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Super-Sonntag: Union und Freiburg wollen die Großen ärgern

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Von: Jakob Böllhoff

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Vier Spiele, vier Siege, 11:1 Tore: Der SC Freiburg rockt die Europa League.
Vier Spiele, vier Siege, 11:1 Tore: Der SC Freiburg rockt die Europa League. © afp

Freiburg in München, Dortmund bei Union: Über ein Topspiel-Sonntag, der die Fußball-Bundesliga erschüttern könnte.

Es ist jetzt, genau zu diesem Wochenende, an der Zeit für diese Bundesligasaison, einen langen, ernsten Blick in den Spiegel zu werfen und sich ein paar Zukunftsfragen zu stellen. Will ich so weitermachen wie bisher mit juvenilen Sperenzien an der Tabellenspitze? Oder werde ich seriös? Die Dinge stehen ja so, vor diesem zehnten Spieltag in der Fußball-Bundesliga, dass der Tabellenführer 1. FC Union Berlin heißt und der Tabellenzweite SC Freiburg, und ihre Verfolger heißen Bayern München (Platz drei) und Borussia Dortmund (Platz vier). Aus dieser ohnehin reizvollen Konstellation ergibt sich eine Art Super-Sonntag, wie man ihn dieser Liga nicht zugetraut hätte: Um 17.30 Uhr empfängt Berlin die Dortmunder, zwei Stunden später ist Freiburg zu Gast in München (beide Spiele live bei Dazn). Und die Bundesliga muss sich und ihren Interessenten die Sonntagsfrage beantworten, ob das eigentlich ihr Ernst ist.

Der Witz an der Sache ist, dass die klassischen Underdogs aus Berlin und Freiburg aus einer Position der Stärke in diesen erstaunlichen Sonntag gehen. Die Freiburger zum Beispiel: Widerlegen – bis jetzt – alle Unkenrufe, wonach die Vorsaison mit Platz fünf und dem Erreichen des Pokalfinales ein Ausreißer war, nur ein leichtes Schwanken in der Wirklichkeit, wie diese beinahe zärtlichen Erdbeben, die alle paar Jahre mal am Kaiserstuhl rütteln. Jetzt verlieren sie wieder alle guten Spieler, haben die Unken gedacht, und die zusätzliche Belastung der Europapokalspiele wird ihnen den Rest geben, haben die Unken gemutmaßt, von denen nicht wenige selbst rund um den Kaiserstuhl hocken. Aber die Realität sind anders aus, zwei Monate nach Saisonstart, denn die Freiburger nehmen die Herausforderung Europa League bislang mit spielerischer Leichtigkeit. Am Donnerstag gewann die Mannschaft von Trainer Christian Streich mit 4:0 beim FC Nantes. Vierter Sieg im vierten Spiel, Torverhältnis: 11:1. Weiterkommen vorzeitig gesichert.

Tatsächlich haben die Freiburger genau einen guten Spieler verloren vor der Saison, den Innenverteidiger Nico Schlotterbeck, woran sie sich aber nicht mehr erinnern können. Weil Nationalspieler Matthias Ginter in seine Heimat zurückkehrte, ist Streichs Mannschaft in der Defensive nichts verlorengegangen, eher hat sie an Stabilität zugelegt. Ginter, anders als Schlotterbeck, neigt nicht dazu, mit dem Ball am Fuß im Mittelfeld zu verschwinden. Zurück kam dann manchmal nur der Ball, am Fuß des Gegners, während Schlotterbeck im Mittelfeld damit beschäftigt war, sich wieder nach hinten durchzufragen.

Der Kader der Freiburger ist nicht nur nicht schlechter geworden, sondern sogar besser. Die Neuzugänge, neben Verteidiger Ginter noch für die Offensive Michael Gregoritsch, Ritsu Doan und Daniel-Kofi Kyereh, haben diesen Kader breiter gemacht und in der Spitze stärker. Das hat man auch beim großen FC Bayern wahrgenommen, mit grimmigem Ernst erwartet er deshalb am Sonntag die verdutzten Freiburger. Während den Münchnern früher tendenziell erst im Laufe der Spiele auffiel, dass sie gegen den SC Freiburg, nicht gegen den SC Paderborn spielten (ist ja auch egal, wen man mit 6:0 zurück in die Provinz schickt), wandern ihre Gedanken diesmal bemerkenswert früh an diesen Gegner. „Es ist normal, dass wir irgendwann Freiburg im Kopf haben“, verteidigte Trainer Julian Nagelsmann am Mittwoch die zahlreichen Wechsel in der zweiten Halbzeit beim 4:2-Sieg in der Champions League in Pilsen. Und verkündete: „Jetzt geht es sehr gradlinig in die Vorbereitung auf Freiburg, um auch in der Bundesliga wieder die richtige Richtung einzuschlagen.“ In Freiburg halten sie gradlinig vorbereitete Bayern für eine gefährliche Angelegenheit.

Bayern werden den Sonntag jedenfalls nutzen wollen, um auch in der Bundesliga ein paar Dinge klarzustellen nach dem schwachen Saisonstart und den Debatten um Nagelsmann. „Jetzt wollen wir uns Spiel für Spiel in einen Rausch spielen“, hat Leon Goretzka verkündet, Doppeltorschütze in Pilsen. Mit einem Sieg könnten sie die Freiburger in der Tabelle überholen, aber für die Tabellenführung reicht es in keinem Fall. Denn oben steht, vier Punkte vor den Bayern, breitschultrig der 1. FC Union Berlin.

Der Schweizer Trainer Urs Fischer scheint diese Mannschaft einem Alpenmassiv nachempfunden zu haben. Es ist kein ansehnlicher Fußball, aber er ist erfolgreich, weil der heimatverbundene Fischer auch noch ein Schweizer Uhrwerk in sein Alpenmassiv verbaut hat. So präzise, so verlässlich und leidenschaftlich wie Union im 3-5-2-System verteidigt keine Mannschaft in Deutschland. Kaum ein Durchkommen, was wiederum für Borussia Dortmund eine schlechte Nachricht ist vor dem anstehenden Treffen. Was Präzision, Verlässlichkeit und Leidenschaft angeht, zeigte der von Wankelmut gepeinigte BVB unter der Woche beim 1:1 gegen den FC Sevilla mal wieder so große Mängel, dass Mats Hummels öffentlich die Kollegen anging. „Es muss aus manchen Köpfen raus, dass Fußball sexy sein muss. Erfolgreicher Fußball ist nicht Hacke-Spitze-eins-zwei-drei auf fünf Metern“, hat Hummels gesagt. Er weiß: Mit Hacke und Spitze kann man es gleich vergessen gegen die Türsteher von Union.

Nein, die Dortmunder und noch weniger die Münchner müssen sich natürlich keine Sorgen machen, dass der SC Freiburg und Union Berlin ihnen dauerhaft den Rang abläuft, bei denen nach wie vor unklar ist, ob es sich um Scheinriesen oder Scheinzwerge handelt; beide irgendwie klein und groß zugleich. Andere Klubs aber müssen mit Schamesröte auf diese erstaunlichen Topspiele blicken, jene Klubs, die sich direkt hinter den Bayern und dem BVB sehen: Mönchengladbach, Leipzig, Leverkusen zum Beispiel. Klubs, die sich so sehr verzettelt haben, dass sie gar nicht gemerkt haben, wie die Freiburger und Unioner an ihnen vorbeizogen.

Ein Trend? Oder nur eine Laune der Liga? Der Sonntag kommt und bringt Tendenzen.

Eisern: die Union-Profis Robin Knoche (li.) und Sami Khedira.
Eisern: die Union-Profis Robin Knoche (li.) und Sami Khedira. © AFP

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