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Stuttgarter Fans sehen den Präsident auf der imaginären Abschussrampe.

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Der VfB im Tal der Tränen

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Beim VfB Stuttgart geht nichts mehr. 

Der VfB Stuttgart gibt derzeit ein Bild des puren Jammers ab. Nichts geht mehr im Musterländle, wo sie – um im Bild zu bleiben – gerade ein Musterbeispiel einer verkorksten Saison hinlegen. Dabei hätten die Voraussetzungen für eine zumindest stabile Spielzeit als zweitbestes Team der vergangenen Rückrunde, aufgepeppt mit frischem Geld vom befreundeten Investor Mercedes-Benz, in einer aufwendig modernisierten Fußballarena in einer der finanzkräftigsten Regionen der Republik kaum besser sein können. Stattdessen dieses Zwischenfazit im April 2019: Platz 16, Trainer Tayfun Korkut schon lange weg, Nachfolger Markus Weinzierl längst heftig umstrittenen und ohne Zukunft, Sportchef Michael Reschke: ruhmlos gescheitert, Nachfolger Thomas Hitzlsperger hin- und hergerissen zwischen notwendigem Restvertrauen in den zunehmend bedauernswerten Weinzierl und dem Reiz, mit einem neuen Mann noch aus der Relegation auf direkten Klassenerhalt zu rutschen.

Komplizierter Standort

Weinzierl ist ja nicht blöd, er spürt natürlich längst, dass er – komme da, was wolle – spätestens in der nächsten Saison nicht mehr Trainer in Stuttgart sein dürfte. Es ist einsam um ihn geworden. Mit jedem neuen Spiel ohne Punkte ein bisschen mehr. Ein Katalysator für gute, kraftvolle Arbeit ist diese Situation natürlich nicht. Tatsächlich hat Weinzierl sowohl zuvor bei Schalke 04 als auch jetzt beim VfB nicht den Nachweis erbracht, dass er tatsächlich der überdurchschnittlich gute Trainer ist, als der er zu Anfang seiner Karriere in Regensburg und Augsburg angesehen wurde. Im Gegenteil: Wenn nicht am kommenden Samstag beim Tabellennachbarn in Augsburg der zweite Sieg des Kalenderjahres herauskommen sollte, dürfte Weinzierl fortan in der ellenlangen Rubrik der Stuttgarter Ex-Trainer auftauchen.

Hinzu kommt am komplizierten Standort Stuttgart, dass das Publikum traditionell bei der Krisenbewältigung keine große Stütze darstellt, sondern, ganz im Gegenteil, regelmäßig dafür sorgt, dass tiefste Tiefpunkte von veritablen Versagensängsten begleitet werden. Zu groß ist in Bad Cannstatt das Delta zwischen den allgemeinen Erwartungen und dem de facto Erreichten, zu wenig ausgeprägt eine Kultur der gegenseitigen Hilfe.

Gerade ist mal wieder der Präsident von den Fans auf die imaginäre Abschussrampe gehievt worden. Die gefühlte Mehrheitsmeinung hört sich so an: nix wie weg mit dem Mann, am besten ohne Raumanzug auf den Mond. Wolfgang Dietrich hatte sich den Höhenflug des Klubs eigentlich völlig anders vorgestellt. Ein gewisser Hang zu übermäßigem Selbstbewusstsein ist bei dem Klubchef purer Verzweiflung gewichen. Die TV-Bilder haben das am Samstag unzweifelhaft offenbart. Da schien es fast, als sei Dietrich geradezu von körperlichen Schmerzen gepeinigt im Angesicht der Trost- und Ideenlosigkeit drunten auf dem Spielfeld, präsentiert von einer Mannschaft, die er und Reschke auf Europapokalniveau wähnten. Man könnte glatt Mitleid mit Dietrich haben, wenn dieses Mitleid denn angebracht wäre. Ist es aber eher nicht. Die Zwischenbilanz nach zweieinhalb Jahren Regentschaft des 70-Jährigen: Da hat einer aus viel wenig gemacht. Dass die persönlichen Anfeindungen deshalb das spielerische Niveau des VfB noch unterbieten, gehört betrüblicherweise zur Art des Hauses.

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