalspieler aus gemischten Ehen, ihre Eltern stammten aus Georgien, Belarus oder Aserbaidschan. Die Fifa stellte ihnen die Wahl für die Nationalteams der Nachfolgestaaten frei. Die Aussicht auf höhere Prämien führte dazu, dass einige sowjetisch-ukrainische Spieler die russische Staatsbürgerschaft annahmen, etwa Sergei Juran, aufgewachsen in Luhansk, im Osten der Ukraine. Etliche Ukrainer bezeichneten ihn als Verräter, der seine Identität aufgegeben habe.

In den Neunzigern teilten sich einflussreiche Männer in der Ukraine die Konkursmasse des Kommunismus auf. Einer von ihnen, Grigoriy Surkis, hatte im Wohnungsbau-Kombinat in Kiew gearbeitet. Nach der Unabhängigkeit investierte er in Erdöl, Banken, Landwirtschaft. Woher sein Geld stammte, ist unklar. Surkis kaufte 1993 seinen Lieblingsklub Dynamo Kiew und übernahm als Präsident den Ukrainischen Fußballverband. In der Politik wollte er auch mitmischen, und so sorgte er dafür, dass 1998 die Spieler von Dynamo der Sozialdemokratischen Partei beitraten.

Grigoriy Surkis und sein ebenfalls schwerreicher Bruder Igor machten aus dem Fußball ein Werkzeug der Oligarchen. Sie waren nicht die Einzigen: Im Osten der Ukraine führte der Rohstoffmilliardär Rinat Achmetow den Klub Schachtar Donezk 2009 zum Gewinn des Uefa-Pokals. Bei den Siegesfeiern zeigte sich auch Wiktor Janukowytsch, ein Vertrauter Putins, der sich für das Präsidentenamt in der Ukraine in Stellung brachte.

Surkis, Achmetow und Janukowytsch wollten sich als Staatsmänner präsentieren, als die Ukraine 2012 mit Polen die Europameisterschaft austrug. Jeweils fünf Spiele fanden in Kiew und Donezk statt. Die Donbass-Arena in Donezk war für fast 200 Million Euro errichtet und erst 2009 eröffnet worden. Kateryna Chernii engagierte sich 2012 als Helferin in Kiew, sie sagt: „Die Euro hat den Ukrainern ein Gemeinschaftsgefühl beschert.“

Verblasste Zeiten. Das Stadion in Donezk wurde während des Krieges beschädigt. Der russische Fußballverband wollte 2015 die Profiklubs von der Krim in den russischen Spielbetrieb eingliedern, aber die Uefa untersagte das. Seither gingen zahlreiche ostukrainische Vereine ins Exil.

Seit Beginn des Angriffskrieges ist der Fußball ein noch stärkerer Teil der Propaganda. Das ukrainische Nationalteam und Dynamo Kiew sind seit Wochen für Freundschaftsspiele in Europa unterwegs. Spieler werben um Solidarität und Spenden. Zeitgleich schließen sich hunderte Hooligans und Ultras ukrainischer Klubs den Freiwilligen-Bataillonen an der Front an. Aktuell könnte der Fußball den Ukrainern etwas Hoffnung geben, sagt Kateryna Chernii. Eine Teilnahme bei der WM in Katar wäre ein Symbol der Souveränität.

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