1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Svenja Huth: Führungskraft und Vorbild

Erstellt:

Von: Frank Hellmann

Kommentare

Bestens gelaunt bei der Ankunft: Svenja Huth hat mit ihren Mitspielerinnen das Teamquartier in Brentford bezogen.
Bestens gelaunt bei der Ankunft: Svenja Huth hat mit ihren Mitspielerinnen das Teamquartier in Brentford bezogen. © dpa

Svenja Huth ist bei der EM in England so wichtig wie nie zuvor, Zum Auftakt könnte sie die Kapitänsbinde tragen.

An der Einmündung der Commerce Road in die London Road, an einem hübschen Fleckchen im Londoner Stadtteil Brentford mit viel Wasser drumherum, liegt das Medienzentrum der deutschen Frauen-Nationalmannschaft für die bevorstehende EM in England (6. bis 31. Juli). Wobei das fast ein bisschen hochtrabend klingt, denn im Grunde werden lediglich einige Hinterzimmer eines gut frequentierten Hotels für die Pressekonferenzen genutzt. Zu groß die Gefahr, dass Medienvertreter vielleicht das Corona-Virus ins Teamquartier nur eine halbe Meile weiter tragen. Dass bei der ersten Veranstaltung auf britischem Boden gleich Svenja Huth zusammen mit der EM-Novizin Jule Brand erschien, sagt viel über den enormen Stellenwert der 31-Jährigen.

Die Leistungsträgerin vom VfL Wolfsburg mit den flinken Beinen, den schnellen Haken und der hohen Spielintelligenz wird inzwischen nicht nur als eine der weltbesten Flügelspielerinnen gehandelt. Sie ist auch zur anerkannten Führungsspielerin aufgestiegen, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit das DFB-Team ins wichtige EM-Auftaktspiel gegen Dänemark (Freitag 21 Uhr/ZDF) führen wird. „Für mich ist klar, dass Svenja die Binde tragen wird“, sagte kürzlich die noch nicht ganz fitte Kapitänin Alexandra Popp. Ihre Klubkollegin setzte sich am Montag bestens gelaunt aufs Podium und wollte für den Rollentausch noch nicht Vollzug melden.

„Jetzt müssen wir natürlich auch gucken, ob Poppi in den nächsten Spielen von Anfang an auf dem Platz sein wird oder nicht.“ Aber es wird so kommen, dass Huth übernimmt, die mit einem breiten Lächeln von einer „mit viel Liebe zum Detail eingerichteten“ Unterkunft erzählte, „in der wir lange bleiben wollen“.

Zwar zählte die Olympiasiegerin von 2016 ein halbes Dutzend Nationen auf, die sich enorm entwickelt hätten, aber auch das deutsche Team sei „top vorbereitet: Wir wissen, was auf uns zukommt.“ Sie wolle den jüngeren Mitspielerinnen wie der künftigen Vereinskollegin Brand mit ihren 19 Jahren helfen, „nicht die Leichtigkeit zu verlieren.“ EM-Gastgeber England pries Huth als „absoluten Vorreiter“ bei Vermarktung und PR an: „Den Stellenwert und Hype wollen wir mit nach Deutschland nehmen, um den Frauenfußball zu entwickeln.“ Ansonsten heißt ihr Insel-Motto: „Vollgas geben.“

Zweimal standen bei der Offensiv-Allrounderin mit dem Turboantritt nämlich höhere Mächte auf der EM-Bremse: Beim Titelgewinn 2013 in Schweden blieb sie unter Silvia Neid ohne Einsatz, denn in dieser Phase hatte sie oft nicht mal beim 1. FFC Frankfurt einen Stammplatz. Beim Reinfall 2017 in den Niederlanden zog sie sich gleich im Auftaktspiel gegen Schweden einen Muskelfaserriss zu. Noch vor der Genesung stand wegen der verdienten Viertelfinal-Niederlage gegen Dänemark die Heimreise an.

„Damit halte ich mich nicht mehr auf“, sagt die aus Alzenau im Landkreis Aschaffenburg stammende Powerfrau, die für die meisten Mitspielerinnen „gefühlt immer noch 19 ist“.

Tatsächlich hat sich die 66-fache Nationalspielerin eine fröhliche, unbekümmerte Art bewahrt, die ansteckend wirkt. Was dabei mitunter unberücksichtigt bleibt, ist der persönliche Reifeprozess. Beinahe beiläufig hat sie kürzlich im Fernsehstudio ausgeplaudert, dass sie ihre Lebensgefährtin Laura im Urlaub heiraten wolle. Danach sprach sie mehrfach offen über die Trauung im Standesamt. „Svenja hat an Profil gewonnen. Sie ist im Leben angekommen. Das münzt sie um in Leistung“, lobt Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. Daher ist sie im 4-3-3-System gesetzt. Seit vielen Jahren trägt sie im Nationalteam die Nummer neun („meine Lieblingsnummer“). Allerdings spielt sie ja nicht Mittelstürmerin, sondern dient eher als Zulieferin für eine im Zentrum postierte Lea Schüller oder eben Popp. Die sagt übrigens über Huth: „Svenja läuft wirklich in jedem Spiel um ihr Leben.“

Ihr Auftrag: Verwirrung stiften, Räume schaffen. Die gelernte Kauffrau für Bürokommunikation, die zudem bereits ein Sportmanagement-Studium abgeschlossen hat, wirkt in ihren Aktionen indes deutlich überlegter als früher. Mit dem Kopf durch die Wand zu rennen, hat sie sich beinahe abgewöhnt.

Wie kaum eine andere verkörpert sie den aktiven, kreativen, mutigen und dynamischen Spielstil, den Voss-Tecklenburg von ihrer Mannschaft einfordert. Das alles soll dann bestenfalls gleich am Freitag im Community Stadium von Brentford zu besichtigen sein. Die Spielstätte ist keine halbe Stunde Fußweg vom Medienzentrum entfernt. Huth könnte auch hinlaufen, und man würde es ihr bei Anpfiff nicht anmerken.

Auch interessant

Kommentare