+
Schwarz? Ach was!

Kommentar

Der VFB Stuttgart und der Krampf am Webstuhl

  • schließen

Trikots waren schon immer der schnellste Weg in die Herzen (und die Geldbeutel) der Fans. 

Der Fußball-Zweitligist VfB Stuttgart stellte in dieser Woche sein neues Ausweichtrikot vor, mittels einer dreiviertelstündigen Präsentation im Stadtmuseum, und zusammenfassend ließe sich sagen: Es ist halt schwarz, das Trikot. Aber natürlich hat man da etwas massiv falsch verstanden.

Tatsächlich, klärte der VfB zum Glück auf, zitiert das gesamte Ensemble – schwarzes Trikot, schwarzes Hose und weißen Stutzen – das Outfit der Fantastischen Vier anlässlich des 30-jährigen Bühnenjubiläums der Stuttgarter Band: schwarze Kleidung und weiße Turnschuhe. Und weil im Jahr 1989 so dermaßen viel passiert ist, erinnert das Shirt mit einer „Struktur aus tonalen Waben“ an die Stuttgarter Spielkleidung im damaligen Uefa-Cup-Finale gegen Neapel. Alle Aufdrucke, vom Vereins- zum Sponsorenlogo bis hin zum eigens entworfenen Zahlengewurschtel „8993“, in dem auch das Gründungsjahr des VfB (1893) untergebracht ist, lehnen sich zudem haptisch an die späten 80er Jahre an. Vielleicht ja an die Gelmatte von Prince, wer weiß.

Es ist schwarz? Gott bewahre.

Trikots waren schon immer der schnellste Weg in die Herzen (und die Geldbeutel) der Fans. Sie schaffen Identität. In immer wilder werdenden Zeiten, in denen der Kapitalismus natürlich auch, oder erst recht, den Fußball und seine Grundwerte durchschüttelt, nutzen die Klubs ihre Hemden als Werkzeug, um ein gemeinschaftsbildendes Narrativ zu vermitteln. Vorbei die Zeiten, als ein Trikot einfach gut auszusehen hatte. Die Designer werden stattdessen beauftragt, Vereins- und Stadtgeschichte, Geographie oder Architektur in die Spielkleidung zu stricken, oder am besten gleich alles zusammen. Es ist ein großer Krampf.

Trikots wie Stahlstreben

Es ist eher kein Zufall, dass sich die Klubs der durchkapitalisierten englischen Premier League gegenseitig überbieten beim Versuch, mit den Trikots Geschichten zu erzählen, die den Fans Halt bieten. Meister Manchester City zum Beispiel: Das Muster der hellblauen Heimtrikots „ist die visuelle Repräsentation der Webstühle, die integral waren für die industrielle Revolution in Manchester.“ Der naive Betrachter erkennt nicht mal ein Muster, und entstanden ist der Stoff natürlich an keinem Webstuhl im Norden Englands, sondern an riesigen Maschinen in Südostasien, unter Mithilfe von Kinderhänden. Aber hey, was soll’s. Viel wichtiger ist ohnehin, dass das schwarze Auswärtstrikot vom legendären Hacienda inspiriert wurde, einem ehemaligen Nachtklub in der Stadt, und das dritte City-Trikot von der vibrierenden Musikszene Manchesters, wie der Ausrüster bekanntgab. Es ist gelb.

Im Trikot des FC Chelsea soll sich die Architektur der Stamford Bridge widerspiegeln, dem Stadion, und das Hemd von Everton ziert nicht einfach diagonale Linien, nein: „Eine moderne Graphik, beeinflusst von des unverwechselbaren Stahlstreben des Oberrangs der Bullens-Road-Tribüne.“

Viel Geschrei um wenig Wolle, hätte die Oma gesagt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion