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Man hört Streich gerne zu, wenn er seine Meinung sagt. Man sieht ihm aber höchst ungern zu, wenn er aus seiner Coachingzone heraus die Selbstkontrolle verliert.

Kommentar SC Freiburg

Streichs Kontrollverlust

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Christian Streich gehört in der Branche fraglos zu den scharfsinnigsten Kritikern gesellschaftlicher Fehlentwicklungen. Er sollte auch an der Seitenlinie seiner Vorbildfunktion gerecht werden.

Der Freiburger Trainer Christian Streich hat sich am Samstag anlässlich der 0:2-Niederlage des SC Freiburg gegen den VfL Wolfsburg auffällig zurückgenommen. Es ist allerdings im Grunde traurig, in diesem Zusammenhang das Wort „auffällig“ gebrauchen zu müssen. Denn eigentlich sollte es ja nicht als auffällig wahrgenommen werden, dass sich ein Trainer unauffällig verhält. Aber im Fall von Streich muss man das leider tun.

Beim 52-Jährigen handelt es sich fraglos um einen der scharf- und tiefsinnigsten Kritiker gesellschaftlicher Fehlentwicklungen seiner Branche. Man hört Streich gerne zu, wenn er seine Meinung sagt. Man sieht ihm aber höchst ungern zu, wenn er aus seiner Coachingzone heraus die Selbstkontrolle verliert.

Zuletzt ist das passiert, als Stürmer Nils Petersen von Referee Tobias Stieler mit einer Gelb-Roten Karte hinausgeschickt wurde, nachdem der Stürmer sich mehrfach lautstark echauffiert hatte. Das DFB-Bundesgericht hob Petersens Hinausstellung in einem Skandalspruch auf, weil der Angreifer – wie sein Trainer ein intelligenter und hintergründiger Kerl – die erste Verwarnung nicht wahrgenommen habe. Petersen hatte sich nämlich, wie es im Fußball betrüblicherweise viel zu oft vorkommt, nach anhaltenden Verbalattacken wegen eines zweifelhaften Elfmeterpfiffes zeitig vom Schiedsrichter abgewandt, als dieser ihm die Gelbe Karte vorhalten wollte. Ausgleichende Gerechtigkeit immerhin, dass Freiburg dann gegen Wolfsburg verlor, obwohl Petersen auf Geheiß des hohen Gerichts mitspielen durfte.

Der SC Freiburg hat sich mithilfe des Fußball-Topanwalts Christoph Schickhardt als findiger Winkeladvokat durch die DFB-Instanzen geklagt. Der Verein sollte nicht allzu stolz auf seinen Erfolg vorm Sport-Kadi sein, der ein Urteil fällte, das den unangenehmen Verhaltensauffälligkeiten von Fußballprofis keinen Einhalt gebietet, sondern sie ganz im Gegenteil noch fördert.

Das hat auch Christian Streich in der Vergangenheit allzu oft getan, indem er sich an der Seitenlinie zum Fremdschämen arg danebenbenahm. Dabei gehört es zu seinem Jobprofil, den Spielern vorzuleben, dass im Fußball unvermeidliche gravierende Fehlentscheidungen in einer Form des zumindest halbwegs respektvollen Umgangs akzeptiert werden sollten. Dass Streich am Montag eine vom DFB-Sportgericht ausgesprochene Geldstrafe von 15.000 Euro für sein Fehlbetragen ohne Widerrede akzeptierte und auch schon vorher verbal Buße tat, ist immerhin begrüßenswert.

Es nützt nur nichts, wenn der mehrmalige Wiederholungstäter im Angesicht des ungeheuren Drucks im Ligaalltag auch zukünftig regelmäßig das falsche Ventil öffnet. So, wie Streich Vorbild für viele Menschen hierzulande sein kann, wenn es darum geht, verbal für Schwächere in der Gesellschaft einzutreten, ist er auch konkret gefordert, sein Verhalten am Sportplatz nicht nur zu überdenken, sondern zu verändern. Sonst passen Reden und Tun nicht zusammen.

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