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Alles nur Spaß: Ilkay Gündogan kugelt über Marco Reus. Beide wollen beim Neuaufbau der Nationalelf dabei sein.

Nationalmannschaft

Die Suche nach Zusammenhalt

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Bundestrainer Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff stellen am Mittwoch endlich die mit Spannung erwartete WM-Analyse vor, aber radikale Reformen kündigen sich eher nicht an.

Der Pressekonferenzraum der Münchner Arena ist vielleicht genau der richtige Ort: Wenn Joachim Löw am Mittwoch um Punkt zwölf Uhr seine Erkenntnisse und Ergebnisse der WM-Analyse vorstellt, wäre ein Veranstaltungsraum eines schicken Luxushotels nicht sonderlich passend gewesen. Nach der krachend gescheiterten Mission Titelverteidigung soll der Neuanfang ja auch auf dem Rasen der Münchner Arena beginnen, wenn die deutsche Nationalmannschaft zum Auftakt der Nations League gegen Weltmeister Frankreich antritt (6. September). Die Kadernominierung ist für den Bundestrainer allenfalls ein Teilaspekt. Vor dem Ausblick muss der 58-Jährige erklären, warum im Rückblick so viel schieflaufen konnte.

Der Badener hat offenbar verstanden, dass er seinen hochdotierten Job substanziell mit mehr Fleiß unterfüttern muss, um im Bilde zu sein, wie sich seine Kandidaten im Ligabetrieb präsentieren. Denn es ist zu wenig, sich nur hin und wieder aus dem gemächlichen Freiburg oder dem ebenfalls recht abseits gelegenen Berlin aufzumachen, um vor Ort einen Eindruck zu bekommen, wer gerade in Form ist und wer nicht. Am Wochenende sah man Löw deshalb beim Groundhopping zwischen München, Düsseldorf und Mönchengladbach.

Löw durfte zwei Monate öffentlich schweigen, ehe er sich zu den Konsequenzen äußert, was schon zu eigentümlichen Überschneidungen führte: Beim von Bund Deutscher Fußballlehrer (BDFL) ausgerichteten Trainerkongress Ende Juli hatten DFB-Experten die Analyse der deutschen Elf extra ausgespart: U21-Nationaltrainer Stefan Kuntz vollführte Verrenkungen, um dem bekanntesten und wichtigsten Fußballlehrer des Landes nicht in den Rücken zu fallen.

Bobic spricht von einer „sehr guten Analyse“

Wird der sich künftig weniger selbstverliebt präsentieren, wird er weniger entrückt daherkommen? Wird er die eine oder andere Session im Fitnesszelt sausen lassen, weil Bizeps, Trizeps und Brustmuskulatur ohnehin weit über Altersschnitt ausgeprägt sind und die Zeit besser mit Gesprächen verbracht werden könnte? Wird es ihm gelingen, die Mannschaft wieder so straff zu führen, um die Puzzleteile der Ich-AGs passend zu formen?

Intern hat er die drängendsten Fragen zur Zufriedenheit des DFB-Präsidiums und der Klubvertreter beantwortet, mit denen er zukünftig emsiger auf Augenhöhe kommunizieren sollte. Er kann das eigentlich gut, aber er hat sich als Weltmeistertrainer schlicht nicht mehr genügend Mühe gemacht, sich aktiv engagiert einzubringen. Immerhin: Verbandschef Reinhard Grindel fand Löws Vortrag „sehr überzeugend“, Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic sprach von einer „sehr guten Analyse, einer sportlichen Analyse“ wohlgemerkt. Abzuwarten ist, ob die Öffentlichkeit zu einem ähnlichen Urteil gelangt.

Es hat in diesem Jahrtausend bereits vor der Ära Löw zweimal enttäuschendes Scheitern in EM-Vorrunden gegeben. Aber sowohl Erich Ribbeck 2000 als auch Rudi Völler 2004 mussten seinerzeit auf vergleichbar viel untalentierteres Personal zurückgreifen. Das macht das Versagen des amtierenden Bundestrainers im Sommer 2018 noch größer. Dennoch trauen diejenigen, die ihn gut kennen, ihm zu, den Karren aus dem knietiefen Morast zu ziehen. Auch die Spieler und die Mitarbeiter im Stab hat er, wie man hört, nicht verloren, wiewohl sie die Fotosession zur Selbstinszenierung an der Laterne in Sotschi nie, nie, nie mehr sehen wollen. Doch nicht nur Löws Eitelkeit ist Legende, sondern auch seine Sozialkompetenz. In der tiefsten Krise ist sie eine Stütze für ihn selbst.

Gündogan will weitermachen

Auch das Verhältnis zu Manager Oliver Bierhoff ist durch den Misserfolg eher wieder enger geworden. Bierhoff hatte viel früher als Löw erkannt, dass etwas nicht stimmt im Miteinander, dass sie es diesmal gemeinsam nicht geschafft hatten, eine Mannschaft im eigentlichen Sinne zu bilden. Dem 50-Jährigen war früh aufgefallen, dass sich die Gräben mehr zwischen „Kanaken“ und „Kartoffeln“ auftaten als zwischen Jung und Alt, viele Spieler beider Gruppen hatten sich schlicht nichts zu sagen, sie verbrachten die Freizeit unterschiedlich, die einen mit Spielen im Hof der Herberge, die anderen am Handy, die Lebenswirklichkeiten auch im Profifußball können offenbar weit auseinanderdriften.

Ilkay Gündogan hat indes widersprochen, dass das „Kartoffeln-Kanaken“-Wording etwas mit Rassismus zu tun gehabt hätte. Der England-Legionär, der dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan in London sogar ein handsigniertes Trikot überreicht hatte, stellte seine Sicht der Dinge noch einmal differenziert dar. Quintessenz: Er würde gerne für die DFB-Auswahl weiterspielen – die Nominierung des Mittelfeldspielers mit türkischen Wurzeln wäre ein wichtiges Zeichen für den Zusammenhalt. Löw könnte dann gleich noch erklären, warum er vor der WM den Fall Özil nur wegschieben und nicht ernsthaft bearbeiten wollte.

Und er muss sich fragen: Reichen wechselnde Sitzordnungen beim Essen, um die Grüppchenbildung aufzuheben? Der Bundestrainer sollte nicht nur analysieren, sondern auch reflektieren, was er als Verantwortlicher für den Teamgeist tun kann. Sich auf gemeinsame Pflichten und Regeln zu verständigen, wäre vielleicht kein schlechter Ansatz.

Vielleicht ist der kommende Gegner sogar doppeltes Vorbild: Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps hatte bei der Équipe Tricolore unabhängig vom sportlichen Wert jeden Profi zu Hause gelassen, der die Kaderhygiene gefährdet hätte. Am Beispiel von Karim Benzema statuierte der Sélectionneur sogar ein Exempel. Eine Özil-Affäre hätte „General“ Deschamps deshalb nicht geduldet, weil er nullkommanull Unruhe wollte. Der Erfolg gab seinen strengen Auswahlprinzipien letztlich Recht. Auch auf dem Platz gaben die Franzosen ein Vorbild für Geschlossenheit, weil sich niemand für die Defensivarbeit zu schade war.

Wann dürfen Havertz und Co. aufrücken?

Weltmeisterkapitän Philipp Lahm hat auch für die deutsche Nationalelf einen strafferen Führungsstil empfohlen. Für Löw wird der Doppelpack gegen Frankreich und gegen Peru (9. September) auch persönlich zum Lackmustest. Sollte seine Auswahl keinen Aufbruch ausstrahlen (und die Stimmung in den Stadien kippen), dann ist auch das bis 2022 verlängerte Arbeitspapier bald nichts mehr wert.

Nach der Rückreise aus Russland hatte Löw selbst „tiefgreifende Maßnahmen, klare Veränderungen“ angekündigt, aber mit dem eisernen Besen wird eher nicht durchgefegt. Prominentestes Opfer könnte Thomas Schneider werden. Der für den beliebten Hansi Flick geholte Löw-Assistent hat es nie geschafft, ein Vertrauensverhältnis ins Team und ins viel zu stark aufgeblähte Team hinter dem Team aufzubauen. Künftig dürfte Marcus Sorg, der zweite Assistent, mehr Kompetenzen erhalten, der als empathisch, kommunikativ und fachlich klar gilt. Gerüchtehalber steht der Abschied von Chefscout Urs Siegenthaler im Raum. Aber: Die meisten Gesichter werden beim Treffpunkt am kommenden Montag im Hilton München Park die altbekannten sein.

Eine radikale Reform kündigt sich auch im Aufgebot (noch) nicht an: Nach den Rücktritten von Özil und Mario Gomez ist damit zu rechnen, dass Löw auf Sami Khedira, vielleicht vorerst auch auf Jerome Boateng verzichtet, die beide bei der WM (körperlich) nicht auf der Höhe wirkten. Confed-Cup-Sieger wie Niklas Süle, Leon Goretzka oder Julian Brandt sollen dafür mehr Verantwortung erhalten. Dazu steht die Rückkehr von Leroy Sané an, dessen Ausbootung vor der WM nicht jeder verstand, bringt der Unterschiedsspieler aus der Premier League doch mit, was vielen Kollegen fehlt: Tempo und Esprit.

Ferner ist abzuwägen, wann Spieler wie Kai Havertz, Serge Gnabry, Mahmoud Dahoud, Jonathan Tah oder Philipp Max vorrücken dürfen. In diesen Jahrgängen schlummert noch Potenzial, dahinter wird das Angebot dünner. Eingedenk des Mangels an Talenten in den aktuellen Auswahlteams von der U19 abwärts sprechen Verbandsexperten sogar davon, dass die Talsohle vielleicht noch gar nicht erreicht ist.

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