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Almuth Schult: Wenn der Ehrgeiz größer als der Schmerz ist.

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Schmerzen zulassen

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Die deutsche Nationaltorhüterin Almuth Schult hat bei der WM mit einer schwerwiegenden Schulterverletzung gespielt. Es war eine Gratwanderung, die gut gegangen ist. Auf dieser Position werden Schmerzen gerne ignoriert. Der Kommentar.

Nun ist es also mit einiger Verspätung amtlich: Almuth Schult, die meinungsstarke Keeperin vom Double-Gewinner VfL Wolfsburg und von der deutschen Frauen-Nationalmannschaft, hat eine ziemlich umfassende wie schmerzhafte Schulterverletzung monatelang verschwiegen. Wenn Bizepssehne, Gelenkslippe und Kapsel beim Normalbürger gerissen sind, trägt die- oder derjenige keine Wasserkiste mehr in die Wohnung. Leistungssportler, die ihren Arm belasten, legen sich bei solch einer Diagnose zwangsläufig unters Messer. Die Fußball-Nationaltorhüterin hat eine solche Verletzung bei der WM dennoch beiseitegeschoben und erst einmal weitergespielt. Großes Glück, dass es gutgegangen ist. Großes Kompliment, wie sie (durch)gehalten hat.

Ehrgeizig wie Manuel Neuer

Die 28-Jährige gilt als nicht minder ehrgeizig als Manuel Neuer. Auch wenn der Nationalmannschaftskapitän der Männer ungefähr das Hundertfache von Schult verdient – sie hat die Summe selber geschätzt (!) – betrachten beide ihre Entlohnung nicht als Schmerzensgeld. Dem Torwart wird bis runter in die Kreisklasse ein besonderer Ehrgeiz nachgesagt, weil er sich gerne fürs große Ganze, in diesem Falle mindestens seine zehn Vorderleute, verantwortlich fühlt. Bei Schult kam hinzu: Zwei WM-Turniere hatte sie als dritte (2011) beziehungsweise zweite Torhüterin (2015) im Schatten von Nadine Angerer erlebt. Mit 28 Jahren ihre erste WM als Nummer eins zu verpassen, wollte sie nicht akzeptieren.

Sie bekämpfte den Schmerz erst mit Schmerzmitteln, später mit dem körpereigenem Adrenalin – und irgendwie war es sogar hilfreich, dass sie zu Jahresanfang bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung, die sich im Nachhinein als Masern herausstellte, noch viel Schlimmeres erlebt hatte. Dagegen war eine gerissene Schultersehne zu verschmerzen. Und haben deutsche Torhüter nicht noch ganz andere Opfer gebracht, um das Heiligtum zu bewachen? Der Kriegsgefangene Bert Trautmann stieg als Schlussmann von Manchester City zur Legende auf, weil er 1956 den Pokalsieg im Wembleystadion mit einem Genickbruch festhielt. Die Lebensgeschichte des gebürtigen Bremers als Versöhner der Nachkriegszeit hat es gerade bis in die deutschen Kinos geschafft. Leidensfähigkeit als Heldentat.

Mit Tabletten den Schmerz bekämpfen

Gleichwohl bleibt jedes Mal aufs Neue zu hinterfragen, bis zu welchem Punkt Profisportler selbst bestimmen dürfen, wann die Grenze der Zumutbarkeit und Belastbarkeit erreicht ist. Gerade die Fußballbranche liefert ein schlechtes Beispiel, wenn nach besorgniserregenden Zusammenstößen die Spieler selbst über Kopfverletzungen urteilen sollen. In diesem Fall ist größte Vorsicht geboten. Eine von Cheftrainern und Mannschaftsärzten vorgeschobene Eigenverantwortung ist wegen der Folgeschäden fatal.

Abstoßend wirkt es, wenn vor laufender Kamera im Wettkampf einfach mal schnell ein, zwei Schmerztabletten eingeworfen werden, um der Natur einen Streich zu spielen. Nur noch einmal zur Erklärung: Der Körper sendet ein Schmerzempfinden deshalb aus, um einen Haltepunkt zu markieren. Dieses Stoppsignal dauerhaft zu ignorieren, ist gefährlich. Das Für und Wider wird auch Almuth Schult während ihrer langen Rehapause gewiss für sich erörtert haben. Auch wenn sie im Film darüber nicht gesprochen hat.

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