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SV Darmstadt: Hut ab, ihr Gallier

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Von: Ingo Durstewitz, Daniel Schmitt

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Aufsteiger - da steht es. Der Darmstadt 98 ist zurück. Foto: dpa
Aufsteiger - da steht es. Der Darmstadt 98 ist zurück. Foto: dpa © dpa

Die Lilien versetzen ganz Darmstadt in eine Partyzone und werden sich in der Bundesliga strecken müssen, um mitzuhalten - abschreckende Beispiele gibt es genügend

Klaus Gjasula, das ist dieser eiserne Typ mit dem Stahlhelm (den er gar nicht mehr trägt), wird noch ein paar Tage benötigen, ehe er realisiert, was diese großartige Gemeinschaft aus Darmstadt da geschaffen hat am Freitagabend im Freudentempel am Böllenfalltor. „Wir sind einfach eine ekelhafte, abgewichste Truppe, die füreinander da ist“, sagte der Defensivmann und blickte dann noch mal kurz auf das entscheidende Match gegen den FC Magdeburg zurück, dieses ungelenke 1:0, das den vierten Aufstieg der Vereinsgeschichte besiegelte und irgendwie stellvertretend für die gesamte Saison der Lilien steht. „Ein typisches Ergebnis für uns“, befand der 33 Jahre alt Routinier. „1:0, dreckig und ciao.“ So kann man es sagen. Und fast genauso drückte es auch der überragende Torwart Marcel Schuhen aus: „Es war sinnbildlich, dass wir 1:0 gespielt haben.“

Darmstadt 98, da gibt es keine zwei Meinungen, ist ein verdienter Aufsteiger, die Lilien stehen seit dem zwölften Spieltag an der Tabellenspitze, seit Mitte Oktober, sie haben sich nie aus der Bahn werfen lassen, sind immer bei sich geblieben. Sie haben es sich redlich erarbeitet, gegen die Bayern und Dortmund und zwei Derbys gegen die Eintracht spielen zu dürfen, nicht im Pokal, sondern im Fußball-Oberhaus. Sie haben eine ganze Stadt in eine eskalierende Partyzone verwandelt und die Menschen in Darmstadt verdammt stolz und glücklich gemacht.

Und doch sind sie nicht mit Siebenmeilenstiefeln durch die zweite Klasse geeilt, fast jedes Spiel war hart umkämpft, hätte auch anders ausgehen können. Von ihren 20 Siegen gewannen die 98-er allein 14-mal mit nur einem Tor Unterschied, siebenmal 1:0, siebenmal 2:1. Und doch ist genau das kein Zufall, wer so viele enge Spiele auf seine Seite zieht, der will es einfach ein Stück mehr, der trägt diese Mentalität in sich, der ist eine verschworene Einheit. „Ich freue mich wahnsinnig für meine Spieler. Ich bin massiv stolz auf alle, die mitgearbeitet haben“, sagte Torsten Lieberknecht, der impulsive Trainer, der in den Minuten des Triumphs erstaunlich cool und souverän blieb.

Wie Champions League

Präsident Rüdiger Fritsch war da schon deutlich angefasster. „Für uns ist das wie für andere die Champions League“, sagte die Ober-Lilie schlechthin, die dem Verein seit elf Jahren vorsteht und ihn aufs richtige Gleis gesetzt hat. „Es ist etwas Großes passiert.“ Genauso wie damals, 2015, als die Darmstädter unter Trainer Dirk Schuster in die erste Liga hochgestuft wurden. Das vergaß Torsten Lieberknecht, der Vater des Erfolges, der diesen „geilen Haufen“ (Torjäger Philip Tietz) erschaffen hat, nicht zu erwähnen. „Mit dem Aufstieg von Dirk ist das hier entstanden.“ Schuster, heute in Kaiserslautern, gab die Blumen direkt zurück: „Der Aufstieg ist hochverdient, ich weiß, was das für die Stadt bedeutet.“

Ex-Coach Schuster war auf den Tag genau vor neun Jahren mit den Lilien zunächst in die zweite Liga aufgestiegen. „Ich bin massiv stolz. Auch, dass wir es geschafft haben, an dem Tag aufzusteigen, an dem Dirk und die ganzen Legenden des Vereins aufgestiegen sind. Das sind die Geschichten, die der Fußball manchmal schreibt“, sagte Lieberknecht, der vor dem dritten Matchballspiel gegen Magdeburg seine Zurückhaltung in punkto Aufstieg ablegte und sich mit voller Überzeugung vor sein Team stellte. Weil er spürte, dass es diesen Zuspruch und diesen Extrakick brauchte. Denn wenn es die Lilien am Freitag nicht gepackt hätte, das schwante nicht nur dem 49-Jährigen, dann wäre es am letzten Spieltag in Fürth schwer geworden, den ganzen Druck zu schultern. „Ich weiß nicht, ob wir die Energie noch einmal hätten aufbringen können.“

Für Boss Fritsch ist dieser große Erfolg sechs Jahre nach dem Abstieg keine Selbstverständlichkeit, aber auch kein Wunder. Das war es 2015. „Damals war es ein Husarenstück, was im modernen Fußball so schnell nicht mehr vorkommen wird. Das war wie Ostern und Weihnachten an einem Tag.“

Nun aber sind die Lilien ein gewachsener Verein, der sich nicht mehr verstecken muss, der gewachsen ist, ein neues, für 50 Millionen Euro umgebautes Stadion im Rücken hat, der, wie Fritsch sagte, in den vergangenen sieben Jahren „die Versäumnisse aus 50 Jahren Stillstand aufgeholt und dabei den Sport nicht vergessen hat“.

Die Lilien, keine Frage, sind ein anderer Klub geworden, sie haben das Zeug dazu, sich in der Bundesliga zu halten, auch wenn das verdammt schwer wird und man gerade am Anfang viel Leidensfähigkeit braucht und auch gute Transfers, um nicht Schiffbruch zu erleiden. „Denn der finanzielle Unterschied ist sehr groß – und damit auch der sportliche“, sagte Fritsch. „Oft ist es so, dass die Aufsteiger es eine Saison ganz gut hinbekommen und den Klassenerhalt schaffen, wenn alles passt, mit großer Kraftanstrengung und Begeisterung. Aber on the long run wird das Überleben für Aufsteiger immer sehr schwierig.“ Ein Beispiel: Der Lizenzspieleretat wird zwar von zehn Millionen Euro auf rund 25 Millionen steigen – doch damit liegen die Lilien so ziemlich am Ende des Tableaus. Zum Vergleich: Noch in dieser Saison steckte Absteiger Hertha BSC 90 Millionen in die Mannschaft – mit bekanntem Ausgang. Ein Beispiel, wie man es nicht machen sollte. Aber das muss man nicht befürchten, der umsichtige Manager Carsten Wehlmann hat bewiesen, dass er kluge Transfers tätigen kann.

Nie gejammert

Diese herausragende Runde der Lilien ist auch deshalb so bemerkenswert, weil sie durchaus anders hätte verlaufen können. Es gab da zum Beispiel diese Zweifel vor der Runde, ob der spät verspielte Aufstieg, Platz vier in der Vorsaison, womöglich in den Knochen hängenbleiben würde, zumal auch noch Topstürmer Luca Pfeiffer sowie Zuarbeiter Tim Skarke den Verein in Richtung Bundesliga verließen. Der Verlust einiger Leistungsträger droht auch jetzt wieder, zumindest partiell, der beste Innenverteidiger der Liga, Patric Pfeiffer, wird vom FC Augsburg umworben. Auch ein anderer Bundesligist ist noch im Rennen.

Doch Jammern ist nicht am Bölle. Auch nicht, als in dieser Saison viele, viele Verletzte dazukamen. Keine andere Mannschaft der Liga erwischte es derartig hart. Es gab Bänder- und Sehnenrisse, Kapselverletzungen, Knochenödeme, Zehenbrüche, schnöde Erkältungen, aber auch eine Blinddarmentzündung, eine Meningitis und eine Kehlkopfentzündung, dazu mehrere Krankenhausaufenthalte von Profis. „Wir haben gegen alle Widerstände angekämpft“, sagt Lieberknecht stolz. Und nie lamentiert. Und es trotzdem gewuppt. Respekt.

Der beste Rechtsverteidiger der Liga, Matthias Bader, fiel eine ganze Weile aus, ebenso Patric Pfeiffer. Dazu Eckpfeiler wie Klaus Gjasula, Tobias Kempe oder Fabian Holland. Einen zweiten echten Stürmer, neben der Säule Phillip Tietz, gab der Kader in der Hinrunde nicht her, so dass Trainer Lieberknecht aus der Not eine Tugend machte und Irrwisch Braydon Manu, einen Flügelfuddler, in die Spitze beorderte.

Doch das, was die Mannschaft hätte vor Probleme stellen können, tat es nicht. Wer auch immer kickte, der Homogenität des Teams schadete es nie – und dem Erfolg. Die Mannschaft hielt zusammen, der Trainer fand die optimalen Mischung aus dem ihm zur Verfügung stehenden Personal. Ersatzprofis, die im Grunde über ein höchst durchschnittliches Leistungsniveau verfügen, wen überhaupt, schwangen sich zu einzelnen Topleistungen auf. Das ist auch ein Verdienst des bodenständigen Trainers, der sich mit der Stadt und dem Verein sofort identifiziert hat. Es ist, als sei nie jemand anders Trainer der Lilien gewesen.

21 Partien blieben die Südhessen zwischenzeitlich ohne Pleite, und als eine ebensolche dann doch dazwischenkam, Anfang März in Heidenheim, fiel das Konstrukt nicht ineinander zusammen, sondern blieb fest im Boden verankert. Auch das ist ein Qualitätsmerkmal, nie hat man sich von Rückschlägen ins Bockshorn jagen lassen.

Am Ende steht die verdiente Rückkehr in den elitären Kreis des deutschen Fußballs, zu der es Glückwünsche aus der Liga und der Politik hagelte. Die Bundesliga kann sich freuen auf die kleinen Gallier aus Südhessen, die aber gar nicht mehr so klein sind. „Jetzt sind wir wieder da“, sagte Boss Fritsch. „Ob das jetzt alle gut finden, weiß ich nicht. Jetzt ist Klein-Darmstadt da, dafür erwarte ich einfach Respekt.“ Völlig zu Recht.

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