+
Boy watching soccer in a television store

Fußball-Übertragungsrechte

Streamingdienst Dazn kapert die Champions League

  • schließen

Fußball schauen wird komplizierter. Gewinner im Kampf um Übertragungsrechte sind vorerst die Streamingdienste – Verlierer die Fans.

Für Alex Schlüter ist die große Fußballbühne mit Spielen des FC Bayern oder von Real Madrid längst Routine. Stars wie Nationalspieler Manuel Neuer oder Serge Gnabry bringen ihn nicht mehr aus der Ruhe, wenn sie mit ihm vor der Kamera das Geschehen auf dem Platz analysieren. „Im schlechtesten Fall“, erklärt der Moderator der Streamingplattform Dazn, „sucht mich vor der Übertragung der Leiter der Sendung, um noch etwas Dringendes zu besprechen.“ Anmerken lassen darf er sich die Hektik nicht: Wenn Schlüter die Zuschauer vor den Bildschirmen begrüßt, muss er alles im Griff haben.

Schlüter ist so etwas wie das Gesicht eines neuen Trends, dass von Fußballfans mit sehr gemischten Gefühlen beäugt wird. Der Sportmoderator arbeitet nicht bei der ARD oder dem Bezahlsender Sky. Der Norddeutsche ist gemeinsam mit einem neuen Riesen auf dem Milliardenmarkt der Fußballrechte bekannt geworden. Er interviewt die Fußballstars für einen Streamingdienst, dessen Name wohl für so manchen Fußballfan schon einer mittelschweren Provokation gleichkommt: Dazn, gesprochen klingt das in etwa wie Dasohn.

Ignorieren können auch die traditionellsten Fußballfans den Trend zum Streaming kaum noch. Das Medienunternehmen Dazn hat gerade den nächsten Coup gelandet. Ab der Saison 2021/2022 wird die Plattform nahezu alle Spiele der Champions League übertragen. Damit versetzte man Sky, dem bisherigen Marktführer, einen weiteren empfindlichen Dämpfer.

Schon jetzt überträgt Dazn die Champions League in der zweiten aufeinanderfolgenden Saison. Aktuell teilt sich der Streaminganbieter die Rechte noch mit dem bisherigen Platzhirschen Sky, hat aber schon jetzt mehr Partien im Programm als der Konkurrent. Die Kräfteverhältnisse werden nun noch weiter durchgeschüttelt – denn der Pay-TV-Sender wird ab 2021 komplett ohne Fußball-Königsklasse auskommen müssen.

Der Trend ist klar: Streaming läuft dem linearen Fernsehen den Rang ab und bringt selbst das Bezahlfernsehen in Bedrängnis. Als zweiter Anbieter der Champions League kommt nun Amazon ins Spiel. Wie in dieser Woche bekannt wurde, hat sich der Weltkonzern einen kleinen Teil der Rechte gesichert und zeigt mit seinem Dienst Prime Video ab übernächster Saison jeweils ein Topspiel der Champions League am Dienstagabend.

Die europäische Créme de la Créme des Fußballs ist ohnehin seit zwei Jahren ausschließlich zahlenden Kunden zugänglich. Als Dazn und Sky die Rechte zuletzt noch unter sich aufteilten, blickte das ZDF bereits in die Röhre – und damit auch jeder Fan, der zuvor immerhin noch eine Partie pro Spieltag im Free-TV sehen konnte. Jetzt dreht sich das Rad noch weiter.Bisher war der Kampf um die Rechte ziemlich durchsichtig. In der einen Ecke standen die öffentlich-rechtlichen Sender wie ARD, ZDF oder die Privatsender von RTL bis Sport1. In der anderen Ecke bereitete sich das Pay-TV auf das Wettbieten vor. Dort hieß der einzige Protagonist lange Sky beziehungsweise dessen Vorgängerunternehmen Premiere. Erst mit dem Einstieg von Dazn im Sommer 2016 wandelte sich der Wettbewerb um die Fußballrechte.

Champions League in Gelsenkirchen, Schalke gegen Porto. Dazn (weißes Hemd: Moderator Alex Schlüter) dominiert das Bild.

Zum Deutschland-Start vor rund drei Jahren war die temporeiche Entwicklung von Dazn indes nicht absehbar. Der sperrige Name, die vergleichsweise komplizierte Streaming-Technik, die Rechteaufteilung auf mehrere Anbieter. Das Publikum wurde tatsächlich auf die Probe gestellt, viele prophezeiten Dazn ein schnelles Ende. Sie irrten. Das Unternehmen hat Ausdauer bewiesen.

Das liegt wohl auch an den fianzkräftigen Investoren. Dazn ist ein Teil der Perform Group. Zum Konzern mit Sitz in Großbritannien gehören zahlreiche weitere digitale Sportangebote, darunter Nachrichtenportale und Datendienstleister. Hinter Perform wiederum steht die Beteiligungsplattform Access Industries des russisch-amerikanischen Milliardärs Leonard Blavatnik. Diese hält nach eigenen Angaben 85 Prozent am Medienkonzern. Blavatniks Vermögen wird auf rund 19 Milliarden Dollar geschätzt. Dazn will er zur neuen Macht auf dem Sportmarkt entwickeln.

Und dafür wird viel investiert: Dem Unternehmen war beim Erwerb neuer Rechte von Beginn an kaum eine Summe zu hoch. Auch außerhalb Deutschlands gibt Dazn viel Geld aus: rund zwei Milliarden Euro für die J-League, Japans höchste Fußballliga, etwa eine halbe Milliarde Euro für Rechte im Box- und Kampfsport in den USA.

Auf kurzfristige Refinanzierung ist das Geschäftsmodell der Plattform nicht ausgelegt. Der weltweite Dazn-Geschäftsführer James Rushton sagte kurz nach dem Markteinstieg hierzulande: „Wir sind sehr gut finanziert und können uns mit unserem Anteilseigner glücklich schätzen. Der Access-Vorstand hat gesagt, das Geschäft von Dazn wird finanziert auf einer Basis von zehn bis zwölf Jahren.“ Bis mindestens 2026 also. Zwar kündigte Rushton kurz darauf an, bis spätestens 2020 einen Gewinn erwirtschaften zu wollen. Am aggressiven Vorgehen änderte diese Aussage allerdings nichts.

Auch Rückschläge gab es trotz der aggressiven Marktstrategie. So wanderte die begehrte englische Premier League vor dieser Saison zurück ins Sky-Programm. „Die Premier League war ein Verlust für uns. Wir haben den Verlust aber überkompensiert und diese Veränderung hinter uns gelassen“, sagt Dazn-Deutschlandchef Thomas de Buhr. Bedeutet: Dazn hat mehrfach zurückgeschlagen.

Kurz vor Beginn der neuen Spielzeit sorgte das Unternehmen mitten in der laufenden Rechteperiode für eine Überraschung. Im Zuge einer umfangreichen Kooperation mit dem TV-Sender Eurosport erwarb der Streamingdienst die Rechte für 40 Bundesliga-Partien, darunter alle Freitagsspiele. Außerdem integriert Dazn die Eurosport-Sender in das eigene Programm. Damit können Kunden der Plattform im kommenden Jahr die Olympischen Spiele sehen, außerdem beispielsweise drei der vier Grand-Slam-Turniere im Tennis.

Die ganz große Marktschlacht wird jedoch um die Fußballrechte ausgetragen. Sie sind das Filet, um das sich die gierigen Kontrahenten reißen: kostspielig wie prestigeträchtig. Die Übertragungsrechte für die Bundesliga oder die Champions League sind ein hochexklusives Gut, das den Sendern und Streamingdiensten im Markt eine entsprechende Reputation verschafft. Schon jetzt zeigt Dazn mehr als 100 Spiele der Königsklasse live. Das sorgt für Selbstbewusstsein. „Wir sind damit ganz klar der größte Champions-League-Broadcaster in Deutschland“, sagt Deutschlandchef de Buhr.

Die Position nutzt der Streamingdienst dazu, um eine eindeutige Ansage in Richtung der Konkurrenz zu schicken. „Man sieht, dass wir es ernst meinen“, betont de Buhr mit Blick auf die jüngsten Rechtekäufe. Gleichwohl ist Dazn nun vom Jäger zum Gejagten geworden.

Doch nicht nur die Rechte allein sind für das Wachstum von Dazn entscheidend. Als „Netflix des Sports“ wird es seit seinem Markteintritt bezeichnet, weil es sich den Sehgewohnheiten der jungen Zielgruppe anpassen will. Vor allem steht das Unternehmen, dessen Deutschlandzentrale in Ismaning beheimatet ist, für eine Neuheit auf dem Markt: Dazn hat das erste Angebot seiner Art im Sport. Durch monatliche Kündbarkeit hat sich Dazn wegbewegt von der 24-Monate-Mindestlaufzeit, die bei Sky zuvor gesetzt war. Der Pay-TV-Sender reagierte mit seinem Angebot Sky Ticket, mit dem er sich ebenfalls als mobiler, digitaler Anbieter zeigen will – günstiger als die linearen Pakete, ebenfalls monatlich kündbar. Am Eindruck, dass sich der Streamingkonkurrent Dazn zuletzt einen besseren Ruf erarbeitet hat, ändert das wenig. Nun zeigt die Plattform ab 2021 auch noch nahezu exklusiv die Champions League.

Der Streaminganbieter ist bemüht um einen eigenen Anstrich. Die Moderatoren, Experten und Reporter stehen direkt am Spielfeld. Es gibt keine Zentrale, aus der berichtet wird. „Das Stadion ist unser Studio“, sagt de Buhr zu der Strategie, wie Dazn die Fans vor dem Bildschirm erreichen will. Beim Übertragungsstandard und -aufwand gibt es zwischen der Online-Plattform und linearem Fernsehen keinen grundlegenden Unterschied. Bleibt allerdings die Frage: Wie zuverlässig kommt das Signal an den Geräten im heimischem Wohnzimmer an?

Dazn – aber auch Sky mit seinen Streamingangeboten – erlebten schon einige Ausfälle, die bei den Zuschauern nicht gut ankamen. Ausgefallenes Bild, abgehackte und erheblich verzögerte Übertragungen, Fehler beim Einloggen – Probleme also, die es beim guten alten Fernsehen eigentlich seit Jahrzehnten nicht mehr gab, sind bei den Internetdiensten keine Seltenheit. Das liegt manchmal an den Anbietern, machmal aber auch schlicht an der unzureichenden Internetversorgung in vielen Regionen. Heißt: Wer die Champions League künftig auf dem Sofa sehen will, braucht dafür einen schnellen Internetzugang. Wenn es den nicht gibt, dann gibt es eben auch keinen Live-Fußball. Immerhin überträgt das ZDF die Champions-League-Endspiele 2022 bis 2024.

Eine echte Konkurrenz für Dazn ist der öffentlich-rechtliche Sender längst nicht mehr. Amazon hat sich schon ein kleines Stück vom Champions-League-Kuchen abgebissen. Der Riesen-Konzern von Multimilliardär Jeff Bezos, dem unter anderem auch die US-Hauptstadtzeitung „Washington Post“ gehört, dürfte darin nicht mehr als einen Einstieg in einen Milliardenmarkt sehen. Streamingplattformen können sich nur durch Exklusivität voneinander abheben. Entweder durch besonders exklusive Eigenproduktionen bei den beliebten Serien, oder eben durch den Sport. Kontrahenten wie Netflix oder Apple dürften folgen.

Für diese Konzerne, so beschrieb es jüngst Ex-Bayern-Präsident Uli Hoeneß treffend, spielt „eine halbe Milliarde oder eine Milliarde keine Rolle“. Ihnen geht es um die jungen Zielgruppen. Die sind bereits an Streaming gewöhnt, kennen die Dienstleister – und werden es akzeptieren, wenn Fußball in Zukunft dort übertragen wird. Spätestens die Rechteausschreibung für die Bundesliga im Frühjahr 2020 wird dann zeigen, ob auch für die heimische Liga das Streamingzeitalter voranschreitet.

Free-TV im Abseits

Kostenlos Spitzenfußball schauen? Das wird immer schwieriger. Das Free-TV gerät bei den Übertragungsrechten zunehmend ins Abseits. 

Fußball-Bundesliga: ARD und ZDF konnten bisher immerhin die Rechte für Zusammenfassungen in der ARD-Sportschau und dem ZDF Sportstudio kaufen, außerdem darf das ZDF ausgewählte Spiele live übertragen, wie das Eröffnungsspiel sowie den Supercup zwischen Meister und Pokalsieger. Die Rechte für die kommende Saison werden erst noch vergeben. 

Champions-League-Spiele gibt es fast nur noch im Pay-TV und bei Streamingdiensten. Allerdings wird das ZDF immerhin die Finale 2022, 2023 und 2024 zeigen, außerdem befindet sich der Sender nach eigenen Worten in aussichtsreichen Verhandlungen über eine wöchentliche Zusammenfassung der Spiele am Mittwochabend. 

Länderspiele der deutschen Nationalmannschaft haben bisher ihren Platz im Free-TV: Der Privatsender RTL zeigt die Qualifikationsspiele zur Europa- und Weltmeisterschaft, die EM und die WM laufen bisher dann bei ARD und ZDF. Das gilt auch für die „Euro 2020“: Zum 60-jährigen Jubiläum des Turniers finden die Spiele in 13 europäischen Ländern statt, sind aber alle kostenlos im deutschen TV zu sehen. Aber auch bei Länderspielen geht der Trend zum Streaming: Die Rechte für die EM 2024 hat sich die Telekom gesichert.

Dazn: Hauptsache Königsklasse

Auf Dazn sind seit dieser Saison neben der Champions League auch ausgewählte Spiele der Bundesliga zu sehen. Durch eine Kooperation mit Eurosport hat sich der Streamingdienst im Sommer die Übertragungsrechte für insgesamt 40 Bundesligaspiele gesichert, darunter alle Partien am Freitag und Montag. Die Rechte an den Live-Spielen der Champions League teilt sich die Plattform derzeit noch mit dem Pay-TV-Sender Sky. Der Großteil der Spiele der Fußball-Königsklasse läuft allerdings bei Dazn. Durch den Erwerb der Bundesliga-Rechte vor dieser Saison hat der Streaminganbieter erstmals seit seinem Markteinritt den Preis erhöht. Ein Monatsabonnement kostet derzeit 11,99 Euro, zuvor waren es noch 9,99 Euro.

Gleichzeitig hat Dazn aber auch ein neues Jahresabo eingeführt, das bei 119,99 Euro liegt. Damit hat die Plattform die Möglichkeit für den Fußball-Fan erhalten, für das Angebot weiterhin einen monatlichen Preis von rund zehn Euro zu bezahlen.

Nach dem Erwerb fast aller Champions-League-Rechte ab der Saison 2021 ist nicht ausgeschlossen, dass Dazn eine erneute Preiserhöhung vornimmt. Bislang gibt es dazu keine Aussagen des Medienunternehmens.

Amazon Prime Video: Neu auf dem Platz

Bislang war Amazon in Deutschland nicht für die TV-Übertragung von Fußballspielen bekannt. Doch nun hat sich der US-Digitalriese einen Teil der Champions League ab der Saison 2021/22 gesichert. Ab der übernächsten Spielzeit ist die Fußball-Königsklasse dann auch beim Streamingdienst Amazon Prime Video zu sehen.

Ein Unbekannter ist der Weltkonzern im Sportrechtemarkt allerdings längst nicht. Amazon gilt als Marktmacht und hatte zuletzt mit dem Kauf von Medienrechten für zwei Spieltage der englischen Premier League auf sich aufmerksam gemacht. Auch Spiele in der US-amerikanischen National Football League (NFL) sowie Wettbewerbe im Tennis oder Volleyball gehören zum Portfolio – allerdings beschränkte sich diese TV-Rechte auf Märkte außerhalb Deutschlands. Amazon hat nun bei den deutschen TV- und Streaming-Rechten zugeschlagen. Bislang hat das Unternehmen noch keinen Preis für das Champions-League-Dienstagsspiel genannt. Als wahrscheinlich gilt, dass Kunden von Amazon Prime die Spiele ohne zusätzliche Kosten sehen können. Aktuell kostet das Jahresabonnement 69 Euro.

Sky: Auf dem Rückzug

Die Bundesliga und die 2. Bundesliga sind derzeit noch größtenteils bei Sky zuhause. Der Bezahlsender zeigt derzeit pro Saison insgesamt 266 der 306 Spiele der Bundesliga live und zusätzlich in der Konferenz. Einzig die Freitags- und Montagsspiele sowie Begegnungen am Sonntagmittag gehören nicht dazu und sind bei Dazn zu sehen.

Auch die Champions League wird derzeit von Sky übertragen – allerdings seit der Kooperation mit Dazn, die seit der Spielzeit 2018/2019 gilt, nur noch in kleinerem Umfang. Neben der Konferenzschaltung sind lediglich ausgewählte Partien mit deutscher Beteiligung als Einzelspiel auf Sky zu sehen. Ab Sommer 2021 wird die Champions League nur noch bei Dazn zu sehen sein.

Die Kosten für ein Sky-Monatsabonnement Fußball belaufen sich derzeit für Neukunden auf 29,99 Euro. Allerdings erhöht sich der Preis nach Ablauf von zwölf Monaten auf 59,99 Euro. Alternativ dazu hat Sky auch ein eigenes Streamingangebot eingeführt. Mit dem Sky Sport Ticket für 29,99 Euro monatlich sind ebenfalls alle Partien der Bundesliga, 2. Liga und Champions League auf mobilen Endgeräten empfangbar.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare