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Ein Lebenstraum hat sich erfüllt: Vincenzo Grifo als Teil der Squadra Azzurra.

Vincenzo Grifo

Ein Straßenfußballer durch und durch

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Der Hoffenheimer Kurzarbeiter Vincenzo Grifo steht erstmals im Kader der italienischen Nationalmannschaft.

Vincenzo Grifo sagt: „Ich liebe es, zu kicken.“ Der Offensivspieler der TSG 1899 Hoffenheim hebt bei diesen Worten die Stimme, fast so, als wolle er seine Leidenschaft für das Fußballspielen noch mehr unterstreichen. Vincenzo Grifo ist ein Straßenfußballer durch und durch, seine Laufbahn erzählt die erstaunliche Geschichte eines Spätstarters im Profifußball, der seiner kuriosen Karriere der Umwege nun ein neues, aufregendes Kapitel hinzufügt: Seit Montag befindet sich Grifo in Florenz, im Trainingslager der italienischen Nationalmannschaft.

Zum ersten Mal wurde der in Pforzheim geborene Kicker völlig überraschend von Nationaltrainer Roberto Mancini für die Squadra Azzurra nominiert, am Samstag gegen Portugal in Mailand oder kommenden Dienstag in Genk gegen die USA könnte der Offensivspieler für das Heimatland seiner Eltern debütieren; sein Vater stammt aus Sizilien, seine Mutter aus Apulien. „Ein Lebenstraum“ ginge damit in Erfüllung, sagt Grifo. Der 25-Jährige schien selbst etwas fassungslos, nachdem der italienische Verband vergangenen Donnerstag erstmals mit Hoffenheim Kontakt aufgenommen hatte und am Freitag schließlich, Mancinis Assistent Alberigo Evani, ein ehemaliger Star des AC Mailand, dem Spieler am Telefon von dessen Nominierung unterrichtete. „Es ist eine wahnsinnige Ehre für Italien aufzulaufen, ich kann es gar nicht fassen“, schwärmt Grifo, der einst viermal für die U20 Italiens spielte: „Ich habe so lange auf diesen Moment gewartet. Einer der besten Spieler Italiens zu sein, ist unglaublich. Ich habe immer davon geträumt und am Fernseher früher die Daumen gedrückt.“

Nun ist er dabei. Das überrascht aber nicht nur ihn. Auch die italienische Öffentlichkeit staunte über die Nominierung des Freistoßspezialisten. Bei seinem zweiten Anlauf in Hoffenheim konnte Grifo bislang nur selten überzeugen. Erst zweimal kam er in der Bundesliga von Anfang an zum Einsatz, in der Champions League noch gar nicht. Möglicherweise gab seine starke Leistung vor zehn Tagen beim 4:1-Sieg in Leverkusen den Ausschlag. Er erzielte ein Tor und bereitete zwei vor. Grifo hat es unter Trainer Julian Nagelsmann nicht leicht. Auch weil es in den Grundordnungen des Trainers keine klassischen, offensiven Flügelspieler gibt – Grifo aber ist am stärksten, wenn er von außen nach innen dribbeln kann. Das sieht offenbar auch Mancini so, der sagt: „Wir beobachten ihn schon lange. Er ist ein Flügelspieler, der rechts und links spielen kann, wir wollen ihn sehen.“ Die Saison verlief für Grifo in Hoffenheim bislang enttäuschend, seine Nominierung für Italiens A-Auswahl sagt deshalb sehr viel über die Probleme des Calcio zwischen Mailand und Neapel aus. 

Die WM vergangenen Sommer in Russland verfolgten die Italiener am Fernsehen, der Umbruch im Nationalteam erweist sich als schwierig. Mancini aber sagt trotzig: „Italien hat sich nicht erholt, weil es noch nie krank war. Leider ist das, was wir wissen, passiert – und jetzt müssen wir von vorne beginnen.“ Gerade im Mittelfeld drängen keine Spieler mit internationalen Format nach, auch deshalb lud Mancini nun neben Grifo die Talente Sandro Tonali, 18, vom Zweitligisten Brescia und Stefano Sensi, 23, aus Sassuolo erstmals ein. Grifo, der Umwege zu gehen, gewohnt ist, will seine Chance nutzen, er sagt: „Ich werde alles raushauen und es in vollen Zügen genießen.“ 

Grifo ist kein Talent aus den Nachwuchsleistungszentren der Republik. Trotzdem seinen Weg gegangen zu sein, mache ihn stolz, sagt er: „Ich hatte in Pforzheim meine Unbekümmertheit, ich hatte meine Freunde, meine Familie, die bei mir über allem steht. Erst mit 18, 19 fühlte ich mich reifer und war bereit für den nächsten Schritt.“ 

Den 1. CfR Pforzheim verließ er erst in der A-Jugend, ging zum Karlsruher SC und zog dann weiter zur TSG Hoffenheim, wo er den Durchbruch in der Bundesliga nicht schaffte. Der gelang ihm erst nach Stationen bei den Zweitligisten Dresden und FSV Frankfurt nach dem Aufstieg mit dem SC in Freiburg, wo er Trainer Christian Streich „als prägend“ erlebt hat. „Herr Streich füllt so eine Vaterrolle aus dort mit seiner Erfahrung und versteht unheimlich viel von Fußball. Er will dich von Tag zu Tag besser machen, das spürt jeder Spieler. Ich habe von ihm sportlich und privat sehr viel gelernt.“

Dennoch ging er nach Mönchengladbach, wurde dort nicht glücklich und wechselte im Sommer für 5,5 Millionen Euro Ablösesumme erneut nach Hoffenheim, wo er bislang nur Kurzarbeiter ist. Sein größter Traum aber steht kurz vor der Erfüllung. Vor der Reise zur italienischen Nationalmannschaft sagte er gleichsam stolz wie scherzend: „Ich weiß nicht, ob das ein anderer Pforzheimer vor mir je geschafft hat.“

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