1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Sylvia Schenk: „Bei klarer Führung kann so ein Desaster nicht passieren“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jan Christian Müller

Kommentare

Sylvia Schenk.
Sylvia Schenk. © Julius Nieweler/DFB

Die Frankfurter Menschenrechtsexpertin Sylvia Schenk kritisiert den DFB-Präsidenten Bernd Neuendorf deutlich.

DFB-Geschäftsführer Oliver Bierhoff geht vorzeitig, über die Zukunft von Bundestrainer Hansi Flick will unter anderem DFB-Präsident Bernd Neuendorf alsbald entscheiden. Sylvia Schenk wundert sich, warum der Verbandschef selbst nicht auf den Prüfstand des Präsidiums gestellt wird.

Die Leiterin der Arbeitsgruppe Sport bei Transparency International konkretisiert ihr Vorhaltungen. Schon vor der Amtsübernahme durch Neuendorf im März haben es beim DFB keine Strategie betreffend Katar gegeben. Neuendorf habe dann dem Thema nicht ausweichen können, hätte das aber inkonsequent getan. „Es wurde mehr PR betrieben, getrieben von der öffentlichen Kritik, statt eine Position zu der WM zu entwickeln.“ Laut der Menschenrechtsexpertin hätte dazu „die Zeit seit März noch gereicht“. Für die Spieler sei es unter diesen Umständen schwierig geworden, „eine hundertprozentige WM-Motivation zu entwickeln“. Derzeit arbeitet Schenk als Teamleiterin der Menschenrechts-Volunteers beim Fifa-Fanfestival in der katarischen Hauptstadt Doha. Sie hat den Trip mitsamt Unterkunft privat finanziert, um sich vor Ort ein Bild zu machen und wird Mitte Dezember zurück nach Frankfurt kehren.

Auch den Umgang mit der „One Love“-Binde kann die Juristin nicht nachvollziehen. „Wenn man sich für Symbolpolitik entscheidet, muss das konsequent sein.“ Der DFB hätte von vorneherein bei der Regenbogenbinde bleiben sollen „und nicht beim ersten Gegenwind einknicken“ dürfen. Sie hält es für naiv zu glauben, man könnte dem Fifa-Präsidenten Gianni Infantino „auf der Nase rumtanzen“. Und sie fragt sich, warum man beim DFB nicht vorbereitet gewesen ist auf die Pläne der Fifa, eigene Spielführerbinden vorzustellen. „Es greift beim DFB anscheinend niemand zum Telefon.“

Laut der ehemaligen Frankfurter Sportdezernentin wäre es förderlich gewesen, bereits viel früher „ohne öffentliche Begleitung über gemeinsames Handeln mit der Fifa zu sprechen“. Stattdessen hätte man es auf eine Konfrontation angelegt und sei dabei in erster Linie „auf eigene Profilierung“ aus gewesen, „nicht auf einen Fortschritt und ein wichtiges Zeichen in der Sache“.

Es sei in der Debatte, wie auch beim Auftritt der Innenministerin Nancy Faeser in Katar, „um reine deutsche Innenpolitik“ gegangen. „So bewegt man im internationalen Kontext gar nichts.“ Im Gegenteil: Man stoße alle Fifa-Mitarbeiter:innen vor den Kopf, „die seit Jahren an den Themen arbeiten und ja durchaus etwas bewirkt haben“.

Die Aktion der deutschen Spieler gegen Japan, als diese sich beim Teamfoto den Mund zuhielten, sei gescheitert. Wieder seien die Spieler getrieben gewesen, „alle erwarteten nach dem Einknicken des Präsidenten Haltung“, damit habe man sich „dann völlig zum Gespött gemacht“. Denn: „Mundhalten ist keine Haltung, sondern das Gegenteil. Wie will man dann in Zukunft noch ernst genommen werden? Von Infantino und Katar? Bei klarer Führung kann so ein Desaster nicht passieren. Also muss auch der Präsident sich fragen, was er falsch gemacht hat.“

Auch den Verzicht auf eine Nominierung des Fifa-Präsidenten Infantino durch den DFB hält Schenk für wenig förderlich. „Es ist albern zu meinen, einen Kandidaten nicht vorzuschlagen, sei Opposition.“ Wenn man sich als Opposition definiere, stelle man „erstens einen Gegenkandidaten oder eine Gegenkandidatin auf und entwickelt zweitens ein inhaltliches Konzept“. Damit könnte „drei Monate lang international Wahlkampf und damit inhaltlich Überzeugungsarbeit betrieben werden“. Selbst wenn Infantino dennoch wiedergewählt würde, hätte man „für die nächste Wahl ein Zeichen gesetzt“.

Stattdessen habe „niemand ein Konzept“ gehabt. Die 70-Jährige räumt ein, Infantinos Selbstherrlichkeit sei ein Problem. Nicht aber die inhaltliche Arbeit der Fifa. „Was hätte Infantino nach seiner Wahl 2016 tun sollen? Die WM in Katar absagen? Das wäre ein Desaster für die Fifa gewesen“, so Schenk, und es wäre außerdem „rechtlich nicht durchsetzbar“ gewesen.

Auch interessant

Kommentare