+
Elfmeter ja oder nein? Es braucht technische Hilfe.

Pro

Streben nach mehr Gerechtigkeit

  • schließen

Es braucht technische Hilfe. Alles andere ist nicht zeitgemäß. Bei der WM 2018 sollte der Videobeweis nicht der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Gut gedacht, schlecht gemacht: Auf diese Kurzformel lässt sich nach knapp einem halben Jahr bringen, was die Fußball-Bundesliga mit der Einführung des Videoassistenten bisher erlebt hatte. Dass dieser Eingriff in die Gewohnheiten des deutschen Lieblingssports die Seelen spalten würde, war von vornherein abzusehen. Nur: Nie und nimmer war vorherzusehen, dass verunsicherte Unparteiische in den Bundesliga-Stadien und teils vorschnell oder eigenmächtig eingreifende Helfer in Köln eine so wenig einheitliche Linie fahren würden. Endgültig unterhöhlt wurde die Glaubwürdigkeit in eine doch gemeinhin für Fairplay trommelnde Schiedsrichterszene durch die aus persönlichen Animositäten rührende Fehde, die sich um Supervisor Hellmut Krug abspielte. Dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) daraufhin nicht selbst reinen Tisch machte, sondern den prekären Fall an seine Ethikkommission weiterreichte, machte alles nur noch schlimmer.

Und doch darf der Videobeweis weder hierzulande noch weltweit beendet oder sogar beerdigt werden. Es lohnt der Blick zum American Football in den USA, wie auch in Spielsportarten das elektronische Hilfsmittel treue Dienste leistet. Mit der Technik im Fußball nur zu klären, ob ein Ball im Tor war oder nicht im Tor, ist zu wenig. Voraussetzung für den Einsatz sind klare Regeln, schnelle Entscheidungen und hohe Transparenz.

Der Unfug gehört abgeschafft, Szenen auf der Gegenseite nach einer Torerzielung auszuwerten. Hier könnte eine 30-Sekunden-Regel greifen – danach werden nur noch Tätlichkeiten hinter dem Rücken der Referees geahndet. Keine Lösung ist die herbeigerufene Challenge-Variante, weil dann jede Schlussphase durch Eingriffe des führenden Teams zerrissen würde, die den Videobeweis nur als taktisches Mittel missbrauchen würden.

Sich ihm indes komplett zu verschließen, ist unzeitgemäß. Es wäre ein Armutszeugnis im digitalen Zeitalter, wüssten weiterhin beinahe alle Stadionbesucher und ausnahmslos die Masse der Fernsehzuschauer nach einer klaren Fehlentscheidung unmittelbar Bescheid, nicht aber der Schiedsrichter. Er ist ohnehin einem immer höheren Druck ausgesetzt. Der Ansatz der Fifa in Zusammenarbeit mit dem Regelboard Ifab war gut, sich von vornherein auf die Fälle Torerzielung, Platzverweis und Elfmeter zu beschränken. Hilfreich wäre es für die Testphase, zugleich einheitliche Standards für das Zusammenspiel zwischen Schiedsrichter und Videoassistent zu schaffen. Warum nicht gerade in der heiklen Testphase feste Gespanne festlegen?

Es sind nicht nur kleine Stellschrauben, an denen noch gedreht werden muss, weshalb dringend davon abzuraten ist, den Videobeweis auf einer Bühne wie der WM 2018 der Lächerlichkeit preiszugeben. Die Gefahr ist groß, dass er nach einem Reinfall in Russland ganz in der Mottenkisten landet. Langfristig muss es ums große Ganze gehen: Mehr Gerechtigkeit in einem Sport, der in jeder Hinsicht Milliarden bewegt. Und nebenbei errichtet der Videobeweis auch einen kleinen Schutzwall gegen die immer größere Gefahr der Wettmanipulation.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion