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Riesengroße Sonnenbrillen aber ohne Espressotasse: Joachim Löw.

Kommentar Bundesliga

Stummer Alarm

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Die Bundesliga kommt so offensiv und spannend daher wie seit Jahren nicht mehr. Es gibt sogar einen Titelkampf.

Es ist jetzt ein neues Fußballbuch erschienen, „Ausgespielt?“ heißt es. Dietrich Schulze-Marmeling, der fleißige Autor, der beinahe im Halbjahresrhythmus eine neue Monografie auf den Markt schiebt, thematisiert das drohende Absaufen des deutschen Fußballs. Das Aus der Nationalmannschaft im Sommer bei der WM in Russland ist der Aufhänger, dran festgemacht werden die Probleme im Nachwuchsbereich, wo sich eine große Talentedürre ankündigt, und die Auswirkungen auf die Bundesliga. Alles hängt ja mit allem zusammen.

Die Sache ist allerdings die: Das Schulze-Marmeling-Buch will nicht so recht reinpassen in die derzeitige Gefühlslage des deutschen Fußballs. Auf dem Cover ist ein trauriger Marco Reus im Nationalmannschaftstrikot zu sehen, Bundestrainer Jogi Löw legt ihm tröstend den Arm auf den Rücken. Das war in Russland, nach dem Aus, aber Russland und das Aus sind jetzt, da der Start in die Rückrunde der Bundesliga ansteht, weit, weit weg. Löw hat schnell wieder in seinen alten Zustand zurückgefunden, kurz vor der Schwerelosigkeit, er sitzt in Freiburg im Café, trägt riesengroße Sonnenbrillen und nippt an klitzekleinen Espressotassen. Reus derweil ist prächtig gelaunt durch die Stadien der Bundesliga geflitzt, mit Tabellenführer Borussia Dortmund spielte er eine hinreißende Vorrunde, die gut ins Gesamtbild der Bundesliga reinpasste, die so offensiv und spannend daherkommt wie seit Jahren nicht mehr. Es gibt sogar einen Titelkampf. Und die Siege auf europäischer Ebene haben Deutschland in der ominösen Fünfjahreswertung der Uefa auf Platz zwei geführt, hinter den Spaniern. Zum Vergleich: Vor exakt einem Jahr lagen die Bundesliga-Klubs auf Platz elf, hinter den Österreichern, und Bayern München hatte schon die Finger nach der Meisterschale ausgestreckt, und in dieser Zeitung stand die Überschrift: „Alarm im Sperrbezirk“. Unterzeile: „Dem Standort Deutschland droht, international abgehängt zu werden.“ 

Schon seltsam. Damals schien es, als sei der Klubfußball das Problem, der Nationalelf unterstellte man mit einiger Selbstverständlichkeit weltmeisterliche Klasse, zumindest für die nahe Zukunft. Nur entfernt vernahm man aus den Gemäuern der Jugendabteilungen die Klagerufe der Trainer, die elf Mal den gleichen Spieler in der Kabine vorfanden: Taktisch disziplinierte Passmaschinen. Aber keine Dribbler, keine Freigeister. Dabei braucht man die so dringend im modernen Fußball.
Man darf sich ruhig freuen auf die Rückrunde, aber man darf nicht vergessen, warum: Weil junge Engländer und Franzosen das Spektakel in die Stadien bringen. Zugespitzt formuliert: Die Bundesliga ist so gut, weil die deutschen Spieler zurzeit so schlecht sind. Schulze-Marmeling wird noch einiges zu schreiben haben. 

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