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Strategen-Gipfel zweier Weltmeister

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Von: Frank Hellmann

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Die Passmaschine: Toni Kroos (links) und die Kampfmaschine: Sami Khedira (rechts).
Die Passmaschine: Toni Kroos (links) und die Kampfmaschine: Sami Khedira (rechts). © afp/rtr

Toni Kroos und Sami Khedira bilden den deutschen Fixpunkt in einem spannenden Duell um die Champions-League-Krone.

Die Entscheidung ist getroffen: Das Dach bleibt zu. Mag das Wetter gerade an der Cardiff Bay noch so schön sein und sich über dem Millennium Stadion am River Taff ein Postkartenpanorama abzeichnen, so sind die Sicherheitsaspekte vorrangig: Über der Spielstätte des diesjährigen Champions-League-Endspiels zwischen Real Madrid und Juventus Turin (Samstag 20.45 Uhr MESZ/live ZDF) kommt der Deckel drauf. Sami Khedira wird mit dem italienischen Meister der Erste sein, der sich am Freitag beim um 17.30 Uhr Ortszeit terminierten Abschlusstraining vom Hallencharakter ein Bild machen kann, Toni Kroos folgt mit dem spanischen Titelträger zwei Stunden später.

Zwangsläufig werden beide bei der Begehung den Blick nach oben richten – und statt blauem Himmel nur grauen Stahl erspähen. Und was bekommen 74 500 Stadionbesucher und Millionen Fernsehzuschauer dann im Finale zu sehen? Real gegen Juve heißt ja auch: Es kommt zum deutschen Duell an zentraler Stelle. Der 27 Jahre alte Kroos gilt genau wie der drei Jahre ältere Khedira als Schlüsselspieler. Strategen-Gipfel zweier Weltmeister.

Die Mittelfeldspieler stehen auf ihre Art auch für den Spielcharakter der Endspielteilnehmer. Hier Passmaschine Kroos, die mit bestechender Präzision den Rhythmus bestimmt. Vorbereiter, Taktgeber und Standardspezialist. Dort Kampfmaschine Khedira, die mit beindruckender Selbstverständlichkeit die Balance absichert. Stabilisator, Wellenbrecher und Abräumer. Ihre Schwerpunkte sind unterschiedlich, und so verwundert kaum, dass der 76-fache Auswahlspieler Kroos, gebürtig in Greifswald, aufgewachsen in Mecklenburg-Vorpommern, in den Statistiken besser aussieht als der 70-fache Nationalspieler Khedira, geboren in Stuttgart, sozialisiert im Schwabenland.

Schuften für Ronaldo

In der Königsklasse hatte Kroos, dessen Jahresgehalt bei 20 Millionen Euro liegen soll (Vertrag bis 2022), bislang mehr Ballkontakte (953:552), viel mehr Pässe gespielt (810:447), mehr Bälle erobert (59:28) und sogar mehr Zweikämpfe geführt (135:112). Aber Khedira, dessen Salär auf neun Millionen taxiert wird (Vertrag bis 2019), ist deshalb nicht weniger wichtig – nur ist sein Spektakelfaktor seit jeher geringer. Sein Credo: „Die Mischung macht’s.“ Dass er nun auf einen Nationalmannschaftskollegen trifft, mit dem er bei der WM 2018 in Russland nach heutigem Stand die erste Besetzung für die Doppel-Sechs wäre, nimmt er gelassen hin. „Jeder konzentriert sich auf sich und seine Mannschaft.“ Auch sein Gegenüber möchte nicht viel Aufhebens von der direkten Begegnung machen: „Es ist nicht unmöglich, dass sich unsere Wege kreuzen. Sonst spielen wir ja Seite an Seite. Jeder kennt den anderen ganz genau.“

Vielleicht wird es sogar zur Systemfrage, wer sich durchsetzt: Kroos wird bei Real derzeit vom kampfstarken Brasilianer Casemiro und dem umtriebigen Kroaten Luka Modric unterstützt, aber in dem 4-3-3-System schultert das Dreier-Mittelfeld eine Herkulesaufgabe, weil vorne meist drei Freigeister herumschwirren, die immer wieder an ihre defensiven Pflichten erinnert werden müssen. Cristiano Ronaldo nimmt gerne eine Verschnaufpause, wenn der Gegner den Ball besitzt. Khedira, flankiert vom erfahrenen Italiener Claudio Marchisio oder dem Bosnier Miralem Pjanic, hat es da deutlich besser: Kollektive Arbeit gegen den Ball gilt in einer wahlweise mit Dreier- oder Viererkette geordneten Formation als mindestens ebenso heroenhaft wie ein gelungener Angriffszug. Mario Mandzukic gibt bei Bedarf das ganze Spiel ohne zu murren auch mal einen linken Verteidiger.

Interessant, dass beide Musterprofis den Finaleinzug als Signal deuten, den richtigen Karriereplan verfolgt zu haben. Kroos betont, dass das Scheitern der Vertragsgespräche 2014 beim FC Bayern ihm letztlich dienlich war: „Im Nachhinein kann ich behaupten, dass der Schritt absolut der richtige war.“ Und Khedira beteuert, dass sein Weggang 2015 aus Madrid ihm mehr Wertschätzung – vor allem in der Öffentlichkeit – eingebracht habe. Das Taktikland Italien würdigt Kämpen wie ihn. „Vielleicht bewertet man hier Spiele mit anderen Augen, hat eine andere Philosophie von Fußball.“

Unabhängig, wer den Henkelpott bekommt, steht eines fest: Für Kroos und Khedira ist es zugleich der Saisonabschluss. Bundestrainer Joachim Löw hat seine Stützen vom Dienst für den Confed Cup und die vorangeschalteten Länderspiele in Dänemark und gegen San Marino befreit. Speziell Kroos hatte frühzeitig signalisiert, mit diesem Sommerturnier gar nichts anfangen zu können. Noch weniger als mit einem Fußballspiel unter einem Hallendach.

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